Kretschmann pariert angriffslustigen Wolf im TV-Duell vor Landtagswahl

Im Fernseh-Streitgespräch schenkten sich Regierungschef Kretschmann und CDU-Herausforderer Wolf am Donnerstagabend nichts. Der Oppositionführer gab den Angreifer, der Grüne den Staatsmann. Mit Umfrage zum TV-Duell und einem Kommentar von Roland Muschel: Ein Duell auf Augenhöhe.

ROLAND MUSCHEL | 2 Meinungen

„Warum sind Sie da nicht ehrgeiziger?“, geht CDU-Spitzenkandidat Guido Wolf sein Gegenüber, Grünen-Regierungschef Winfried Kretschmann, direkt an. Die Sonderausgabe der SWR-Sendung „Zur Sache Baden-Württemberg“ ist da schon fortgeschritten. Wolf will das Heft in die Hand nehmen. Er ist der Angreifer in diesem „Streitgespräch“, derjenige, der sich profilieren muss. Schließlich, fährt Wolf fort, schiebe Bayern viermal so viele abgelehnte Asylbewerber ab wie Baden-Württemberg. „Das ist nicht richtig“, entgegnet Kretschmann, wohl mit Recht. Es klingt genervt.

Es ist eine muntere, mit Übertreibungen gewürzte Auseinandersetzung, die sich da entwickelt. Wolf versucht, Kretschmann zu reizen; mitunter gerät ihm der Angriff zu flapsig. Der Ministerpräsident wiederum versucht, sachlich zu bleiben, den Staatsmann zu geben; mitunter regt er sich dann doch ziemlich auf. Den direkten Gegenangriff aber unterlässt er in der 45-Minuten-Sendung.

Die gleicht einem Parforce-Ritt durch den landespolitischen Themengarten. Bildung, innere Sicherheit, der Umgang mit der AfD, Koalitionsoptionen. Die Flüchtlingsfrage aber dominiert die Debatte. Moderator Clemens Bratzler macht es beiden nicht leicht. Kretschmann muss erklären, ob das Boot wirklich nie voll sei. Wolf, warum er nicht für eine Obergrenze sei. Kretschmann sagt, es sei „keine Frage“, dass die Flüchtlingszugänge begrenzt werden müssten. Aber das gehe eben nur mit europäischer Hilfe. Wolf sagt, der neue Kurs des Grünen sei „bemerkenswert“, wo der sich doch in Berlin als größter „Kanzlerinnen-Versteher“ gerühmt habe. Es klingt, als sei das eine Beschimpfung.

Wolf zielt auf die konservativen Wähler, die in der Flüchtlingsfrage der Politik von CSU-Chef Horst Seehofer näher stehen als der von CDU-Kanzlerin Angela Merkel. Kretschmann drängt dagegen in die Merkel-Mitte. Er nennt die AfD „Brandstifter“. Wolf distanziert sich ebenfalls von den erstarkten Rechtspopulisten; er hält Kretschmanns Ansage, mit der AfD nicht auf Podien diskutieren zu wollen, aber für „ziemlich borniert“. Der Wahlkampf, das macht auch dieser Angriff klar, hat spätestens jetzt begonnen.

Vor der Landtagswahl 2011 hatte der SWR den damaligen Regierungschef Stefan Mappus (CDU) und den als Hauptkontrahenten erkorenen SPD-Spitzenkandidaten Nils Schmid erst zehn Tage vor dem Urnengang zum „Duell“ gebeten. Damals war ermittelt worden, dass jeder dritte Zuschauer das Duell in seine Wahlentscheidung einbeziehen wolle. Diesmal heißt das Format „Streitgespräch“ und findet schon zwei Monate vor dem Urnengang statt. Beides hat seine Gründe in der letztlich gescheiterten Sende-Strategie des SWR. Der hatte zunächst zu einem „Triell“ inklusive des SPD-Manns Schmid geladen. Doch nachdem Wolf den angedachten Dreikampf abgesagt und FDP-Spitzenkandidat Hans-Ulrich Rülke mit Klage gedroht hatte, musste die Idee wieder abgeblasen werden. In der Zwischenzeit hatten die eng mit dem SWR verbundenen Journalisten Wieland Backes und Michael Zeiss am Sender vorbei für den 20. Januar im Stuttgarter Theaterhaus ein „Duell“ anberaumt. Dem Termin kommt der SWR nun mit seinem „Streitgespräch“ zuvor. Mit seiner nach beiden Seiten gleichermaßen kritischen Moderation hat Clemens Bratzler in „Zur Sache“ zudem hohe Maßstäbe gesetzt.

Am Dienstag will der SWR entscheiden, ob er nur drei Tage vor der Wahl geplanten „Elefantenrunde“ neben den Spitzenkandidat von CDU, Grünen, SPD und FDP auch den der AfD berücksichtigt. Der Sender sitzt in der Zwickmühle: Lädt er die AfD ein, wollen Kretschmann und Schmid die Runde boykottieren. Lädt er die Partei aus, könnte diese dagegen klagen.

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Datum : 14.01.2016 11:35
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Ein Kommentar von Roland Muschel: Ein Duell auf Augenhöhe

Der erste Sieger des Fernseh-Duells zwischen Grünen-Regierungschef Winfried Kretschmann und CDU-Herausforderer Guido Wolf heißt: Clemens Bratzler. Der SWR-Moderator hat mit seinen kritischen Fragen nicht nur den Kontrahenten um das Ministerpräsidentenamt zugesetzt. Er hat damit auch seinen Sender wieder in das richtige Licht gerückt. Dessen Führungsetagen hatten zuletzt mit Plänen für ein „Triell“ anstelle des klassischen Duells oder mit dem seit Wochen ungeklärtem Umgang mit der AfD selbst mehr irritierende Nachrichten produziert als einem Medium lieb sein können.

Die Politiker selbst haben zweierlei geliefert. Erstens einen Vorgeschmack auf das, was kommt: Eine Auseinandersetzung darüber, wer in der Flüchtlingsfrage nach Köln die Antworten liefern kann, die für eine Regierungsmehrheit notwendig scheinen. Und zweitens ein Duell auf Augenhöhe, weil Kretschmann zwar staatsmännischer agiert und sachlicher argumentiert hat. Wer aber so bekannt und populär ist wie der 67-Jährige, der kann schwerlich noch etwas hinzugewinnen. Sein CDU-Herausforderer hat dagegen noch viel Potenzial nach oben. Die direkte Auseinandersetzung zur Hauptsendezeit vor mehreren hunderttausend Zuschauern ist für Wolf daher schon ein Gewinn an sich, zumal er sich alles in allem ordentlich geschlagen hat. Insofern hat das Streitgespräch keinen politischen Sieger, auch wenn das die jeweiligen Mitstreiter in den sozialen Medien glauben machen wollen.

2 Kommentare

16.01.2016 20:39 Uhr

Die beiden Wunsch Koalitionspartner CDU und die Grünen

veranstalteten mal wieder, mit Unterstützung der Medien, eine Show fürs Wahlvolk.

Die AfD wurde schon vorher vorsorglich gar nicht eingeladen. "Mit denen reden wir nicht" wie das so echte Demokraten wie der CDU Wolf oder der Grüne Kretschmann sagen..

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17.01.2016 13:50 Uhr

Was sind die Klagefolgen?

Was soll's, wenn die AfD klagt. Sie ist keine gewählte Partei und die Voraussagen sind Kaffeesatzleserei!

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