Bürger machen Politikern Druck

Offenburg.  Bei der Rheintal-Bahn will Regierungschef Mappus den Bürgern zuhören. Auf seiner Tour entlang der Strecke versprachen er und Bahnchef Grube, Alternativtrassen zu prüfen. Skeptiker halten das für reine Taktik.

"Was mir so weh tut, ist, dass hier so getan wird, als könnte noch etwas geändert werden." Richard Schmieder steht neben der Rednertribüne in Herbolzheim, dort, wo alle paar Minuten ein Zug vorbeifährt: relativ leise Personenzüge und lärmende Güterzüge. Auf der Rednerplattform hatten sich Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU), Bahnchef Rüdiger Grube, Verkehrsministerin Tanja Gönner (CDU) und Wirtschaftsminister Ernst Pfister (FDP) ein minutenlanges Pfeif- und Hupkonzert hunderter protestierender Bürger anhören müssen. Gerade sagte Mappus die finanzielle Unterstützung des Landes zu: Sollte die von der Bahn vorgesehene Trasse für ein drittes und viertes Gleis der Rheintalbahn verändert werden, übernehme das Land 50 Prozent der Mehrkosten.

Herbolzheim war eine von mehreren Stationen, die Mappus gestern mit Grube und Gönner bereiste und sich damit erstmals dem Protest der Bürger entlang der Rheintalbahn stellte. Die Bahnstrecke zwischen Karlsruhe und Basel soll zwei zusätzliche Gleise erhalten. Die Trasse, auf der sie verlaufen sollen, ist zum Teil heftig umstritten. Zum Beispiel in Herbolzheim, wo die zwei neuen Gleise neben die bestehenden gelegt werden sollen - mitten durch ein Wohngebiet. Oder in Offenburg, der ersten Station der Reise. Dort sollten die zwei zusätzlichen Gleise ebenfalls neben die bestehenden, mitten durch die Stadt führenden Gleise gelegt werden. Doch das hatte das Regierungspräsidium Freiburg abgelehnt. Seit Jahren fordern die Offenburger einen Tunnel für den Güterverkehr. Das wird nach der Ablehnung des Regierungspräsidiums nun wahrscheinlicher.

Um herauszufinden, ob die Offenburger Bodenverhältnisse den Bau eines Tunnels erlauben, werden Probebohrungen unternommen. Die erste setzten Mappus und Grube gestern in Gang. Insgesamt gibt es sechs Bohrpunkte. Die Kosten von 750 000 Euro teilen sich Bund und Land. Die Vorerkundungen sollen Ende März abgeschlossen sein. Danach folgen eine zweite und dritte Erkundungsstufe. Die Ergebnisse sollen Ende des Jahres vorliegen.

In Kappel-Grafenhausen wurden die Gäste in angenehmer Atmosphäre und fast ohne Bürgerbeteiligung empfangen. Denn die Gemeinde unterstützt die Planungen der Bahn. Dagegen gehen allerdings die Herbolzheimer massiv auf die Barrikaden. Sie empfingen die Gäste mit ohrenbetäubendem Lärm sowie einem Meer aus Transparenten mit Sprüchen wie "Wer uns quält, wird nicht gewählt". Sie fordern, dass die Trasse an die A 5 gelegt wird. Die Bürger seien sehr wohl für den Ausbau der Bahn, damit mehr Güter auf die Schiene verlagert werden könnten. Doch es müsse ein menschengerechter Ausbau sein, sagten OB Wolfgang Müller aus Lahr und der Herbolzheimer Bürgermeister Ernst Schilling.

Auch die Autobahn-Trasse werde geprüft, sagte Grube zu. Doch Richard Schmieder hält die Versprechen von Trassenprüfungen für reine Taktik. Er war von 1975 bis 1980 Gemeinderat in Herbolzheim. Schon damals sei das Gelände für die Gleise drei und vier an die Bahn verkauft worden. "Das ist doch schon längst klar, dass die zwei Gleise hier verlegt werden." Eine Autobahntrasse sei unbezahlbar. Hier gehe es nur noch um den Lärmschutz für die Anwohner.

Dass der nötig ist, war nicht zu überhören. Wenn Güterzüge in voller Fahrt vorbeirauschten, war das eigene Wort nicht zu verstehen. Als ein Güterzug im Schritttempo und damit in erträglicher Lautstärke vorbeifuhr - ob bestellt oder wegen eines Signals, war nicht herauszufinden -, quittierten die Bürger das mit Buhrufen, Pfiffen und Hupen. Als Mappus den Bürgern sagte, er habe 13 Jahre lang hundert Meter von einer Bahnlinie entfernt gelebt, beantworteten die Bürger das mit hämischen Oh-Rufen.


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Autor: PETRA WALHEIM | 19.02.2011

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