Nichts bemerkt, nichts geahnt
Stuttgart. Überraschend ist gestern im Winnenden-Prozess erneut die Beweisaufnahme eröffnet worden. Für eine der zentralen Fragen des Verfahrens half die Polizeivernehmung von Tim K.s Mutter aber nicht weiter.
Die letzte Begegnung Tim K.s mit seiner Mutter findet am Morgen des 11. März 2009 am Frühstückstisch statt. Gesprochen wird kaum, Tim ist wie immer einsilbig und verschlossen. Ute K. liest Zeitung, während Tim seinen Kaba trinkt. Er freut sich über den Rührkuchen, den seine Mutter gekauft hat. Dann geht Ute K. in ihr Büro im Keller. Um kurz vor 9 Uhr hört sie die Haustür ins Schloss fallen. Tim ist gegangen. Ohne Abschiedsgruß, so wie immer. Nur, dass der verschlossene Junge diesmal statt Schulbüchern die Pistole des Vaters und 285 Schuss Munition in den Rucksack geladen hat.
Nichts sei ihr an diesem Morgen aufgefallen, wird Ute K. später der Polizei erzählen, nichts sei ihr in den Tagen oder Wochen zuvor ungewöhnlich vorgekommen. Die Amoktat von Winnenden, bei der Tim 15 Menschen und sich selbst tötete, sei aus heiterem Himmel gekommen.
Dass diese Darstellung falsch ist, dass die Eltern doch etwas von den Mordgedanken hätten ahnen müssen, das ist eine tragende Säule in der Argumentation der Staatsanwaltschaft. Denn dann wäre es grob fahrlässig vom Vater des Amokschützen gewesen, die Schusswaffe unverschlossen im Haus aufzubewahren. Doch die Frage, was die Eltern hätten wissen müssen, ist in dem bisher vier Monate dauernden Prozess unbeantwortet geblieben.
Überraschend war gestern im Stuttgarter Landgericht vom Vorsitzenden Richter Reiner Skujat noch einmal die Beweisaufnahme eröffnet worden. Eigentlich hätten die insgesamt 18 Nebenklägeranwälte bereits ihre Plädoyers halten sollen. Doch weil Ute K. ihr Zeugnisverweigerungsrecht eingeschränkt hatte, durften ihre Vernehmungen bei der Polizei verwertet werden.
Darin schilderte sie Tim als aufgewecktes, lebhaftes Kind, das nie aggressiv war und seine jüngere Schwester sehr gern hatte. Im Laufe der Pubertät jedoch sei der Junge zusehends vereinsamt, habe alle Freunde und nahezu alle sozialen Kontakte verloren. Die Schulleistungen ließen nach, immer mehr Zeit habe Tim in seinem Zimmer an PC und Fernseher verbracht.
Bis er eines Tages mit einem Artikel aus dem Internet zu seiner Mutter kam und sagte: "Mama, ich weiß jetzt, woran es liegt, dass ich so schlecht in der Schule bin." In dem Artikel wird eine manisch-depressive Erkrankung beschrieben.
Es ist der Moment, in dem sich in dem Fall womöglich alles zum Guten hätte wenden können. Einer Therapeutin in der psychiatrischen Klinik in Weinsberg berichtet Tim später von seinem Hass auf alle Menschen, vom Zwangsgedanken, Menschen zu erschießen. Das weiß die Staatsanwaltschaft aus dem Abschlussbericht der Klinik - aber wussten es auch die Eltern, die diesen Bericht aus unerfindlichen Gründen trotz mehrmaliger Nachfrage nie bekamen? Hat die Therapeutin in der mündlichen Nachbesprechung nie von diesen Phantasien Tims berichtet, wie die Eltern sagen? Wurde der Verdacht auf Diagnosen wie atypischer Autismus, soziale Phobie oder Psychose ebenfalls nicht erwähnt? Oder haben die Eltern von der Psychiaterin nur das gehört, was sie hören wollten - nämlich, dass "es sich auswachsen wird", wie Ute K. den Tenor des Gesprächs beschreibt?
Dass dieser Punkt nie wirklich geklärt wurde, ist eine der unbefriedigendsten Aspekte in einem an Kuriositäten reichen Prozess. Da die Weinsberger Ärzte wegen Schweigepflicht dazu nicht vernommen werden konnten, blieb der Staatsanwaltschaft nur eine Zeugin, die belegen sollte, dass Tims Eltern von den Gedanken wussten. Doch die Zeugin, die Familie K. nach dem Amoklauf betreut hatte, änderte ihre Aussage im laufenden Prozess gleich zweimal - und verkehrte sie jeweils ins Gegenteil.
An der Forderung der Staatsanwaltschaft - zwei Jahre Haft auf Bewährung - änderte der gestrige Prozesstag freilich nichts. Doch ob sich der Vorwurf der fahrlässigen Tötung auf dieser dünnen Beweisdecke halten lässt, erscheint fraglich.
Ob der Prozess mit seinen vielen Winkelzügen für die Angehörigen der Opfer wirklich die erhoffte befreiende Wirkung entfaltet, steht ohnehin auf einem anderen Blatt. Im Saal des Landgerichts sah man gestern in viele müde Gesichter.
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Autor: ROLAND MÜLLER | 19.01.2011
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Wie konnte es zum Amoklauf in Winnenden kommen? Im Prozess blieben etliche Fragen offen. Archivfoto
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