Die junge Generation auf mittelalterlichen Pfaden

Heidelberg.  Mittelalterfeste boomen: Ein Heidelberger Forscher glaubt, die Menschen wollen einer Beschleunigung des Lebens entkommen.

Der Historiker Stefan Weinfurter begrüßt das wachsende öffentliche Interesse an der Zeit des Mittelalters. Aus Sicht des Geschichtswissenschaftlers sei es eine freudige Entwicklung, dass sich vor allem junge Menschen vermehrt mit der Zeit zwischen 500 und 1500 beschäftigen, sagt Weinfurter. Auch Mittelaltergruppen und Mittelalterfeste könnten ihren Teil dazu beitragen, ein genaueres Bild dieser Menschheitsepoche zu zeichnen.

Besonders junge Menschen wollten wissen, "was die tieferen Wurzeln unserer Welt und unserer Ordnung sind und welche Lebensentwürfe in der Geschichte anzutreffen sind", sagt der Professor für mittelalterliche Geschichte an der Universität Heidelberg. Ein Grund dafür könne sein, dass die jüngere Generation in der Schule wenig über frühere Zeiten erfahre. "Hier zeichnet sich ein großer Nachholbedarf ab", sagt Weinfurter, der als ein Kenner der Salierzeit des 11. und 12. Jahrhunderts gilt.

Auch an den Universitäten erlebe das Mittelalter einen Zulauf. Wissenschaftler dürften sich gegenüber Laien keine wissenschaftliche Deutungshoheit anmaßen, betont der Experte. "Wer kann schon sagen, wie die ,Wirklichkeit aussah - nur Annäherungswerte sind möglich." Die Auftritte von Mittelaltergruppen seien ein Angebot. "Und in vielen Fällen, so jedenfalls mein Eindruck, stützen sich diese Gruppen auf ziemlich gute Recherchen." Die Wissenschaft beschäftige sich auch aufgrund der lückenhaften Quellenlage viel mit theoretischen Konstrukten, mit Strukturen und Modellen. Das "wirkliche Leben" bleibe aber häufig ausgespart.

Das neue Interesse am Pilgern bietet Weinfurter zufolge einen guten Anknüpfungspunkt zum Thema Mittelalter. Der Wunsch, sich auf den Pilgerweg zu machen, hänge wohl weniger mit der Frömmigkeit zusammen. Viele Menschen versuchten vielmehr, der extremen "Beschleunigung der Zeit" wenigstens für kurze Zeit zu entkommen.

Über das Mittelalter könne sich die interessierte Öffentlichkeit vor allem mit guten historischen Romanen informieren, empfiehlt Weinfurter. Auch die Fachwissenschaft gebe sich große Mühe, spannend zu lesende Bücher zu schreiben. Zudem gebe es ein qualitativ hohes Angebot an Hörbüchern und DVDs. epd


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30.07.2010

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