Der Jahrestag an den Orten des Schreckens

Winnenden.  Zwölf Monate sind vergangen - doch der erste Jahrestag des Amoklaufs von Winnenden und Wendlingen bringt jede Minute der unfassbaren Tat wieder ins Gedächtnis. Beobachtungen an den Orten des Schreckens am 11. März 2010 - ein Jahr danach:

9.28 Uhr, Albertville-Realschule: Das Gebäude gehört für kurze Zeit wieder den Schülern. Schweigend ziehen sie mit den Angehörigen der Opfer zum Schulgebäude, das seit dem Amoklauf geschlossen ist. Sie halten sich an den Händen. Zu dieser Zeit genau vor einem  Jahr war hier noch alles in Ordnung. Der Unterricht lief wie gewohnt.

9.33 Uhr, Winnenden: Alle Kirchenglocken läuten. Auch in der Innenstadt bleiben die Menschen stehen, blicken zu Boden und schweigen. Nicht wenige falten die Hände, halten für Minuten inne. Drei junge Mädchen in der Marktstraße umarmen sich, schluchzen. Kurze Zeit später wird auf dem Markt wieder Kohl verkauft. „Es muss ja weitergehen“, sagt ein Marktbesucher. Dennoch gibt es den Ständen heute nur ein Thema. Nicht wenige Menschen lesen die Porträts der 15 Opfer im Schaufenster der „Winnender Zeitung“. Auf den Bäumen, an denen vor einem Jahr Trauerflor hing, liegt Schnee.

9.43 Uhr, Zentrum für Psychiatrie: Schneetreiben, Stille. Hierher verschlägt es am Donnerstag kaum jemanden. Wenig erinnert an den Amoklauf. Vor einem Jahr erschoss der Amokläufer auf seiner Flucht hier - unweit der Realschule - einen arbeitenden Mann. Auf dem Parkplatz der Psychiatrie kidnappte der Täter zudem einen 41 Jahre alten Autofahrer und zwang ihn zur Fahrt mit unbestimmtem Ziel. Es ging nach Stuttgart, später Richtung Süden, dann nach Wendlingen. Zur gleichen Zeit finden Polizisten in der Schule zwölf Leichen. Acht Schülerinnen, ein Schüler, drei Lehrerinnen.

12.01 Uhr, Autohaus Wendlingen: Die Werbeflaggen wehen auf Halbmast, mit Trauerflor. Hier, abseits in einem Gewerbegebiet, fand der Amoklauf damals sein Ende. Zufällig. Der entführte Autofahrer war aus dem Wagen gesprungen, der Täter flüchtete zu Fuß weiter. Im Autohaus forderte er ein Fahrzeug - als er es nicht sofort bekam, erschoss er einen Verkäufer und einen Kunden. Auf dem Parkplatz lieferte er sich noch einen Schusswechsel mit der Polizei. Zwei Beamte wurden verletzt. Gegen 12.30 Uhr fand die Polizei den Amokläufer tot zwischen einer Wand und einem Auto. Er hatte sich selbst gerichtet. In der Tasche wurden weitere 171 Patronen  gefunden.

Auch an den Fahnen vor dem Rathaus flattert ein Jahr danach Trauerflor. Ansonsten passiert hier nichts, was nicht jeden Donnerstagmittag passieren würde. Arbeiter gehen in die Pause, Schüler gehen nach Hause. Die Glocken läuten um 12.00 Uhr - weil  sie es immer tun. Zur Tatzeit kurz danach läuten sie nicht mehr.

13.00 Uhr, Friedhof Weiler zum Stein: Frische Blumen und brennende Kerzen: Auch der Friedhof im Dorf Weiler zum Stein ist am  Amoklauf-Jahrestag ein Ort des Gedenkens. Vier Opfer des Amokläufers, Schulfreundinnen mit Geburtsdaten aus den Jahren 1992  bis 1994, liegen hier direkt nebeneinander begraben. Kristina, Jana, Chantal und Steffi - auf ihren Grabsteinen steht das gleiche  Todesdatum: 11. März 2009. Sie waren Schülerinnen der Albertville-Realschule Winnenden. Immer wieder kommen am Jahrestag  Trauende vorbei, zünden Kerzen an, auch ein Kranz mit frische Blumen liegt auf einem Grab. Erinnerungsstücke, Postkarten, Fotos und  Blumen sind am Donnerstag vom Schnee bedeckt. Auch der Täter lebte mit seinen Eltern und einer Schwester in dem zu Leutenbach (Rems-Murr-Kreis) gehörenden Ortsteil.


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Autor: ROLAND BÖHM, DPA | 11.03.2010

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