Interview: "Web 2.0 spielt kaum ein Rolle"

Im Vergleich zwischen dem US-amerikanischen und dem Südwest-Wahlkampf sieht der Tübinger Amerikanist Thomas Gijswijt Aufholbedarf bei allen baden-württembergischen Parteien. Der Einsatz sozialer Netzwerke kann grade die Effizienz vom klassischen Klinkenputzen und vom Straßenwahlkampf erhöhen.

FABIAN ZIEHE |

Obama hat 2008 und 2012 zumindest in gewichtigen Teilen die US-Präsidentschaftswahl auch mithilfe der sozialen Netzwerke gewonnen. Und in den aktuellen Vorwahlkampf hat so ziemlich jeder Kandidat sein Social-Media-Team. Alle twittern, facebooken und youtuben um die Wette. Warum haben die sozialen Netzwerke diese Bedeutung gewonnen?
Dafür gibt es mehrere Gründe. Ein erster Punkt dafür, dass das Netz im Vergleich zu den meisten anderen Ländern in Europa eine größere Rolle spielt, ist: In den USA ist es sehr wichtig, dass man freiwillige Wahlkampf-Helfer findet. In den Wahlkämpfen – die Vorwahlen wie später auch die Präsidentschaftswahlen – gibt et es riesige „Get-out-the-vote“-Kampagnen, bei denen freiwillige Helfer einige Monate ihres Lebens opfern, um jeden Tag hunderte Leute anrufen und an Türen klopfen. Das sind vor allem jüngere Leute, die man über soziale Netzwerke erreicht. Wichtig ist zweitens aber auch – und das hat die Obama-Kampagne gezeigt: Man gibt den Freiwilligen so die Möglichkeit, sich zu organisieren. Über Facebook und sogar eigens dafür entwickelte Apps konnten die Helfer genau sehen, wer in ihrer Nachbarschaft aktiv ist, wann Treffen stattfinden, wo das nächste Wahlkampfbüro ist und was man da machen kann.

Das bedeutet etwas überspitzt, dass man um den „Wahlkampf 1.0“ zu organisieren, also das klassische Abtelefonieren und Klingelputzen, die Mittel des Web 2.0 braucht.
Genau. Das ist viel effektiver, da sich die Freiwilligen so selber organisieren. Zudem hat man dadurch digital einen Schatz an Wählerdaten. Die Wahlkämpfer verfügen über Datenbanken mit Millionen von Bürgern. Sie sehen so genau, welche Autos die Leute fahren, wohin es in den Urlaub geht, welche TV-Serien sie mögen. Über die Software können die Koordinatoren gezielt Freiwillige losschicken oder über das Internet Werbung machen. Die Obama-Kampagne hat als erste intensiv online geworben und konnte so punktgenau Leute ansprechen. Nehmen wir die „Battleground-States“, auch „Swing States“ genannt – also die wichtigen zehn, zwölf Bundesstaaten, in denen die Wahlen gewonnen und verloren werden: Dort haben die Wahlkämpfer sehr viele Infos zu den Wählergruppen. Wenn sie so wissen, wir brauchen jetzt gezielt Werbung für 20- bis 30-jährige Latinos, können sie das schalten – klassisch über Radio und Fernsehen, aber auch online.

Gibt es im aktuellen Vorwahlkampf auch neue Entwicklungen?
Was der populistische Republikaner Donald Trump geschickt macht: Er nutzt die Netzwerke, um die traditionellen Medien zu beherrschen. Er ist geschickt darin, über provokative Tweets und Videos zu provozieren. Er weiß genau, dass alle Medien das nicht ignorieren können. So braucht er also gar kein Geld in Wahlwerbung zu verschwenden, diese Öffentlichkeit gibt es umsonst.

Allerdings bekomm man über alle sozialen Netzwerke nur Schnipsel, Slogans und Parolen übermittelt. Führt das zu einer Verflachung des Wahlkampfes?
Nicht unbedingt. Alle Politiker haben natürlich Websites, auf denen ihre Programme zu finden sind. Es ist schon so, dass man in einem Tweet von 140 Zeichen keine Vertiefung anbringen kann. Aber ich würde auch sagen, dass es durch das Internet für die Wähler einfacher geworden ist, sich einzulesen – wenn man die Zeit investieren möchte. Das wollen einige gewiss nicht, die sprechen eher auf die Slogans an. Das liegt dann aber auch im Verantwortungsbereich der Wähler.

Welchen Einfluss hat das auf das Wahlverhalten? Gehen dadurch mehr Menschen zur Wahl?
Ja, es gibt da interessante Experimente. Es sieht so aus, dass man so gerade Jüngere zum Wählen bringen kann, wenn sie sehen, dass die Facebook-Freunde schon gewählt haben. Da gab es 2012 ein Experiment, bei dem ein Teil der US-User Buttons gesehen hat, auf denen er angeben konnten, ob er schon gewählt hat. Das haben dann die Freunde gesehen. So hat man nachgewiesen, dass Leute eher zur Wahl gingen, wenn die Freunde schon abgestimmt hatten. Ein anderer Aspekt ist, dass durch das Internet auch ein gewisser Enthusiasmus geweckt werden kann. Und das hat Einfluss auf die Wählerzahlen. Das zeigen derzeit die demokratischen Vorwahlen, an denen erstaunlich viele junge Wähler in Iowa und New Hampshire teilgenommen haben. Der linke Präsidentschaftsbewerber der Demokraten, Bernie Sanders, hat es über die sozialen Netzwerke geschafft, Begeisterung zu wecken für sich und seine ,politische Revolution‘. Das steckt zum Beispiel das aktuell erfolgreichste Wahlwerbe-Video dahinter, in dem Sanders einen Feel-Good-Song der Musiker Simon & Garfunkle genommen hat und dazu Bilder zeigt, die vermitteln: Er selber werde es schaffen, die Amerikaner wieder zusammenzuführen. So kann man Wähler begeistern und wieder an die Wahlurnen locken.

Allerdings macht man sich auch angreifbar. Es gibt auch Artikel, die die ganzen Missgriffe und Peinlichkeiten der Kandidaten bündelt. Stellen diese Fallstricke nicht auch eine Gefahr dar?
Es gibt da zwei Gefahren. Zum einen weiß jeder, der mal auf Twitter aktiv war, dass man mal einen Tweet zu schnell in die Welt setzt – ohne zu überlegen, ob das klug ist. Und da hat es nun einige Beispiele gegeben, bei denen sich Patzer eingeschlichen haben. Aktuell etwa hatte ja der Republikaner Jeb Bush versucht, die konservativen Wähler in South Carolina für sich zu gewinnen, indem er das Bild einer Pistole postete, auf der sein Name eingraviert ist. Das hat ihm nicht geholfen. Denn es kam nicht sonderlich authentisch rüber und er hat zudem eine offene Flanke für Witze und Parodien geboten. Mittlerweile hat Bush seine Kandidatur ja auch zurückgezogen. Eine zweite Gefahr ist, dass auf allen Wahlkampfauftritten Leute mit Smartphones anwesend sind. Da kann es sich kein Kandidat leisten, unüberlegte Worte zu sagen. Da gab es 2012 das Beispiel des Obama-Herausforderers Mitt Romney. Der dachte an einem Abend mal, er sei unter Seinesgleichen, unter seinen republikanischen Geldgebern. So schimpfte er über jene Wähler, die es ja nur auf Sozialabgaben abgesehen hätten und deshalb die Demokraten wählten. Ein Kellner filmte das und stellte den Clip auf Youtube. Das war für Romneys Kampagne natürlich Gift. Daher führen manche  Kandidaten fast schon wie Roboter Wahlkampf, nur um keine Fehler zu machen. Denn ein paar Minuten später kann der Ausrutscher schon im Internet auftauchen.

Ein weiter Sprung nach Baden-Württemberg, dass nun ein ganz klein wenig kleiner und ein kleines bisschen übersichtlicher als die USA ist.  Wie nehmen Sie hier den Online-Wahlkampf war?
Soziale Medien spielen im baden-württembergischen Wahlkampf kaum eine Rolle. Wenn man sich etwa die Spitzenkandidaten anschaut, gibt es natürlich ihre Websites, auf denen man viele Infos  finden kann. Aber der grüne Winfried Kretschmann hat auf seinem Twitter-Account noch nicht mal einen einzigen Tweet abgesetzt – das ist fast noch schlimmer, als gar keinen Account zu besitzen. Und wenn man auf Facebook schaut, sind dort nur Themen zu finden, die mit der Regierung zu tun haben. Für Wahlkampf wird die Plattform kaum genutzt. Nils Schmid ist da ein bisschen aktiver. Aber ein, zwei politischen Tweet pro Woche – das geht nicht. Wenn man ernsthaft Wahlkampf im Netz machen möchte, muss man täglich mehrmals aktiv sein, sonst beachtet das keiner. Entweder haben sie nicht genügend Wahlkampfhelfer oder sie sind der Meinung, dass das nicht wichtig ist. Ich glaube, der Wahlkampf in Baden-Württemberg wird noch ganz klassisch geführt – über Plakate, die klassischen Medien und Wahlkampfauftritte.

Wenn sich die USA anschaut, wo ja schon in den Obama-Wahlkämpfen soziale Netzwerke eine eminent wichtige Rolle gespielt haben: Wie erklären sie sich die Diskrepanz zu dem Wahlkampf hierzulande – mal davon ausgehend, dass die Wahlkampfmanager hier sich ja auch überlegen, was sie tun? Gibt es strukturelle Gründe, etwa an der Medienstruktur?
Sicher sind die Medien in Deutschland etwas weniger beeinflusst durch provokativen Wahlkampf, wie Trump ihn führt. Die Deutschen Medien reagieren mehr auf Inhalte, dafür sind die sozialen Netzwerke etwas weniger geeignet. Andererseits gibt es auch in Deutschland sehr personalisierte Wahlkämpfe. Wenn man sich die Plakate der Grünen in Baden-Württemberg anschaut, dann ist das komplett auf Kretschmann ausgerichtet. Deshalb glaube ich schon, dass es die Chance gäbe, aktiver mit sozialen Netzwerken die Person Kretschmann als Werbefigur zu nutzen. Vielleicht ist es auch eine Geldfrage. In den USA fließen viele Millionen Dollar in die Kampagnen. Selbst Sanders, der ja gegen das große Geld in der Politik ist, schafft es mit kleinen Unterstützungen auf ein Millionen-Budget. Das bietet die Möglichkeit, ein großes digitales Wahlkampfteam auf die Beine zu stellen. Vielleicht entscheidet man sich hierzulande deshalb auch für die klassischen Medien – schlicht aus Geldmangel.

Was könnten die Wahlkämpfer im Südwesten denn von den Kollegen in den USA lernen?
Mein Tipp wäre, einmal ernsthaft zu versuchen, das klassische „Get-out-the-vote“ wie in den USA zu versuchen. Wenn man es schaffen würde, tausende junge Menschen dazu zu bekommen, dass sie aktiv den Wahlkampf mitgestalten und ihnen ermöglicht, sich digital zu organisieren, glaube ich, dass das wahnsinnig effektiv sein könnte. Diese Kultur gibt es nicht, die müsste man erst begründen. Das könnte ein Politiker leisten, der mit seinem Charisma auch jüngere Generationen anspricht.

Gerade Trump und sein größter Konkurrent Ted Cruz spielen die multimediale Klaviatur ja so effektiv wie radikal. Angesichts dessen, dass bei uns die Scharfmacher der AfD auch mit den Hufen scharren: Ist es da nicht auch so, dass es die klassische Wahlkampf-Tradition es den Populisten schwerer macht?
Populistischer Wahlkampf funktioniert auch mit klassischen Mitteln. Gerade die AfD hat ja mit ihren Sprüchen zum Waffeneinsatz an den deutschen Grenzen gezeigt, dass sie es in alle Medien schafft. Es ist nicht so, dass soziale Netzwerke per se die Gefahr von Radikalisierung und Populismus in sich tragen. Leute wie Trump wissen das Medium zu nutzen – aber sie brauchen es nicht: Trump könnte auch so seine Kampagne führen. Er macht Wahlkampfauftritte, er bekommt einen Platz für jedes Interview, das er führen möchte. Untersuchungen zeigen, dass die klassischen Medien unverhältnismäßig viel Zeit investieren, um über Trump zu berichten – weil das die Story ist, weil dieser es schafft, die Narrative zu konstruieren. Das könnte er auch ohne die sozialen Medien.

Nun hat der baden-württembergische Wahlkampf also etwas klassisch-konservatives – steht das Land da alleine im „Alten Europa“ da oder ist das ein verbreitetes Phänomen?
Nun ja, als Neuschwabe muss ich mich da etwas vorsichtig ausdrücken (lacht). Ich glaube, dass es in Baden-Württemberg schon jetzt die Möglichkeit für einen intensiveren, aktiveren Wahlkampf in den sozialen Netzwerken gibt. Es ist einfach die Entscheidung praktisch aller Kandidaten und Wahlkampfteams, das nicht anzupacken. Vielleicht liegt das ja daran, dass die Wahlen hierzulande auch nicht so im öffentlichen Fokus stehen. Vielleicht liegt es an der weit verbreiteten Meinung, dass die Wahl im Netz eh kaum Beachtung finden würde. Ich glaube, es geht mehr. Aber natürlich ist ein US-Wahlkampf auch etwas anderes als ein Landtagswahlkampf in Baden-Württemberg.

Die Frage erübrigt sich ja fast, aber dennoch: Welcher Wahlkampf sagt Ihnen mehr zu?
Klar, Amerikanischer Wahlkampf ist Politainment. Der ist für mich persönlich spannender, der ist für mich beruflich spannender. Daher muss ich leider sagen, dass ich die amerikanische Variante vorziehen würde. Allerdings: Ganz rational gesehen wäre der programmatischere Wahlkampf in Deutschland zu präferieren. 

Klingeln statt klicken - Kandidaten setzen auf direkten Kontakt zum Wähler

Zur Person:
Der 40-Jährige Thomas Gijswijt ist gebürtiger Amsterdamer, Amerikanist und Wahl-Tübinger. So kann der Forscher, der seit 2012 an der Uni seiner neuen Heimatstadt sich mit der US-Politik und -Gesellschaft beschäftigt, fundiert wie unabhängig den US-Wahlkampf mit dem in Baden-Württemberg vergleichen. Er hat Geschichte und Internationale Bezeigungen studiert und in Heidelberg in der Amerikanistik promoviert. Zudem hat er Studienerfahrung im niederländischen Nijmegen (Nimwegen) und in New York an der Columbia University gesammelt. Seine Schwerpunkte liegen in der US-amerikanischen Außenpolitik, den transatlantischen Beziehungen während und nach dem Kalten Krieg sowie in der aktuellen US-Politik und -Präsidentschaft. Und noch eins: Sein Name sieht komplizierter aus, als er ist: das „ij“ wird wie „ei“ ausgesprochen, also „Geisweid“ – also wie die „Ziegen-Wiese“. 

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