Lernend in den Alltag zurückfinden

Kinder und Jugendliche, die schwer erkranken, verlieren auch ihren Schulalltag. Damit sie nach der Akutphase den Anschluss wiederfinden, bieten viele Reha-Kliniken Unterricht für ihre jungen Patienten an.

PETRA WALHEIM |

Tim stammt aus Nürnberg, ist 19 Jahre alt und will nächstes Jahr sein Abitur machen. 2011, als er in der 10. Klasse war, wurde bei ihm ein Hirntumor diagnostiziert. Er war eineinhalb Jahre in Behandlung, an Schule war nicht zu denken. So hat er viel Unterricht verpasst. Um wieder in den Schulalltag hineinzufinden und den Stoff nachzuholen, hat er in der Reha-Klinik Katharinenhöhe in Schönwald (Schwarzwald-Baar-Kreis) den Unterricht besucht. "Das war richtig gut und hat mir sehr geholfen, wieder in die Schule reinzukommen."

Im Land gibt es 47 derartige Klinik-Schulen, 21 davon in privater Trägerschaft. Sie sind meist an Universitätskliniken angegliedert wie in Heidelberg, Ulm, Stuttgart und Tübingen, aber auch an Kinder- und Jugendpsychiatrien sowie an Kliniken mit Kinderonkologie. Die Katharinenhöhe in Schönwald ist eine Außenstelle der Klinikschule an der Luisenklinik in Bad Dürrheim. Träger ist der Schwarzwald-Baar-Kreis. Die Klinik hat ein familienorientiertes Konzept, so dass Eltern und Geschwister das kranke Kind in die Reha begleiten können.

Ähnlich aufgebaut ist das Konzept in der Nachsorgeklinik Tannheim bei Villingen-Schwenningen. Die Klinik ist aber in privater Hand und auf Spenden angewiesen. In Tannheim unterrichten sieben Lehrer, auch Sonderschullehrer aus der Körperbehinderten- und Geistigbehinderten-Pädagogik.

Die "Schulen für Kranke" sind staatlich anerkannte Schulen mit verbeamteten Lehrern und Sonderpädagogen, die in allen Schularten unterrichten. Ihre Aufgabe ist es, die jungen Patienten so zu fördern, dass sie nach dem Klinikaufenthalt erfolgreich an ihrer Schule weiterlernen können. Deshalb werden die Kinder und Jugendlichen in Kleingruppen oder im Einzelunterricht gefördert. Was unterrichtet wird, wird mit der jeweiligen Heimatschule abgestimmt.

Die Herausforderung für die Lehrer ist, individuell auf ihre Schüler einzugehen, ihnen nicht zu viel abzuverlangen, aber auch nicht zu wenig. Für viele Patienten ist der Unterricht in der Reha-Klinik ein wertvolles Stück Normalität.

Nach der Erfahrung von Stephan Maier, Geschäftsführer und psychosozialer Leiter der Katharinenhöhe, haben viele Eltern das Problem, dass sie ihre Kinder nicht in eine Reha-Klinik schicken möchten. Schließlich meinten sie, dass sie dadurch noch mehr Unterricht verpassen. Wie es tatsächlich ist, hat der Vater eines Patienten auf den Punkt gebracht: "Die vier Wochen in der Reha haben unserem Sohn mehr gebracht als zwei Jahre Schule."

Das kann Tim bestätigen: Er hatte in seiner ersten Reha in der Katharinenhöhe vor zwei Jahren Unterricht in Deutsch und Mathematik sowie Gedächtnistraining. So hat er wieder gut in den Schulalltag zurückgefunden. Weil er wieder regulär zur Schule geht, macht er in dieser Reha Ferien, obwohl Klinikschulen keine Ferien kennen.

"Bei uns nutzen viele Patienten die Ferien, um Unterrichtsstoff nachzuholen und an ihren Schwachstellen zu arbeiten", sagt Sonderschul-Konrektor Jörg Rinninsland von der Wilhelm-Bläsig-Schule. Die Einrichtung in Gailingen (Kreis Konstanz) ist Teil der neurologischen Klinik des Hegau-Jugendwerks. Dort unterrichten 50 Lehrer ganzjährig. Die Motivation sei enorm, mit der die jungen Patienten ans Werk gingen, sagt Rinninsland. "Sie sehen bei uns ihre Chance, den Weg zurück ins Leben zu finden."

Antrag für Reha

Rehabilitation Wenn Kinder und Jugendliche, die schwer erkrankt sind, Rehabilitationsbedarf haben, können sie bei der Krankenkasse oder der Deutschen Rentenversicherung eine Reha beantragen. Wer die Reha in einer Klinik wünscht, die Schulunterricht anbietet, kann das als Wunsch angeben. Im Land gibt es 47 "Schulen für Kranke". Im Schuljahr 2013/2014 haben 2362 Schüler diese Schulen besucht. wal

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