Gegen anonyme Bestattung aus Geldnot

Rottenburg.  Der Rottenburger Bischof Gebhard Fürst sorgt sich um die Friedhofskultur. Auch arme Leute sollten ein Recht auf namentliche Bestattung haben. Ihn stört die "Effizienz- und Nutzenkultur" des Friedhofwesens.

Eine Erdbestattung kostet wenigstens 5000 Euro. Das können und wollen sich gerade Menschen der unteren Einkommensschicht nicht mehr leisten, auch weil das gesetzliche Sterbegeld gestrichen worden ist. Seit dem 1. Januar 2004 ist das Sterbegeld (1050 Euro beim Tod eines Mitglieds und 525 Euro für einen mitversicherten Angehörigen) nicht mehr Bestandteil des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenkassen. Deshalb weichen viele Menschen auf die Form der anonymen Bestattung aus, die wirtschaftlich günstigste Form der Bestattung.

Ein Trend, den der Rottenburger Bischof Gebhard Fürst bedauert. "Die Ökonomisierung aller Lebensbereiche erreicht auch den Friedhof", sagte der Oberhirte von 1,9 Millionen Katholiken im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE. Diese ökonomischen Zwänge zerstörten eine gewachsene, bewährte Bestattungskultur. Aus christlich-theologischer Sicht, sagte Fürst, gehe mit der anonymen Bestattung die Personalität des Menschen und seine Unzerstörbarkeit auch im Tod verloren. Fürst weiter: "Wenn wir alle anonym bestatten und entsorgen, wirkt sich das auch auf unser Menschenbild im Leben aus."

Fürst meint, Menschen bräuchten einen Ort, um zu trauern. An einer Begräbnisstätte mit dem Namen des Toten könnten sie ihre Trauer "festmachen". Das Grab individuell zu gestalten und zu pflegen gehöre dazu. Das komme dem menschlichen Bedürfnis entgegen, für die Verstorbenen noch etwas tun zu können. Fürst sagte, wenn solch ein Ort fehle oder faktisch nicht erreichbar sei, dann könnten Trauerprozesse "erschwert, ja sogar erheblich behindert werden".

Die Kosten für ein solches Grab überfordern aber viele Leute. Nicht nur die Kosten für die privaten Bestatter, sondern auch die kommunalen Gebühren für die Bestattung steigen - weil die Gemeinden bestrebt sind, den Friedhofsbetrieb wirtschaftlich zu gestalten. Diese "Effizienz- und Nutzenkultur" stößt auf die Kritik des Bischofs. Er verweist darauf, dass in anderen kulturellen Bereichen, etwa bei den Opern, den Theatern, Orchestern, Museen und Kunstsammlungen, das Prinzip der Kostendeckung nicht derart verfolgt wird. Fürst: "Diese Kulturinstitutionen subventioniert man, warum aber nicht die Bestattungskultur?" Er weist darauf hin, dass örtliche Caritas-Verbände über Budgets für die Bestattung von Wohnungslosen verfügen.

Fürst setzt sich dafür ein, Grabformen anzubieten, durch die Verstorbene persönlich in Erinnerung bleiben. Grabformen auch, die mit zumutbarem Aufwand zu pflegen sind. Der Bischof spricht sich für Erdgräber aus, die um Gedenksteine herum mit Rasen bedeckt sind. Auch Urnenfelder mit einem zentralen Stein, auf dem die Namen der darauf Bestatteten stehen, entsprechen seiner Vorstellung. Ebenfalls stoßen Urnenwände mit den Namen der Bestatteten auf seine Zustimmung.

Auch zur Verweildauer der Gräber äußert sich Fürst kritisch. Er wendet sich gegen die häufig gepflegte Praxis in den Friedhöfen, Gräber aufzuheben, auch wenn der Platz nicht gebraucht werde. Man könne dann doch die Gräber unangetastet lassen bis zu dem Zeitpunkt, zu dem der Platz wirklich für neue Gräber gebraucht werde.

Positiv vermerkt Fürst den Wandel im Umgang mit Tot- und Fehlgeburten. Sie wurden früher lieblos entsorgt. Immer mehr Eltern entschieden sich inzwischen für die Bestattung der Föten.


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Autor: RAIMUND WEIBLE | 19.11.2010

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