Der Mörder hat noch immer kein Gesicht
Heidenheim. Am 12. Mai war die Bankiersfrau Maria Bögerl aus ihrem Haus in Schnaitheim entführt worden, am 3. Juni wurde die Leiche gefunden. Vom Täter ist wenig bekannt. Eine Zwischenbilanz der Ereignisse.
Es geschah am Vormittag des 12. Mai im Wohnhaus der Familie Bögerl in Schnaitheim bei Heidenheim. Maria Bögerl (54), die Ehefrau des Vorstandsvorsitzenden der Kreissparkasse Heidenheim, wird entführt. Die Polizei findet später in der Wohnung Kampfspuren. Und im Wagen der Frau, in dem Täter und Opfer wegfahren, werden Blutspuren entdeckt. Sie muss sich gewehrt haben. Aber weder die Wohnung noch das Auto sind nach Überzeugung der Polizei Tatort des Mordes an Bögerl.
Im Niederstotzinger Rathaus erhält ihr Ehemann Thomas Bögerl einen Anruf. Angeblich erkennt er die Handynummer seiner Frau, entschuldigt sich, geht kurz vor die Tür und berichtet nach der Rückkehr von der Entführung der Frau. Das Telefonat hat außer ihm niemand mitbekommen.
Der Entführer fordert ein Lösegeld von 300 000 Euro - eine ungewöhnliche Summe: Ein professioneller Hochkrimineller käme kaum auf die Idee, eine so geringe Summe zu verlangen. Oder doch? Für die Kriminalpolizei gibt es drei mögliche Erklärungsmuster.
Fall A: Der Entführer braucht dringend eine Summe in dieser Größenordnung, weil er Schulden hat, keinen Kredit bekommt, vielleicht bei der Kreissparkasse abgeblitzt ist, oder seinen Laden vor der Insolvenz retten möchte.
Fall B: Der Entführer hat irgendeine Summe genannt, weil es ihm darauf gar nicht ankommt. Er führt etwas ganz anderes im Schilde. Rache? Aber wofür?
Fall C: Der Entführer bespricht mit seinem Opfer, welchen Betrag der Ehemann und Sparkassenchef schnell besorgen kann. So schnell, dass die Polizei keine Gelegenheit hat einzugreifen. Wenn die Frau ihm klar machen kann, dass er keine Chance hat, rasch an eine Million Euro zu kommen, könnte er die 300 000 vorziehen, wenn es nur schnell geht. Dass er höchsten Wert auf Geschwindigkeit legt, geht aus seinen Forderungen hervor: um 11.23 Uhr der Anruf, um 13 Uhr soll das Geld an einer Autobahn-Betriebsausfahrt aus dem Autofenster geworfen werden. Mühsam kann Thomas Bögerl den Termin auf 14 Uhr verlegen. Das alles spricht für einen Profi oder zumindest für einen klar Denkenden, der genau weiß, dass sein Risiko mit jeder Minute wächst, die die Polizei zusätzlich zur Vorbereitung hat.
Die Ermittler halten Fall C für wahrscheinlich. Sie gehen davon aus, dass der Entführer irgendeine Beziehung zum Umfeld der Familie haben muss. Er muss deshalb nicht in unmittelbarem Kontakt gestanden sein. Dafür spricht einiges: Laut Thomas Bögerl sprach der Entführer mit schwäbischem Akzent. Er nannte sich "Schmid", ein Name, der auf süddeutsche Wurzeln hinweist. Und er soll die Formulierung "machen Sie keine Sperenzchen" verwendet haben. Er kannte sich zumindest so gut aus, dass er die Übergabestelle für das Lösegeld genau beschreiben konnte. Und es sieht so aus, als habe er die Stelle, an der er die Leiche ablegte, gezielt gewählt. Das alles spricht dafür, dass er sich zumindest längere Zeit im Raum Heidenheim aufgehalten hat oder aus diesem kommt.
Die Polizei hat DNA-Material sichergestellt, das für einen Gen-Test ausreicht. Angeblich wurden die Ermittler sowohl an der Leiche als auch im Auto der Frau fündig. An einen Massen-Gen-Test denkt derzeit niemand. Dafür wissen die Beamten zu wenig. Wo sollen sie suchen? War es ein Mann, eine Frau oder waren es gar mehrere Täter?
Deshalb begannen sie im Umfeld. Wer angehört wurde, weil die Polizei Querverbindungen nicht ausschloss, wer gebeten wurde, ein Alibi für die fragliche Zeit zu nennen, der wurde auch um einen freiwilligen Gen-Test gebeten. Details werden nicht bekannt gegeben. Es geht weniger darum, vom Täter freiwillig den Beweis der Schuld geliefert zu bekommen. Die Ermittler setzen darauf, im Ausschlussverfahren den Kreis der Verdächtigen verkleinern zu können.
Als an jenem 12. Mai die Übergabe des Lösegelds um eineinhalb Stunden zu spät erfolgt, taucht der Entführer nicht mehr auf und nimmt auch keinen Kontakt mehr auf. Das Risiko scheint ihm zu groß. Oder ging es ihm gar nicht um das Geld? Weil es so viele offene Fragen und keine Antworten gibt, brodelt die Gerüchteküche. Hätte der Ehemann ein Motiv gehabt? Dafür gibt es nicht einen einzigen Hinweise, sagt die Polizei.
Warum ermordet der Entführer Maria Bögerl und riskiert, nicht nur wegen einer Entführung, sondern wegen Mordes verurteilt zu werden? Auch da sehen die Kriminalisten mehrere mögliche Versionen. Entweder weil das Opfer den Täter erkannt hat. Wenn er aus dem Umfeld kommt, spricht einiges dafür. Oder weil er eiskalt die mögliche Zeugin umbringt. Oder aus Wut und Enttäuschung über die gescheiterte Geldübergabe. Vielleicht hat er auch durchgedreht oder die Observation durch die Polizei bemerkt. Oder weil es von Anfang an nur um den Tod der Frau ging.
Um diese Fragen beantworten zu können, wäre es hilfreich, wüsste die Polizei mehr über den genauen Todeszeitpunkt Maria Bögerls. Aber der Zeitraum, den das Gutachten der Insektenkundler nennt, ist zu groß, um Rückschlüsse zu ziehen. Offiziell wird nichts bestätigt. Es geht um Tage, nicht etwa um Stunden, sagen Ermittler. Sie gehen inzwischen selbst davon aus, dass die Tote bereits am späteren Fundort lag, als Hundertschaften der Polizei am 15. Mai die Gegend durchkämmten und auch diesen Winkel absuchten. Möglicherweise sei sie übersehen worden, sagt Horst Baur, der Sprecher der Polizeidirektion Heidenheim. Damit ist unklar, ob sie vor oder nach der gescheiterten Geldübergabe mit wenigstens drei Messerstichen getötet worden ist. Sie war mit Handschellen gefesselt, hat aber trotzdem versucht, sich zu wehren. Das wurde aus den Verletzungsmustern deutlich.
Die Sonderkommission der Polizei hat alle bekannten Details dieses Kriminalfalles zusammentragen und von Spezialisten mögliche Täterprofile erstellen lassen. Details werden wie ein Staatsgeheimnis gehütet. Die Hälfte der mehr als 5000 Spuren ist ausgewertet, eine heiße Spur war nicht dabei. Sie hoffen auf die Labors des Landeskriminalamtes, die ihre Untersuchungen noch nicht abgeschlossen haben.
Kürzlich wandte sich die Sonderkommission "Flagge" mit Handzetteln an die Öffentlichkeit. Wer hat in den Tagen nach der Entführung im Hof des Klosters Neresheim fotografiert? Sie hofft, einen Touristen zu finden, der zufällig die Ecke mit auf dem Foto hat, in der der Wagen der Getöteten zwei Tage nach der Entführung gefunden wurde. Wenn eine Digitalkamera Tag und Stunde der Aufnahme festgehalten hätte, könnte sich daraus ein deutlicher Hinweis ergeben, wann der Wagen der Frau dort geparkt wurde. Das ließe weitere Rückschlüsse zu.
Das Puzzle-Spiel der Polizisten im Mordfall Bögerl geht weiter. Das Bild ist noch viel zu undeutlich, um zum Täter führen zu können, sagen Ermittler. Aber es nimmt mit jedem Baustein Konturen an. Die Soko sucht fieberhaft nach den Verbindungsstücken. Ihr größter Feind ist die Zeit: Sie verwischt Erinnerungen und Spuren.
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar
Autor: WILLI BÖHMER | 21.07.2010
| Artikel twittern |
|
|
Suche nach Maria Bögerl bei Heidenheim: Ermittler gehen inzwischen selbst davon aus, dass die Tote bereits am späteren Fundort lag, als Hundertschaften der Polizei die Gegend durchkämmten. Foto: dpa
MEHR ARTIKEL ZUM THEMA
Fall Bögerl: Spekulation über Leichenfund in Bayern
Ansbach/Heidenheim Eine Woche nach dem Fund eines toten 30-Jährigen in der Rezat bei Ansbach (Franken) berichtet die „Bild“-Zeitung über einen möglichen Bezug zum Fall Bögerl. Der aus Baden-Württemberg stammende Tote weise Ähnlichkeit mit dem per Phantombild gesuchten wichtigen Zeugen im Fall der entführten und ermordeten Maria Bögerl auf.... mehr
Ehepaar Bögerl in Franken beigesetzt
Herrieden/Heidenheim Die 2010 entführte und ermordete Maria Bögerl und ihr Ehemann sind in Franken beigesetzt worden. Angehörige und Freunde feierten eine Woche nach dessen Selbstmord einen Trauergottesdienst für Thomas Bögerl. Statt am früheren Wohnort des Paares in Heidenheim fand der Gottesdienst am Montag im fränkischen Herrieden statt, wo Thomas Bögerl Verwandte hatte.... mehr
Trauerfeier für Thomas Bögerl in Franken
Herrieden/Heidenheim Eine Woche nach seiner Selbsttötung haben Angehörige und Freunde am Montag bei einem Trauergottesdienst für den Mann der entführten und ermordeten Maria Bögerl Abschied genommen.... mehr
Der Fall Bögerl: Klage über die Polizei?
Heidenheim Der vor einer Woche erhängt aufgefundene Witwer der ermordeten Maria Bögerl hat sich einem Bericht des "Spiegel" zufolge bereits im Sommer 2010 über die Arbeit der Ermittler beschwert.... mehr
Bögerl-Kinder kritisieren Polizei in Todesanzeige
Heidenheim Drei Tage nach der Selbsttötung des früheren Bankiers Thomas Bögerl haben die Angehörigen die Polizei kritisiert. Bögerl, dessen Frau entführt und ermordet worden war, habe die «erfolglosen polizeilichen Ermittlungen», nicht mehr ertragen können.... mehr
Fall Bögerl: Polizei sucht nach Erklärungen
Heidenheim Die Polizei untersucht mit Hochdruck die Hintergründe des Selbstmords von Thomas Bögerl, dem Witwer der entführten und ermordeten Maria Bögerl - und fahndet nach einer blonden Frau und einem Mann mit Pferdeschwanz.... mehrMEISTGELESENE ARTIKEL
Türsteherpoltik in Crailsheim in der Kritik
Daheim Geburtstag zu feiern ist ganz schön, aber zum Schluss mit der ganzen Clique noch in die Diskothek zu gehen, hat auch was. Also machte das kürzlich auch die ältere Tochter des Crailsheimer Bürgermeisters Herbert Holl so.... mehr
Neu-Ulmer Bordell-Chefin wehrt sich gegen Vorwürfe
Neu-Ulm Der in einem Neu-Ulmer Bordell aufgefundene Tote wird nicht obduziert. Die Polizei ist sicher: Der 36-Jährige starb durch einen autoerotischen Unfall. Derweil hat sich die Bordellchefin zu Wort gemeldet.... mehr
Inferno in der Hechinger Altstadt
Hechingen Der größte Altstadtbrand der jüngeren Hechinger Geschichte tobte gestern Abend in der Markt- und Schlossstraße. Dramatische Rettungsszenen spielten sich ab. Neun Menschen wurden verletzt.... mehr
Hechinger Brandruinen qualmen noch
Am Tag nach dem Großbrand in der Hechinger Altstadt qualmt es immer noch aus den Brandruinen. Feuerwehrleute sind auch 20 Stunden nach Ausbruch des Feuers noch mit Löscharbeiten beschäftigt.... mehr
Haussklave erhängt sich bei Sex-Spiel in Neu-Ulmer Bordell
Neu-Ulm Ein 36-jähriger Hausbediensteter hat sich am Montag im Neu-Ulmer Bordell „Lili M.“ bei einem Sex-Experiment offenbar zu Tode stranguliert.... mehr

ZURÜCK

Kommentare (2)
A u. B sind teilweise richtig. C ist falsch.
Fall A: Der Entführer braucht dringend eine Summe in dieser Größenordnung, weil er Schulden hat, keinen Kredit bekommt, vielleicht bei der Kreissparkasse abgeblitzt ist, oder seinen Laden vor der Insolvenz retten möchte.Aber er führt etwas ganz anderes im Schilde. Es sollte nicht "er" heißen, sondern die Täter! Weil es mehr wie 2 Täter sind.
Es kann auch ein bestellter Killer gewesen sein.
Jedoch merkwürdig, dass der VW Passat und der unheimliche Zopfmann unauffindbar bleiben. Bzw. eine Leiche unter Reisig legen, die bereits getötet, erfordert doch Kräfte. Eine Person wird das bestimmt nicht geschafft haben, Frau Bögerl dort zu begraben oder doch?
Die Mörder haben mehr als nur ein Gesicht ..
.. ich habe mehrmals auf die nicht beachteten Suiteshingewiesen ..
Die Umwege von Leuten zunächst, sind einer späten Realität
gewichen - nur, wo bleiben die Leute vom Abstellplatz
Neresheim - wo sind die Begeher über 22 Tage in den
Revieren ??
Anscheinend hat die Polizei selbst zuviel Angst !!