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Doppelmord in Eberbach war wohl Verzweiflungstat

Der Doppelmord an einem Ehepaar in Eberbach hat sich als Beziehungstat entpuppt: Der Ex-Lebensgefährte der Frau nahm sich kurz nach der Tat das Leben. Der Sportschütze hatte eine Vielzahl Waffen gehortet.

CHRISTOFER MENGES | 0 Meinungen

Der 59-Jährige hatte nichts mehr zu verlieren: Sein Auto war zwangsabgemeldet, die Wohnung in einem großen Mietshaus in Heilbronn, in dem er zurückgezogen und fast ohne Kontakt zu den Nachbarn lebte, stand kurz vor der Zwangsräumung. Nur sein Waffenarsenal blieb ihm noch. In seiner verzweifelten Lage suchte ein arbeitsloser Energieanlagenelektroniker nach Jahren wieder Kontakt zu seiner Ex-Lebensgefährtin. Doch das Wiedersehen endet in der Katastrophe: Als der Neujahrsabend endet, sind drei Menschen tot.

Es ist das Bild einer Verzweiflungstat, das die Polizei gestern von dem Doppelmord in Eberbach zeichnete. Wie genau die Tat ablief, ist noch nicht vollständig klar. Die Polizei spricht von einem „sehr dynamischen Geschehen“. Als gesichert gilt: Zwischen 20 und 22.30 Uhr kam der Ex-Lebensgefährte nach Eberbach – und wurde von dem Ehepaar, einem 65-jährigen Eberbacher Stadtrat und einer 56-jährigen Ärztin, eingelassen. Im Haus feuerte der 59-Jährige sieben Schüsse aus einer Neun-Millimeter-Pistole der Marke Sig Sauer ab. Seine Ex-Partnerin fand die Polizei im ersten Obergeschoss, den 65-jährigen Stadtrat Harald G. ein Stockwerk höher. Beide wurden mehrfach getroffen. Danach setzte sich der Täter in einen vier Tage zuvor angemieteten Wagen, fuhr über die A 81 in Richtung Tauberbischofsheim und stürzte sich dort von einer Brücke. Die Tatwaffe und mehrere Magazine fand die Polizei im Auto. Eine weitere Waffe lag neben der Leiche. Laut Ergebnis der kriminaltechnischen Untersuchung passen alle Geschossteile zur Tatwaffe. „Damit ist für uns der Fall weitgehend aufgeklärt“, sagte der leitende Oberstaatsanwalt Alexander Schwarz in der Pressekonferenz.

Drei Tage vor seinem Tod hatte Harald G. gegenüber einem Sohn Bedenken geäußert: Ihm war nicht wohl dabei, dass der Ex-Lebensgefährte seiner Frau wieder Kontakt zu ihr suchte. Denn der Mann sei labil und besitze Waffen. In seiner Funktion als Stadtrat hatte sich G. stets vehement gegen den Besitz von Waffen ausgesprochen: „Eine Neun-Millimeter ist kein Sportgerät, sondern eine Kriegswaffe“, hatte er dort mehrfach gesagt.

Was den Täter trieb, ist unklar. Mit der Ärztin war er von 1994 bis 2003 zusammen. Kennengelernt hatte sich das Paar in Thüringen, wo der Mann herstammt. Eigene Kinder hat er nicht. Nach der Trennung erfolgte sein sozialer Abstieg.

Seine Waffen besaß er offenbar legal. 2004, ein Jahr nach der Trennung, trat er in einen Schützenverein ein; seit 2005 nahm er regelmäßig an Schießübungen teil. In seiner Heilbronner Wohnung fand die Polizei sieben Schusswaffen, sowohl Kurz- als auch Langwaffen, und mehr als 1000 Schuss Munition, dazu elf Jagd- und Kampfmesser. Laut Soko-Leiter Marcus Winter alles „weitestgehend legal“. Zwei Waffentresore sind aber noch gar nicht geöffnet. Einen Abschiedsbrief fand die Polizei bislang nicht.

Wer von der Tat wohl nichts mitbekommen hat, war der zweijährige Enkel des Ehepaars, der um die Uhrzeit, als der Mord geschah, schlief. Dennoch verbrachte der Kleine noch zweieinhalb Tage allein im Haus mit seinen toten Großeltern. Am dritten Tag öffnete er die Türe, setzte sich draußen im Nieselregen in einen Kinderwagen und weinte, bis die Nachbarin kam. So kam der Mord erst ans Tageslicht. Den Nachbarn waren die Schüsse einen Tag nach Silvester nicht als ungewöhnlich aufgefallen. Nach Angaben der Polizei ist der Junge wohlauf.

Die auswärts studierende Tochter wurde am Tatort von den Ereignissen überrascht. Nach Neujahr war sie von der Karlsruher Polizei, die nach Bekannten des 59-Jährigen suchten, über dessen Selbstmord informiert worden. Nach Eberbach kam sie, um mit ihrer Mutter darüber zu reden. Erst am Tatort erfuhr sie, dass die Ärztin und ihr Stiefvater ebenfalls tot sind.

Zurück bleiben drei Tote, eine Stadt in Trauer und die Frage nach dem Warum. Der will die Polizei noch auf den Grund gehen: „Wir sind mit der Aufhellung des Umfelds noch nicht am Ende“, sagte gestern der Leiter der Heidelberger Kriminalpolizei, Siegfried Kollmar.

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