Bürgermeisterin setzt Signal
Stuttgart/Berlin. Susanne Eisenmann, CDU-Schulbürgermeisterin in Stuttgart, fordert einen Baustopp vor dem runden Tisch zu Stuttgart 21. Die Partei die Linke trommelt unterdessen in Berlin gegen das Milliardenprojekt.
Als erste CDU-Politikern hat gestern die Stuttgarter Schulbürgermeisterin Susanne Eisenmann einen Baustopp vor dem geplanten Spitzengespräch zu Stuttgart 21 gefordert. "Angesichts des Aufruhrs in der Stadt, glaube ich, dass es Sinn ergibt - wenn man miteinander sprechen will und die Gegner ein Signal brauchen -, den Abbruch des Nordflügels bis zum ersten Treffen auszusetzen", sagte die Schuldezernentin. "Dazu gehört aber auch, dass die Demonstranten ihre Proteste bis dahin einstellen." Das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 und die Grünen erwarten ein Aussetzen der Abrissarbeiten am Nordflügel des Bahnhofs als "Signal der Ernsthaftigkeit" der Projektträger von Bahn, Land, Stadt und Region Stuttgart. Das Treffen von Gegner und Befürwortern des Milliardenprojekts soll in der ersten Septemberhälfte stattfinden.
Eisenmann, die sich als uneingeschränkte Befürworterin von Stuttgart 21 bezeichnet, räumte ein, dass in der Kommunikation vieles schief gelaufen sei. "Ich habe Respekt davor, dass die Größe, die Kosten und die Dauer des Projekts die Leute nervös macht und viele Fragen aufwirft. Man hat zu wenig geworben." Jetzt gelte es Antworten zu geben. "Die dauerhafte tiefe Spaltung kann der Stadt nicht gut tun." Insbesondere die Gestaltung der Fläche, die hinter dem Bahnhof durch den Abbau der Gleisflächen frei wird, sei eine tolle Chance, sagte die CDU-Politikern.
Die Linke startete unterdessen gestern den Versuch, "den Stuttgarter Protest nach Berlin zu holen". Unter diesem Motto präsentierte die Verkehrsexpertin der Linksfraktion im Bundestag, Sabine Leidig, einen Antrag für die Haushaltswoche des Parlaments Mitte September. Darin fordert die Linke "die Einstellung der Baumaßnahmen für Stuttgart 21 und ein Moratorium" sowie "eine neue Wirtschaftlichkeitsberechnung für die Neubaustrecke Wendlingen - Ulm". Zugleich verlangte die Abgeordnete aus Heidelberg von der Bundesregierung, Bahnchef Rüdiger Grube zu entlassen. Flankiert wurde die Politikerin von Gangolf Stocker und Egon Hopfenzitz, Aktivisten der Stuttgarter Protestbewegung.
Der Stuttgarter Stadtrat Stocker griff Grube scharf an und nannte ihn einen "Falschspieler". Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) sei im Gegensatz zu Grube eher kompromissbereit, allein wegen der Landtagswahl im März 2011. Stocker: "Ich bin sicher, dass Mappus für einen Baustopp zu gewinnen wäre, wahrscheinlich sogar für einen Ausstieg aus Stuttgart 21."
Für die Demonstration heute am Stuttgarter Hauptbahnhof erwartet Stocker mindestens 60 000 Teilnehmer: "Die Stadt wird im Ausnahmezustand sein." Die Leute seien "stinkesauer auf die Politik", man müsse jetzt aufpassen, dass die Sache nicht eskaliere.
Als "Signal" an die Protestierer und um für "Entspannung zu sorgen", hat die Polizei gestern die Absperrgitter vor dem Bauzaun am Stuttgarter Hauptbahnhof teilweise wieder abgebaut. Daran soll sich auch bei der Großdemo am Freitag nichts ändern.
Nach Angaben des Grünen-Bundestagsabgeordneten Anton Hofreiter hat eine Neubewertung der geplanten ICE-Neubaustrecke Stuttgart - Ulm durch den Bund ergeben, dass das Vorhaben durch die Kostensteigerungen an der Grenze zur Unwirtschaftlichkeit liegt. "Nach zuverlässigen Insider-Informationen aus der Deutschen Bahn kommt die Analyse zum Ergebnis, dass der Nutzen des Projekts von den Kosten völlig aufgefressen wird", sagte der Grünen-Politiker. "Für Fachleute ist damit klar, dass dieses Vorhaben wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit nicht gebaut werden darf." Damit stehe Stuttgart 21 insgesamt auf der Kippe.
MEHR ARTIKEL ZUM THEMA
- Aktionsbündnis geht gegen Baumfällarbeiten vor - Eilantrag
- Stuttgart 21 - Kretschmann schreibt Brief in Facebook
- Naturschützer erwarten VGH-Urteil zum Bäumefällen
- Regierung: Bahn hat Schuld am verzögerten S21-Weiterbau
- Innenministerium stoppt Polizeieinsatz im Schlossgarten - Oppositon spricht von Skandal
- Parkschützer schütten Kretschmann Holz vor die Hütte
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar
Autor: GUNTHER HARTWIG UND AGENTUREN | 03.09.2010
| Artikel twittern |
|
|
Die Polizei hat am Bauzaun einen Teil der Absperrgitter wieder entfernt - als "Signal" zur Deeskalation an die Demonstranten vor dem Hauptbahnhof. Foto: dpa
MEHR ARTIKEL ZUM THEMA
Bahnchef Grube: Stuttgart 21 wird erst 2020 fertig
Stuttgart Der Tiefbahnhof Stuttgart 21 kann wohl erst 2020 in Betrieb gehen. "Die Wahrscheinlichkeit, dass es 2020 wird, ist sehr groß", sagte Bahnchef Rüdiger Grube am Dienstag dem Radiosender hr-Info.... mehr
Pfeifkonzert begleitet Abriss
Stuttgart Begleitet vom Pfeifkonzert einer überschaubaren Gruppe von Stuttgart-21-Gegnern und zwei Hundertschaften der Polizei hat gestern der Abriss am Südflügel des alten Stuttgarter Hauptbahnhofs begonnen.... mehrBonatz-Erbe scheitert mit Eilantrag
Gestern begann der Abriss des Südflügels, der Nordflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs war bereits 2010 unter massivem Protest abgerissen worden. Das knapp 280 Meter lange Gebäude soll nun geschossweise abgetragen werden. Die Arbeiten werden einige Wochen dauern.... mehrGeänderte Pläne zum Fildertunnel in der Anhörung
Stuttgart Mehrere Dutzend Anwohner und Gegner des Tunnelbahnhofs Stuttgart 21 diskutieren seit gestern über geplante Änderungen am Fildertunnel. Nach Auskunft eines Sprechers des Regierungspräsidiums waren 100 Teilnehmer zum Auftakt des Erörterungstermins gekommen.... mehrTunnel auf die Filder
Der Streckenabschnitt Fildertunnel ist für die Bahn "eine der wichtigsten Baumaßnahmen von Stuttgart 21" neben dem Hauptbahnhof. Die 9,5 Kilometer lange Strecke, Teil der neuen ICE-Strecke nach Ulm, soll das Zentrum mit dem neuen Bahnhof am Flughafen verbinden.... mehrKOMMENTAR · STUTTGART 21: Bei Abriss Kapitulation
Bei Abriss Aufstand" lautet ein Motto der Stuttgart-21-Gegner. Nun fällt auch der Südflügel des Stuttgarter Bahnhofs, und der Aufstand hält sich in Grenzen. Ist die Protestbewegung etwa am Ende? Bleibt von der einst so mächtigen Kraft, die die Landespolitik auf Trab hielt, nichts übrig?... mehrMEISTGELESENE ARTIKEL
Türsteherpoltik in Crailsheim in der Kritik
Daheim Geburtstag zu feiern ist ganz schön, aber zum Schluss mit der ganzen Clique noch in die Diskothek zu gehen, hat auch was. Also machte das kürzlich auch die ältere Tochter des Crailsheimer Bürgermeisters Herbert Holl so.... mehr
Neu-Ulmer Bordell-Chefin wehrt sich gegen Vorwürfe
Neu-Ulm Der in einem Neu-Ulmer Bordell aufgefundene Tote wird nicht obduziert. Die Polizei ist sicher: Der 36-Jährige starb durch einen autoerotischen Unfall. Derweil hat sich die Bordellchefin zu Wort gemeldet.... mehr
Inferno in der Hechinger Altstadt
Hechingen Der größte Altstadtbrand der jüngeren Hechinger Geschichte tobte gestern Abend in der Markt- und Schlossstraße. Dramatische Rettungsszenen spielten sich ab. Neun Menschen wurden verletzt.... mehr
Hechinger Brandruinen qualmen noch
Am Tag nach dem Großbrand in der Hechinger Altstadt qualmt es immer noch aus den Brandruinen. Feuerwehrleute sind auch 20 Stunden nach Ausbruch des Feuers noch mit Löscharbeiten beschäftigt.... mehr
Haussklave erhängt sich bei Sex-Spiel in Neu-Ulmer Bordell
Neu-Ulm Ein 36-jähriger Hausbediensteter hat sich am Montag im Neu-Ulmer Bordell „Lili M.“ bei einem Sex-Experiment offenbar zu Tode stranguliert.... mehr

ZURÜCK
