Jesus, Allah, Wotan
Fast 40 Prozent Einwohner mit Migrationshintergrund und 178 Nationalitäten: Stuttgart ist stolz auf seine Vielfalt der Kulturen. Mancher hegt trotzdem stille Vorurteile. Ein Projekt bringt Schüler zum Reden.
Autor: SYLVIA RIZVI |"Jugend, Religion, Demokratie" heißt ein Projekt in Stuttgart und Berlin-Neukölln, angeschoben von der Bundeszentrale für politische Bildung und der Robert-Bosch-Stiftung. 20 Dialogmoderatoren diskutieren in diesem Schuljahr mit mehr als 300 Jugendlichen in den beiden Städten. Sie kommen aus neun Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien.
In Stuttgart beteiligen sich 114 Jugendliche aus vier Schulen. Anders als in Neukölln sind hier religiöse Fragen übers Kopftuch, über arrangierte Ehen oder Muslimfeindlichkeit kein drängendes Thema. Neukölln ist geprägt von finanzklammen Familien mit türkischen, libanesischen und palästinensischen Wurzeln. 80 Prozent der Jugendlichen sind Muslime. Sie haben wenig Aussicht auf gute Jobs. Das Befolgen eines oft streng ausgelegten Islam gibt ihnen Selbstachtung. Wer nicht betet oder im Ramadan nicht fastet, kann durchaus von Mitschülern gemobbt werden, berichten Schüler.
Aus Stuttgarter Schulen ist kein Fall von religiösem Mobbing bekannt. "Ich denke, es liegt am Mix aus Ethnien und Religionen in der Klasse", sagt Dialog-Moderator Kamal Ahmad. Keine Gruppe drangsaliere eine andere. "Bei uns saßen christlich-orthodoxe Jugendliche aus dem Balkan neben katholischen, evangelischen und islamischen und einem hinduistischen Mädchen aus Sri Lanka", weiß der Deutsch-Pakistaner. "Nicht zu vergessen die betont atheistischen Schüler", sagt Konstantinos Kosmidis, Projekt-Koordinator der Stadt.
Am Anfang sei es aber oft schwer, die Jugendlichen zum Sprechen zu bringen, berichtet Kosmidis. Hauptschüler seien Dialog-Runden im Unterricht eher nicht gewohnt. "Am Gymnasium halten die Schüler dagegen eine Art stillen Konsens über eine religiöse und kulturelle Vielfalt hoch, mit der man doch ganz gut lebe." Da lautet die Frage eher: Was gibt es da noch zu diskutieren? Ist aber die Neugier erst einmal geweckt, sind Buben und Mädchen begeistert bei der Sache. "In der Rilke-Realschule sprachen wir über den Islam", berichten Kübra Teslimoglu und Cansel Ova. Viele Mitschüler wollten ihre Wissenslücken füllen. "Die Interessiertesten waren übrigens die atheistischen Schüler", sagen die beiden 16-Jährigen mit türkischen Wurzeln.
Kosmidis war Dialogmoderator am Gymnasium. Er begegnete zwei Metal-Fans, die germanische Gottheiten anhimmelten. Muslimische Jugendliche fragten sich dagegen oft, wie sie ihre Religion im Alltag leben können. "Vor allem Schülerinnen bekommen von zu Hause religiös begründete Regeln, etwa, wann sie abends zu Hause sein sollen." Das Projekt zeige: auch Jungs denken heute darüber nach, dass dies möglicherweise ungerecht ist. Fast immer Diskussionsstoff: Darf ein muslimisches Mädchen einen Freund haben? "Die Jugendlichen sind 16, 17 und sollen keusch bleiben. In der Realität leben sie es aber oft ganz anders." Mit der Kluft von Anspruch und Wirklichkeit blieben dann Jungen wie Mädchen allein.
"Den Austausch fand ich bereichernd", sagt Fawzia Kayed. Die 19-jährige Deutsche mit ägyptischen Wurzeln hat im Kepler-Gymnasium über Sarrazins Thesen diskutiert. "Ich habe Vorurteile abgebaut", sagt die Muslima mit dem schwarzen Hijab. "Ich hätte nicht gedacht, dass mir die anderen zuhören." Nicht alles war aber Sonnenschein. Ein muslimischer Hauptschüler weigerte sich, bei einer Projekt-Exkursion an einem jüdischen Friedhof vorbeizugehen. Der türkischstämmige Junge machte "die Juden" für den Nahost-Konflikt allein verantwortlich.
Solche Konflikte zu thematisieren, ist für die Moderatoren wichtig. "Da kann sich was bewegen", sagt Kosmidis. In Berlin wie in Stuttgart hätten Schüler oft nur Halbwissen. "Das ist die Basis für Vorurteile. Das Dialog-Projekt will vermitteln, die Realität nicht verkürzt zu sehen." Ein Moderatoren-Pool soll aufgebaut, ein Konzept zur Lehrerfortbildung soll entwickelt werden.
Minarett-Verbot, Sarrazins Thesen oder die im Islam verbotenen Zwangsehen - es gibt genug Themen, sagen Kübra, Cansel und Fawzia. Sie wünschen sich, dass die Dialog-Runden weiter Schule machen. Kübra präzisiert: "Auch für Leute, die nicht mehr zur Schule gehen."





