Kein Plan B für die Abwahl

Murrhardt.  Wieder ist ein Bürgermeister abgewählt worden: In Murrhardt muss der siegessichere Amtsinhaber Gerhard Strobel eine überraschende Niederlage verkraften. Solche Fälle häufen sich im ganzen Land.

Gerhard Strobel (51) hat sich vor der Bürgermeisterwahl in Murrhardt (Rems-Murr-Kreis) "keinen Plan B" ausgedacht. Für den Amtsinhaber war sicher, dass er für weitere acht Jahre bestätigt wird. Der promovierte Forstwissenschaftler hat sich "ganz klar auf 70 Prozent plus eingestellt". Schließlich habe es in der Stadt mit 14 000 Einwohnern "immer nur positive Rückmeldungen" gegeben. Allerdings übten fünf Stadträte aus dem so genannten bürgerlichen Lager mit zunehmender Intensität deutliche Kritik am Gemeindechef: "Sie haben seit einem halben Jahr systematisch versucht mich zu demontieren", glaubt Strobel. Deshalb rechnete der aus Ludwigshafen am Bodensee stammende Strobel "im schlimmsten Fall mit 30 Prozent Gegenstimmen".

Die Prognose war grottenfalsch. Der parteilose Strobel fuhr lediglich 28,9 Prozent ein, sein Herausforderer - der 27 Jahre alte Kämmerer Armin Mößner (CDU) aus dem nahe gelegenen Oppenweiler - siegte mit 66,4 Prozent auch zum eigenen Erstaunen geradezu triumphal. "Das war ein schwerer Schlag", sagte Strobel am Tag danach, "dass es so desaströs kommt, ist für mich völlig unerwartet." Er müsse nun sein Leben "neu sortieren", aber er gehe erhobenen Hauptes aus dem Amt, "ich habe mein Bestes gegeben".

Wie Strobel ergeht es siegessicheren Bürgermeistern immer häufiger. Am 3. Juli musste Frank Ziegler in Wendlingen am Neckar (Kreis Esslingen) eine äußerst herbe Schlappe einstecken, bekam er doch nur 10,2 Prozent. Dabei, wunderte er sich danach, habe er "die bedeutendsten Bauprojekte und größten Investitionen in die Zukunft der Stadt getätigt".

Im Wahlkampf hatte er Hausbesuche bei den 16 000 Einwohnern kategorisch abgelehnt, "ich bin doch kein Staubsaugervertreter". Möglicherweise sei sein Charakter mit schuld an der Abwahl: "Ich bin eben kein Heuchler, sondern ehrlich und gerade heraus."

Die Liste der gescheiterten Amtsinhaber wird immer schneller immer länger. Selbst "alte Hasen" sind nicht davor gefeit, vom Thron gestoßen zu werden. In Lichtenstein (Kreis Reutlingen) musste Helmut Knorr (CDU) nach 24 Jahren gehen, einen "Gedanken an eine Wechselstimmung" hatte er nicht verschwendet, dabei stimmten für ihn nur noch 26, 7 Prozent. In Adelberg (Kreis Göppingen) bekam Wolf Dieter Hermann nach zwei Amtsperioden keine Mehrheit zusammen, genauso erging es Martin Joos in Bad Überkingen (Kreis Göppingen). In Kirchberg an der Iller (Kreis Biberach) musste Herbert Pressl das Rathaus verlassen, auch Monika Sitter konnte in Laupheim (Kreis Biberach) nicht überzeugen, ebenso wenig Lothar Barth als Oberbürgermeister von Bad Mergentheim, Martin Singler als Bürgermeister von Harthausen (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald) und Ralf Maier-Geißer als Gemeindeoberhaupt von Freiberg am Neckar im Kreis Ludwigsburg.

Der Chefsessel im Rathaus verwandelt sich offenbar leicht zum Schleudersitz. Mitunter wird selbst ein weniger überzeugender Herausforderer nur gewählt, weil der Amtsinhaber seine Gunst weitgehend verspielt hat, haben kommunalpolitische Beobachter festgestellt. Die größte Gefahr seien Herausforderer von außerhalb, hat der Politikwissenschaftler Timm Kern (39) aus Horb herausgefunden. Für seine Doktorarbeit hat er die 163 Abwahlen in Baden-Württemberg in der Zeit von 1973 bis 2003 analysiert. Die Wähler seien sehr viel kritischer geworden, ist er überzeugt, "nicht mehr so obrigkeitsvertrauend". Bürgermeister müssten zwei tiefenpsychologische Sehnsüchte erfüllen: Nach Identifikation ("das muss einer von uns sein") und nach Projektion ("er muss Anführer und Vorbild sein, dem man die Gemeinde anvertrauen kann").

Es scheint Kommunen zu geben, die sich kaum für garantierte Amtszeiten bis zur Pensionierung eignen. Dies trifft vor allem auf Ühlingen-Birkendorf (Kreis Waldshut) zu. Die Heimat des päpstlichen Privatsekretärs Georg Gänswein fiel bereits durch drei Abwahlen auf. In Zell am Harmersbach in der Ortenau gelang dem geschassten Schultes die Rückkehr ins Rathaus. Hans-Martin Moll unterlag seinem Herausforderer, der jedoch die Bürger nicht zufrieden stellen konnte und acht Jahre später seinem Vorgänger wieder den Vortritt lassen musste.

Das wohl schlechteste Ergebnis aller Amtsinhaber hat Christian Lange 2008 in Mengen (Kreis Sigmaringen) eingefahren: 3,1 Prozent. Nur 149 Wähler konnten sich für den stämmigen Mann erwärmen, der acht Jahre zuvor den amtierenden Bürgermeister Herbert Fuss vom Rathausthron geschubst hatte.


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Autor: HANS GEORG FRANK | 19.07.2011

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