Calw hofft auf die S-Bahn

Calw.  In Stuttgart werden die nächsten Jahre zig Tunnel gegraben. Der Erdaushub könnte per Schiene auf eine Hirsauer Deponie. Tausende Lkw-Fuhren wären so unnötig - und eine Bahnstrecke könnte aufleben.

Endlich wieder Züge auf der Strecke zwischen Weil der Stadt und Calw! Dafür kämpft der Verein Württembergische Schwarzwaldbahn seit Jahren. 1983 wurde der Personenverkehr auf der Direktverbindung Stuttgart - Calw eingestellt, heute fährt nur noch bis Weil der Stadt (Kreis Böblingen) die S-Bahn 6. Jetzt hofft die Bürgerinitiative auf Volldampf zur Streckenbelebung - durchs Großprojekt Stuttgart 21.

Die Verbindung: In Calw-Hirsau, direkt an der stillgelegten Bahntrasse, muss eine alte Mülldeponie mit Erdaushub aufgefüllt werden. Die 1973 geschlossene "Fuchsklinge" gehört der Stadt Calw und der Deutschen Bahn, die Sanierung ist dringend, weil Böschungen abzurutschen drohen. Mindestens 400 000, maximal sogar 1,2 Millionen Kubikmeter Erdreich, zwei Millionen Tonnen, werden gebraucht.

Kommt das Material auf Lastwagen, droht Orten in den Kreisen Böblingen und Calw Lärm über zehn Jahre mit 1000 Fahrten pro Jahr. Logistik auf der Schiene - "das wäre die Lösung", sagt Hans-Ulrich Bay vom Schwarzwaldbahn-Verein. Und wo fällt die nächsten Jahre so viel Erdaushub an? Nicht weit weg in Stuttgart, beim Tunnelbau für den neuen Tiefbahnhof. Güterzugtransporte zur "Fuchsklinge" könnten nicht nur die lärmenden Lkw-Fuhren überflüssig machen, auch ein kleines Stück Schwarzwaldbahn müsste dann wieder flottgemacht werden - die vier Kilometer Schienen von Calw zur Deponie. Die ertüchtigte Strecke als Anstoß zur Wiederbelebung für die S-Bahnverlängerung aus Weil der Stadt - "so könnte der Nordschwarzwald direkt von Stuttgart 21 profitieren", sagt Bay, für die SPD im Kreistag Calw und eigentlich kein Freund der Bahnhoftieferlegung in Stuttgart.

Unterstützung kommt vom CDU-Bundestagsabgeordneten für Calw/Freudenstadt: Mit dem Erdaushub-Transport hätte die Region "einen sichtbaren Nutzen" vom umstrittenen Projekt Stuttgart 21, sagt Hans-Joachim Fuchtel. In einem Brief an Bahnchef Rüdiger Grube wirbt er für die Lösung mit Dreifach-Nutzen: für die Region, die S-Bahn-Verlängerung und die Deponiesanierung. Auf den Haken weist auch Fuchtel hin: Zum einen ist der Transport auf Schienen teurer als auf Lkw, zum andern seien die Stuttgart 21-Bauer nicht für die Netz-Infrastruktur andernorts zuständig. "Anderseits kommt so eine Chance auch nicht wieder", sagt Fuchtel.

"Erdaushub aus Stuttgart ist eine Sache, die Sanierung der Fuchsklinge eine andere", sagt ein Sprecher von Stuttgart 21 dazu. Das Bahnprojekt sei an den Wettbewerb gebunden, sprich: EU-weite Ausschreibung der Aushubabfuhr, günstiger Preis. Die Logistikangebote liegen bereits vor, bis August werde geprüft. Wenn ein Betreiber die Fuchsklinge auf der Rechnung habe, "könnte eine Schnittmenge möglich sein".

"Die wahren Kosten der Lkw-Transporte", sagt Bay, "tauchen aber in den Firmenrechnungen gar nicht auf" - Kosten wie Straßenschäden oder Umweltbelastung. Eine "ganzheitliche Betrachtung" fordert auch der Leonberger Grünen-Landtagsabgeordnete Bernd Murschel. Die Gefahr sei groß, dass sich der Lkw-Transport als kostengünstigste Variante herausstellt, tausende Lkw würden dann den Erdaushub durch den ganzen Kreis Böblingen über die B 295 nach Hirsau bringen. "Mitten durch die Umweltzonen mit der schon heute hohen Belastung durch Luftschadstoffe."

Firmenvertreter, die ein Abfuhr-Angebot abliefern wollten, haben die Fuchsklinge besichtigt, sagt der Calwer Landrat Helmut Riegger (CDU). "Ich hoffe darauf, dass die Bahn ihr eigenes Verkehrmittel einsetzt." Ob das auch die Schwarzwaldbahn voranbringt? "Da gibt es offene Fragen." Die Deponie müsse auf alle Fälle saniert werden, Calw und die Bahn seien zuständig - und der Güterzugtransport von Erdaushub "höchst wünschenswert" . Gutachten sollen nun den Transport per Straße und Schiene vergleichen. Seit seinem Amtsantritt im Februar macht sich Riegger für die S-Bahn nach Calw stark. "Das ist ein Standortfaktor", wichtig für Firmen im Kreis, für Auspendler in den Raum Stuttgart, für den Tourismus im Nordschwarzwald. 60 Millionen Euro dürfte die Bahnsanierung kosten, 20 Millionen Planung und Fahrzeuge. "Das überfordert natürlich den Landkreis." Bund und Land sind gefragt, auch der Nachbarkreis Böblingen, mit dem Verband Region Stuttgart muss man sich einigen. Der zahlt nicht für seine S-Bahn über die Regionsgrenze hinaus. Riegger hat schon viele Gespräche geführt, die Planungen für die Calwer S-Bahn seien auf gutem Weg, er sei zuversichtlich. Auf einen Starttermin für die S-Bahn will sich der Landrat aber nicht festlegen.


Kommentare (1)

17.06.2010 12:40 Uhr |   eurofan

Ich hoffe,

die bekommen das dort zusammen, wenn schon mal alle an einem Strang ziehen. Ca. 2500t Erdaushub sind klar besser 1x per Bahn unterwegs als ca. 100x per LKW transportiert. Man denke auch an die um 100x grösseren Unfallgefahren.
Der Artikel ist sehr gut geschrieben - hier wird einmal klar, warum der Brummi immer 'günstiger' ist: die Strasse zahlt ihm ja der Steuerzahler - die Staublunge der Anwohner der B295 bezahlt dagegen die Krankenkasse...

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Autor: ALFRED WIEDEMANN | 17.06.2010

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