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Närrischer Hexenstreit

Die Hexe ist mit die umstrittenste Figur der schwäbisch-alemannischen Fastnacht. Brauchtums-Hüter akzeptieren nur die alten Hexenzünfte - und stoppen die Aufnahme neuer Gruppen in die Narren-Vereinigung.

PETRA WALHEIM | 0 Meinungen

Bastian (8) steht an der Fastnacht gern am Straßenrand und schaut sich Umzüge an. Vor Hästrägern hat er keine Angst. Nur wenn er Hexen sieht, verdrückt er sich hinter seine Eltern. Er hat schlechte Erfahrungen mit den wilden Weibern gemacht, die meistens Männer in Frauenkleidern sind. Mehrfach haben sie ihm Angst eingejagt.

Dabei gibt es auch andere. Zahme, fast schon galante Hexen, die mit Witz und Charme ihre Späße mit den Zuschauern treiben. Die Offenburger Hexen sind so. "Wir wissen uns zu benehmen und achten streng darauf, den Zuschauern mit Disziplin zu begegnen", sagt Zunftsprecher Axel Micelli. Wer erlebt hat, wie rücksichtslos und wild sich manche Hexen bei Umzügen benehmen, kann das kaum glauben. Die Erklärung für den Charme der Offenburger Hexen liegt in deren Geschichte begründet. Sie und ihre Freunde aus Gengenbach in der Ortenau gelten als die ersten Hexenzünfte, die sich im Südwesten in der organisierten Fastnacht etabliert haben. Das war in den 1930er Jahren.

Die Hexenfigur an sich gibt es in der Fastnacht schon viel länger. Die älteste erhaltene Hexenmaske soll aus Tirol stammen, aus dem 18. Jahrhundert. Aus dem 19. Jahrhundert ist die Furtwanger Hexe bekannt, eine traditionelle Fastnachtsfigur. Diese Hexen gehörten aber zur unorganisierten, bäuerlichen Fasnet, sagen Forscher. Oberschwabens älteste Hexe ist nach Wissen von Brauchtumsforscher Jürgen Hohl aus Weingarten auf einer Lithographie von 1851 zu sehen. Sie ist gekleidet in eine oberschwäbische Tracht mit Radhaube, trägt eine Ofengabel, ein Ziegenbock steht bei ihr.

Das Vorbild für die Hexenfigur stammt nicht aus den Hexenverfolgungen und -verbrennungen des Mittelalters. "Die Meinung ist leider nicht auszurotten", klagt Hohl. Der Ursprung der Fastnachts-Hexe, wie man sie heute kennt, sei in den Märchen der Gebrüder Grimm zu suchen. Die bösen, alten Frauen, die darin vorkommen, oder auch alte Kräuterweiber, sie seien die Vorbilder für die Fastnachtshexen heute.

Hohl ist nicht gut auf sie zu sprechen, vor allem nicht auf die Hexenzünfte, die in jüngerer Zeit entstanden sind und seiner Ansicht nach nur auf die Straße gehen, "um die Sau rauszulassen". Er hat hunderte von Umzügen moderiert und war 31 Jahre Leiter des kulturellen Beirats der Vereinigung schwäbisch-alemannischer Narrenzünfte. Das Treiben junger Hexengruppen, "das ist nur eine wilde Hatz durch die Straßen", sagt er. Mit Fastnacht habe das nichts zu tun.

In den vergangenen Jahrzehnten sind neue Hexengruppen wie Pilze aus dem Boden geschossen. Zum Entsetzen der Brauchtums-Hüter. 1988 hat die Vereinigung schwäbisch-alemannischer Narrenzünfte die Notbremse gezogen. Das Präsidium entschied, keine neuen Hexengruppen mehr aufzunehmen, weil es schon viel zu viele gebe. Im Leitbild der ältesten Narrenvereinigung im Südwesten steht: "Das Spektrum der überlieferten Figuren wird als ausreichend betrachtet. Künftig werden nur noch historisch eindeutig durch Schrift, Bild oder Originalteile belegte Narrenfiguren wiederbelebt, aber keine neuen mehr geschaffen".

Wohlwollen zeigt Hohl gegenüber Offenburger und Gengenbacher Hexen. "Die haben ein tolles Verhalten", sagt er. Dort würde man nie eine Hexe ohne Maske sehen. Wie sie auf die Zuschauer zugehen, sei vorbildlich. "Das ist die Crème de la crème der Hexen."

Ganz anders als die meisten anderen Hexen sind die Bräunlinger unterwegs. Das fängt schon damit an, dass es in dem Ort im Schwarzwald-Baar-Kreis zwei Hexengruppen gibt: die in einem eigenen Verein organisierten Krummen Hexen und die Urhexen, die zur Narrenzunft "Eintracht" gehören. Die Krummen Hexen sind statt mit Besen hauptsächlich mit Peitschen oder mit "Saublodere" unterwegs, den mit Luft gefüllten Schweinsblasen, mit denen sie die Zuschauer necken. Wichtigster Tag der Bräunlinger Hexen ist der Sonntag vor dem Schmotzigen Donnerstag. Das ist der Hexen-Sunntig, da machen die Männer in Frauenkleidern den ganzen Ort unsicher.

Nicht weit von Bräunlingen entfernt treiben die Löffinger Hexen ihr Unwesen. Es gibt nur 28 von ihnen, und jeder, der in Löffingen (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald) Hexe sein will, muss erst mal zum Messer greifen und sich seine Holzmaske selber schnitzen. "Wir sind stolz darauf, dass wir das bis heute beibehalten haben", sagt Hexenchef Thomas Hofmeier.

Auch in der Narrenhochburg Villingen gibt es eine Hexenzunft: die Südstadt-Hexen. Das ist deshalb etwas besonderes, weil in anderen Narrenhochburgen wie Rottweil nie eine Hexenzunft geduldet würde. Die historische Narrozunft Villingen ist da toleranter und lässt viele andere Fasnetsgruppen neben sich bestehen.

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