"Das wird alles von oben gesteuert"

Sulzbach-Murr.  Staatsterror, Gehirnwäsche, Lügen: Zum Amoklauf von Winnenden blühen wilde Verschwörungstheorien. Autoren und Internet-Detektive stacheln sich gegenseitig an - und sehen dabei nur, was sie sehen wollen.

Gegen 21 Uhr wird es zum ersten Mal lebhaft im Saal des Gasthofs "Eisenbahn" in Sulzbach-Murr. Die Schnitzel mit Pommes sind gegessen, das zweite Apfelschorle steht auf dem Tisch. 30 Menschen sind gekommen, um über angebliche "Vertuschungen und Lügen" zum Amoklauf von Winnenden zu diskutieren. Doch nun bricht sich Bahn, was einfach raus muss: "Es gibt keinen Rechtsstaat", sagt ein grauhaariger Mann. "Amokläufe wird es nur so lange geben, wie die Regierenden sie brauchen, um ihre Waffengesetze durchzubringen." "Genau so isches", stimmt ein Mann mit dunklem Bart zu. Dann fasst sich eine ältere Dame ein Herz: "Die Wahrheit über Winnenden werden wir nie erfahren, das kommt alles von oben, wird alles verschleiert." Dann sieht sie sich im Saal um. "Vielleicht - wenn man das so sagt, gerät man da selbst noch ins Visier und lebt womöglich gefährlich."

In solchen Momenten wird klar: Die Menschen, die sich hier in Sulzbach, etwa 20 Kilometer von Winnenden, getroffen haben, leben in einem anderen Deutschland: Für sie sind Rechtsstaat, Pressefreiheit, Demokratie nur Fassade - Staatsterror, Mediendiktatur, Verschwörung dagegen Realität. Eine Frau mit hochgesteckten grauen Haaren schaut von ihren Notizen auf dutzenden Karteikarten auf: "Vom bevorstehenden Bürgerkrieg", ruft sie, "kann man ja fest ausgehen!"

Da platzt einem der Jüngeren im Saal der Kragen. "Wen interessiert denn das?", ruft er. "Wir sind hier, um über Winnenden zu diskutieren." Er gehört zu einer Gruppe von Online-Aktivisten aus dem Bundesgebiet, die im Internet akribisch Fakten zum Amoklauf sammeln und auswerten. Etwa zehn von ihnen sind heute in Sulzbach. "Unsere Analyse zum Fall beträgt derzeit 194 Seiten", sagt einer und schwenkt ein dickes Bündel Papier. Der Ergebnis der Freizeit-Detektive: "Tim K. kann nicht der Täter sein."

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 brachten Verschwörungstheorien viel Aufwind. Bücher stürmten die Bestsellerlisten, im Internet werden einschlägige Filme tausendfach abgerufen. Nun blühen auch zu Winnenden wildeste Thesen. "Das Internet sorgt dafür, dass diese Dinge heute viel schneller verbreitet werden", sagt der Journalist und Autor Tobias Jaecker, der ein Buch über Verschwörungstheorien geschrieben hat. Deren Attraktivität sei ihre Einfachheit: "Komplexe und verstörende Ereignisse, die man sich nicht erklären kann, erscheinen plötzlich schlüssig." Das funktioniere aber nur bei einer sehr selektiven Wahrnehmung der Fakten. "Man sucht nur nach Dingen, die scheinbar die eigene Theorie stützen und ignoriert alles andere", sagt Jaecker. "Gegenbeweise gelten dann nur als Beleg dafür, dass gelogen und gefälscht wird."

So ist das auch bei den Leuten in der Sulzbacher "Eisenbahn": Dass ein 17-Jähriger so kaltblütig mordet, können sie einfach nicht glauben - dass ein Staat einen Amoklauf für düstere Zwecke inszeniere, leuchtet ihnen jedoch sofort ein.

Bedient wird dieses Weltbild nicht nur im Internet: Autoren und "Sensationsjournalisten" liefern dem Publikum Thesen. Der umstrittene Gerhard Wisnewski fabuliert in Büchern und auf der Homepage des Rottenburger Kopp-Verlags über Amokläufe. Der Balinger Autor Guido Grandt hat ein Buch zu den "Vertuschungen" von Winnenden auf den Markt geworfen. In Sulzbach heißt der Initiator Andreas Hauß, ein beleibter Mann im gelben Sakko, der das Thema weitertreiben will. "Was können wir machen?", fragt er in die Runde. "Sollen wir an die Opfer-Angehörigen ran? Sollen wir rein nach Winnenden?" Hauß, Historiker aus March im Breisgau, hat mit dem Journalisten Mathias Bröckers ein Verschwörungsbuch zum 11. September verfasst. Nun widmet er sich mit Verve dem Thema Winnenden, angeblich ist ein Buch in Vorbereitung.

"Letztlich ist es auch ein Geschäft, solche Theorien auf den Markt zu werfen", sagt Jaecker. Heute wurde Jörg Haider noch von Freimaurern ermordet, morgen sei das nächste Thema dran.

"Diese Leute sehen nur, was sie sehen wollen", heißt es bei der Polizei. Anfangs habe man mit Grandt und Hauß kooperiert und Fragen beantwortet. "Aber man konnte reden, was man wollte", sagt ein Sprecher. "Wenn da jemand seine feststehende Meinung hat, lässt er sich durch Fakten nicht abbringen." Hauß hat mittlerweile die Behörden angezeigt - wegen Totschlags, unterlassener Hilfeleistung und Beweisfälschung. Auch ein Backnanger Bürger hat Strafanzeige gestellt - gegen Ermittlungsbehörden, Innenminister Heribert Rech und Ex-Ministerpräsident Oettinger, wegen Beweisfälschung, Verschleierung und "Bildung einer terroristischen Vereinigung innerhalb der Staatsbehörden". "Die Welt", sagte der Mann im Gespräch, "steht Kopf".


Kommentare (3)

12.04.2010 21:08 Uhr |   INP

Ein 'stealth' Journalist berichtet....

Da ich ja wohl der junge Mann, war dem der Kragen geplatzt sein soll (Danke für die Blumen lieber Roland.)
Leider hat der Schreiber nicht seine Hausaufgaben gemacht wie eigentlich immer bei den deutschen Quallitätsmedien.
Hätte er doch mal einen Blick in das entsprechende Forum, war übrigens auf der Einladung angegeben, geworfen, hätte konstruktiv nachgefragt und wäre den angegebenen Links gefolgt hätte dieser "Bericht" vielleicht anders ausgesehen.

Was in diesem Artikel leider völlig verschwiegen wird ist ,dass der Opferanwalt Lang, der selber seine Lebensgefährtin beim Amoklauf in Erfurt verlor, einen Vortrag zu den eklatanten Diskrepanzen zu öffentlicher Darstellung, Beweismittelvernichtung und - ja man ließt richtig - einem 2. Täter dargelegt hat. Dieser Mensch hatte Zugriff auf die Ermittlungsakten (zumindest teilweise) in seiner Rolle als Anwalt von 15 Hinterbliebenenfamilien.

Ansonsten ist hier leider die übliche kognitive Dissonanz seitens Roland Müller's anzutreffen.
12.04.2010 17:30 Uhr |   Debunker

Wo war der Autor?

Auf dieser Veranstaltung?
youtube.com/watch?v=RQji1oyqQ8g

Warum merkt man das dem Artikel nicht an? Wie lautet denn der Titel der Veranstaltung? Wann fand sie statt? Zwei Wochen alte "Erinerungen" reichen wohl nicht zu wahrheitsgemäßer Berichterstattung. ...
12.04.2010 19:03 Uhr |   k99045

Vielleicht...

Wenn das Thema Winnenden ist, und es wird in den ersten zwei Stunden nur über Erfurt geredet...

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Autor: ROLAND MÜLLER | 10.04.2010

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