Für "Martin" kommt bald das Ende

Noch ist er voll in Betrieb, der Bunker Martin auf der Alb bei Meßstetten. Über 100 Spezialisten überwachen darin rund um die Uhr den Luftraum. Ende 2013 gibt die Bundeswehr das bombensichere Bauwerk auf.

RAIMUND WEIBLE |

An Oberbrandmeister Christian Schaeche oder einem seiner Kollegen kommt keiner vorbei, der zum ersten Mal den Bunker Martin betritt. Der Berufsfeuerwehrmann, einer von 34 Angehörigen des Bunker-Brandschutzes, erläutert dem Neuling den Gebrauch der Brandfluchthaube. Erst nach dieser Einweisung öffnet sich die Pforte zum Bunker. Ein langer Gang mit blauem PVC-Belag führt ins Innere. Mehrere dicke, rote Stahltüren sind zu passieren, bis die Kampfführungsanlage erreicht ist.

Die "Gefechtszentrale" ist nur schwach beleuchtet. Ein Saal mit vielen Männern und wenigen Frauen, die im Kampfanzug und Stiefeln vor Monitoren sitzen. Auch Oberstleutnant Stefan Diehl. Er hat die Ärmel seiner Uniformjacke hochgekrempelt. Der Mann mit Schnauzbart und Brille ist hier der Chef, der Master Controller. Der 52-jährige Offizier schaut auf zwei Monitore, die den Luftraum von ganz Süddeutschland und angrenzenden Ländern abbilden. Darauf bewegen sich Punkte mit Richtungsanzeiger und einem Schweif. Lauter Flugzeuge, vom Radar erfasst. Dort, wo sich die Flughäfen Frankfurt, München und Zürich befinden, sind sehr viele Punkte.

Die alle paar Sekunden aktualisierten Daten stammen unter anderem von der drei Kilometer entfernten Radarstation Weichenwang. Auch die 17 weiteren militärischen Radarstationen Deutschlands und die zivile Luftsicherung speisen Daten ein. Der Auftrag lautet, die Unversehrtheit des deutschen Luftraums zu sichern. Die Spezialisten erfassen und identifizieren rund um die Uhr alle Flugobjekte, die einfliegen oder aufsteigen. Das Personal registriert einfach alles, was in der Luft ist. Im Kriegsfall müsste es Kampfflugzeuge der Luftwaffe und der Nato leiten.

"Unser Luftraum ist nie unbeobachtet", sagt Oberstleutnant Manfred Mengis, stellvertretender Kommandeur des Einsatzführungsbereichs 1. Blau dargestellt auf den Monitoren sind zivile oder militärische Luftfahrzeuge, die ordentlich angemeldet sind. Taucht ein grünes Objekt auf, steigt die Spannung im Saal. Dann ist ein Pilot ohne Anmeldung unterwegs. "Es passiert häufiger, dass Piloten sich bei der Flugsicherung nicht angemeldet haben", sagt Oberfeldwebel Raphael Schlenker, der im Bereich Identifizierung eingesetzt ist. Meist stellt sich als Grund für die "lost communication" (keine Funkverbindung) ein Funkausfall heraus. Oder die Piloten haben die falsche Funkfrequenz gewählt. "In Friedenszeiten machen wir mehr Hilfestellung", sagt Jäger-Leitoffizier Weiß. Er nennt seine Einheit den "ADAC der Luft".

Dem Personal im Bunker Martin entgeht auch nicht, wenn die Bundeskanzlerin mit dem Regierungsjet unterwegs ist. Ihre Maschine heißt hier "VIP two" und auf sie richtet sich besondere Aufmerksamkeit. Der Bunker wurde zwischen 1960 und 1964 ins Kalkgestein gebaut. Das war die Zeit des "Kalten Kriegs". Auch bei einem Atomschlag sollte die Kampfführungsanlage handlungsfähig bleiben. 120 bis 130 Soldaten und Zivilbedienstete arbeiten im Schichtbetrieb, sieben Tage in der Woche rund um die Uhr.

Den Dienst im Bunker - jeder empfindet ihn unterschiedlich. "In vielen Betrieben müssen die Leute auch ohne Tageslicht arbeiten. Und da ist es meist lauter", sagt Diehl. Nur im Winter kann es mal deprimierend sein. "Man kommt im Dunkeln an und geht im Dunkeln heim." Es gibt auf den vier Ebenen keine Pflanzen. Lieblingsplatz ist die "Kleinkantine" in der zweiten Ebene. "Wir werden dort gut verpflegt", sagt einer der Soldaten.

In der ersten Ebene - von unten gesehen - überwacht Systemelektroniker Kirill Selevirov die Server zur Steuerung der Radargeräte. Und ebenfalls in der ersten Ebene ist der Energiezug zugange. Die Handwerker kümmern sich um das Klima und die Wasserversorgung für den ganzen Bunker. "Wir sind Zivilbeschäftigte, fünf Mann", sagt Elektriker Karl-Heinz Grüner aus Balingen. Vier Dieselaggregate schalten sich ein, wenn die Stromversorgung von außen unterbrochen wird. Fünf Ventilatoren saugen Frischluft an.

Die Tage von Bunker Martin, des größten zur Luftraumüberwachung in Deutschland, sind allerdings gezählt. Als Folge der Bundeswehrreform löst das Verteidigungsministerium den Einsatzführungsbereich 1 samt der ganzen Zollernalb-Kaserne in Meßstetten Ende 2013 auf. Die Aufgaben übernehmen die Verbände im Bunker Erich im Rothaargebirge bei Erndtebrück und im Bunker Harald bei Holzdorf im Süden Brandenburgs. Nach der Verbandsauflösung übergibt die Luftwaffe den Bunker Martin der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. Was aus ihm wird, bleibt offen.

Grüner ist 64 Jahre alt und geht bald in den Ruhestand. "Bei mir läuft es wunderbar aus", sagt er. Die jüngeren Bunker-Beschäftigten müssen sich auf einen Umzug einstellen. Die 20 Mann in der Radaranlage Weichenwang allerdings bleiben. Die Bundeswehr benötigt die Peilstation weiterhin. Mengis: "Wenn wir sie abbauen würden, hätten wir im Südwesten keine Radarerfassung mehr."

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