Bücher müssen umziehen

Konstanz.  Seit 15 Monaten sind große Teile der Konstanzer Unibibliothek wegen Asbestbelastung geschlossen. Um die Räume sanieren zu können, werden bis Ende Mai 1,5 Millionen Bücher in eine Halle ausgelagert.

Der Mann von der Umzugsfirma schiebt einen Regalwagen nach dem anderen aus der Reinigungs-Schleuse und stellt ihn ordentlich in eine Reihe zu den anderen. Die rund 150 gereinigten Bücher, die in jedem Wagen stehen, stammen aus den asbestbelasteten Räumen der Universitäts-Bibliothek in Konstanz. Vor gut einer Woche hat die Uni damit begonnen, die 1,5 Millionen Bücher und Medien aus den betroffenen Bereichen zu reinigen und per Lastwagen vom Campus in eine Lagerhalle im Konstanzer Industriegebiet zu fahren.

Schon seit November 2010 sind drei Viertel der mehrfach ausgezeichneten Bibliothek der Elite-Uni geschlossen. Bei Sanierungsarbeiten an den Lüftungsanlagen sind auf Büchern und Regalen Asbestfasern gefunden worden. Das krebserregende Material ist in den mehr als 40 Jahre alten Gebäuden an mehreren Stellen verbaut worden. Um die 18 000 Quadratmeter asbestfrei zu bekommen, werden die Gebäude bis 2014 für 25 Millionen Euro saniert. Das Land bezahlt. Für die Interimslösung stellt es zusätzlich sieben Millionen Euro zur Verfügung.

Seit einem Jahr läuft die Reinigung der Bücher, allerdings nur derjenigen, die von Studenten und Wissenschaftlern bestellt wurden. Bis jetzt sind das 120 000 Bücher. Um mit den Bauarbeiten beginnen zu können, müssen nun aber alle Bücher und Medien der Bereiche Geistes- und Sozialwissenschaften ausgelagert werden. Studenten und Wissenschaftler sitzen deshalb nicht "auf dem Trockenen". Sie können die Bücher wie bisher bestellen. "Sie bekommen sie innerhalb eines Tages", versichert Julia Wandt, Pressesprecherin der Uni. Nur die Bereiche J für Jura und N für Naturwissenschaften sind noch frei zugänglich. Sie sind in neueren Gebäudeteilen untergebracht. Nur für sie gilt auch der 24-Stunden-Service.

Der Mann, der die vollen Regalwagen mit den gereinigten Büchern platziert, tut dies mit Bedacht. Denn die Bücher sind sortiert, die Regalwagen nummeriert. Sie müssen in der vorgegebenen Reihenfolge in den Lastwagen ein- und so an der Halle ausgeladen und in die dortigen Regale einsortiert werden. Geschieht das nicht, weiß bald kein Mensch mehr, wo auf den 8000 Quadratmetern in der Halle welche Bücher stehen. Es ist eine logistische Herausforderung, und nur die IT-Experten der Uni wissen derzeit, ob die Bücher, die verlangt werden, noch in der Uni, auf dem Lkw oder schon in der Halle sind. "Es gibt einen Plan, welche Bücher an welchem Tag umgezogen werden", sagt Oliver Kohl-Frey, der stellvertretende Direktor der Bibliothek. Seit Ende Januar werden täglich bis zu 20 000 Bücher gereinigt und umgezogen. Das sind etwa 500 Meter Bücher. "Das Ziel ist, bis Ende Mai damit fertig zu sein", sagt Kohl-Frey.

In der Halle ist es trotz Heizung nicht besonders warm. "Die Bücher sind hart im Nehmen. Das sind Gebrauchsgegenstände", sagt er. Wenn sie ausgeliehen seien, wüsste man auch nicht, was damit geschieht. Die wertvollen Werke und Handschriften blieben in der Uni in klimatisierten Räumen, sagt er. Damit auch den "Gebrauchsgegenständen" nichts passiert, wurde ein Sicherheitsdienst engagiert.

Parallel zum Bücher-Umzug laufen Gespräche über ein neues Bibliotheks-Konzept. Der Großteil der Gebäude wird bis auf den Rohbau entkernt. Danach soll einiges anders werden: Besonders wichtig ist, dass mehr und vor allem mehr unterschiedliche Arbeitsplätze für die Studenten geschaffen werden. "Der Leidensdruck ist hoch", sagt Kohl-Frey. Jetzt, da drei Viertel der Bibliothek gesperrt sind, sowieso. Es soll Arbeitsplätze für Gruppen und für Einzelne geben und der Schallschutz verbessert werden. Genügend WLAN-Anschlüsse und Steckdosen für die PC soll es geben. Weiter ist geplant, mehr ruhige Plätze zum Lesen zu schaffen. Außerdem sind ein Lese-Café und ein Eltern-Kind-Bereich angedacht. Die Bibliothek wird wieder eine Freihand-Einrichtung. "Das ist ein Pfund, mit dem die Uni wuchern kann", sagt Kohl-Frey. Bis zum Wintersemester 2014/15 soll alles fertig sein. "Das ist ein sehr sportlicher Zeitplan", gibt er zu.

Vorerst fährt der Lkw der Umzugsfirma täglich drei Mal voll beladen mit Büchern ins Industriegebiet. Die Studenten haben sich damit arrangiert, dass sie keinen direkten Zugriff mehr auf die Bücher haben und zeigen Verständnis. Auf die Zahl der Studenten hat sich die Einschränkung bisher nicht ausgewirkt. Gespannt sind alle, ob sie auf die weitere Förderung der Spitzen-Forschung Auswirkungen hat. Denn Deutschlands kleinste Elite-Uni hat sich für die nächste Runde der Exzellenz-Initiative beworben.


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Autor: PETRA WALHEIM | 10.02.2012

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