Chance für stürmische Köpfe

Esslingen.  Kinder mit ADHS nerven ihre Umwelt - sie sind zu laut, zu impulsiv, zu zappelig. Gründe, warum viele in der Schule scheitern. In einer privaten Schule in Esslingen ist das anders: Dort ist das Abitur erklärtes Ziel.

Kein Tuscheln ist zu hören, keine unangemessenen Zwischenrufe, kein Klassenclown spielt verrückt. 14 Fünftklässler pauken gerade die verschiedene Zeitformen im Englischen, füllen Tabellen aus und beantworten Fragen ihres Lehrers Thomas Dahm. Ungewöhnlich still ist es in dieser Schulklasse. Aber wer genau hinschaut, bemerkt die wippenden Füße, das stets wiederkehrende Zucken einer Schulter, das Schaukeln auf dem Stuhl, das entrückte Beobachten eines roten Laserpunktes: Auswirkungen des Sturms in ihren Köpfen.

14 kleine Irrlichter sitzen im Klassenzimmer des Privaten Gymnasiums Esslingen (PGE). Kinder mit Eigenschaften, die Mitmenschen oft an ihre Grenzen bringen, weil sie randalieren, zappeln, stören, kopflos sind. Sie alle haben die Krankheit mit dem sperrigen Doppelnamen "Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung", kurz ADHS genannt. "Eine Diagnose, die zur Mode geworden ist", bedauert Dahm, der auch Schulleiter am PEG ist. Denn bis feststeht, ob ein Kind tatsächlich unter ADHS leidet, braucht es anerkannte Tests. Beileibe nicht jedes Kind, das zappelt, hat diese Störung. 30 Prozent der Eltern glauben das allerdings. "Tatsächlich sind es drei bis sechs Prozent", weiß Dahm. Wobei auf ein Mädchen vier Jungen kommen.

Das PGE ist die einzige Schule in Deutschland, an der ADHS-Kinder das Abitur machen können. Wer hier landet, ist meist traumatisiert, hat durchaus schon mit zehn Jahren Selbstmordgedanken, ein geringes Selbstbewusstsein. "Zu uns kommen die, die als nicht beschulbar gelten. Solche, die vom System ausgekotzt worden sind", macht Dahm deutlich. Kinder, die intelligent sind, aber durchs Raster fallen, weil in Regelschulen Lehrer weder die Zeit für sie haben noch die Geduld. Fremdkörper, so wie Michael.

Bereits im Alter von zweieinhalb riss er die Wäschespinne im Garten aus den Angeln - "weil er das Klatschen der Schnüre gegen das Gestell hören wollte und alles dafür tat, dass es funktionierte", erinnert sich seine Mutter. Wohl 20 Mal habe sie ihn zuvor davon abgehalten. Oder er nahm einen Stock und zerschlug das Gewächshaus, weil die "Scherben so schön im Sonnenlicht glänzen". Schimpfen, Schreien, Strafen half nichts. Michael zertrümmerte das Gewächshaus nicht nur einmal. "Ein richtiger Lausbub", sagten die Leute im Dorf, und auch die Eltern fanden sich zunächst mit dem Gedanken ab.

Im Kindergarten mischte Michael die ganze Gruppe auf, in der Grundschule robbte er auf dem Boden und machte in die Hosen, "weil er den Gestank in der Schultoilette nicht aushielt". Freunde hatte er nicht, und die Mutter ertrug es irgendwann nicht mehr, dass es wegen der Hausaufgaben zwischen ihr und Michael "keine schönen Momente mehr, sondern nur noch Stress gab". Als die Diagnose ADHS schließlich feststand, war zwar die Ursache benannt, professionelle Hilfe bot jedoch niemand. Die Ärztin verschrieb Michael den Wirkstoff Methylphenidat, eine begleitende Therapie gab es nicht: "Wir haben uns von Gott und der Welt allein gelassen gefühlt", sagt die 40-jährige Freiberuflerin.

Das PGE war die rettende Insel für die Familie. "In einer Regelschule hätte Michael keine Chance", sagt die Mutter. Obwohl er intelligent sei - das Abitur sei dort unerreichbar. Nicht so im PGE. In der Ganztagesschule werden die insgesamt 71 Schüler auf der Grundlage von neusten Erkenntnissen über ADHS unterrichtet. Etwa die von der Frankfurter Pyschologieprofessorin Caterina Gawrilow. "Und wir als Lehrer lernen und bilden uns mit", erklärt Schulleiter Dahm.

So stehen neben einer reizarmen Umgebung, konsequentes Handeln und die Ritualisierung von Regeln ganz oben. Ein Punktesystem - "für aktive Mitarbeit, Verhalten und nichts vergessen" bildet den Rahmen. Über die Woche hinweg werden die Punkte gesammelt, am Ende bekommen Schüler, die alle erreicht haben, einen Gutschein. "Damit dürfen sie sich eine Aufgabe einsparen." Andere gehen in das so genannte Silentium. Das ist Förderunterricht, kein Nachsitzen. Die Kinder setzen sich Ziele, für die schulische Leistung und für sich als Person, deren Erfolg von der Klassengemeinschaft überprüft wird.

Da Gruppenarbeit für ADHS-Kinder schwieriger ist, findet am PGE Frontalunterricht statt. Die Schüler sitzen an Einzeltischen, die Lehrer loben viel, geben möglichst kurze Anweisungen, ermahnen meist nur mit Blicken. Es ist mehr Beziehungs-, denn Erziehungsarbeit, sagt Dahm. Schüler, die für ihren Lehrer schwärmen, tun bereitwillig mehr. Am Ende der Woche gibt es zu jedem Schüler einen Bericht, der den Eltern und dem behandelnden Arzt vorgelegt wird. Denn es geht auch um die angemessene Medikation der Schüler.

Ein heikles Thema, das von Vorurteilen belastet ist, sagt Dahm. "Nur weil Missbrauch betrieben wird, sind die Methylphenidat-haltigen Tabletten nicht schlecht." Es wäre unterlassene Hilfeleistung, bekämen seine Schüler sie nicht (siehe Artikel links).

Michael, seine Schwester und Eltern leben inzwischen entspannter. Er hat noch immer sein Feuerwerk im Kopf, aber die festen Regeln in der Schule tun ihm gut. "Es sind seine Wurzeln", sagt die Mutter. Die Flügel wachsen ihm später.


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Autor: ULRIKE SCHLEICHER | 22.06.2010

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