Bahn vergibt Arbeiten für Tunnels

Für 635 Millionen Euro lässt die Bahn vom kommenden März an die beiden neuen Tunnel am Albaufstieg bauen. Das ist, trotz des höchst anspruchsvollen Gesteins, deutlich billiger als veranschlagt.

ANDREAS BÖHME | 1 Meinung

Stuttgart 21 und die Neubaustrecke nach Ulm gehören untrennbar zusammen. Während in der Landeshauptstadt die Arbeiten aber schon sichtbar sind, war die Trasse bislang noch im Planungsstadium. Das ändert sich heute: Für 635 Millionen Euro sollen der fast neun Kilometer lange Boßler- und der nahezu fünf Kilometer lange Steinbühltunnel (siehe Grafik) an ein österreichisches Bieterkonsortium vergeben werden, das auch den Zuschlag für den Fildertunnel (er verbindet den neuen Hauptbahnhof mit dem Flughafen) bekommen hat. Dieser Bauabschnitt war eng umkämpft, sieben Unternehmen hatten sich beworben - und dadurch auch den Preis gedrückt. Dadurch entsteht ein finanzieller Puffer im namhaften dreistelligen Millionenbereich. Baustart ist bereits im kommenden März, die heute eingeleitete Vergabe umfasst dann 15 Kilometer der insgesamt viermal so langen Schnellfahrstrecke. Es sind allerdings besonders schwierige.

Die Chance, als Projektleiter eine solche Tunnelstrecke zu realisieren, habe man nur einmal im Leben, hieß es, als Matthias Breidenstein mit der Aufgabe betreut wurde. Doch der 50-Jährige hat längst Erfahrung mit Großprojekten. Er hat U-Bahnen im Ruhrgebiet ebenso gebaut wie die Tunnel auf der Schnellfahrstrecke zwischen Frankfurt und Köln und die Nord-Süd-Unterfahrung im Berliner Hauptbahnhof. Zuletzt war er am Katzenbergtunnel zwischen Freiburg und Basel tätig, dort fährt die Bahn derzeit Geschwindigkeitstests vor der offiziellen Freigabe. Doch Breidenstein warnt: "Kein Tunnel ist gleich", nur die Grundbedingungen, die der Bauingenieur so schätzt, ähneln sich: "Tunnelbau fördert zwingend die Gemeinschaft und das gegenseitige Vertrauen."

Und diesmal gelten die Herausforderungen als besonders schwer. Eigentlich baut die Bahn gleich vierfach: Jede Tunnelstrecke ist nur eingleisig, zwischen den beiden Fahrtrichtungen liegen bis zu 40 Meter, zum Teil aus Sicherheitsgründen, aber auch, um die Last des Deckgebirges besser zu verteilen. Alle 500 Meter werden die Tunnel mit einem Querschlag verbunden, der als Notausgang dient. An einigen Querverbindungen werden Wasserdepots mit 25 Kubikmetern Volumen angelegt, an den Portalen werden jeweils 100 Kubikmeter Löschwasser gebunkert.

Der Boßlertunnel beginnt in Aichelberg auf einer Höhe von 300 Metern über dem Meeresspiegel. Er führt 8806 Meter durch hundert Millionen Jahre altes Juragestein, "tunnelbautechnisch die größte Herausforderung die man sich vorstellen kann", sagt Breidenstein. Die ersten zweieinhalb Kilometer werden mit einer Tunnelbohrmaschine aufgefahren. Diese Entscheidung hat das Unternehmen gefällt, der Planfeststellungsbeschluss lässt diese Methode ausdrücklich zu. Der Vorteil: die Arbeiten verlaufen nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch mit einem deutlich geringeren Eingriff in den Grundwasserhaushalt, denn unmittelbar nach dem Ausbrechen des Gesteins wird die Röhre wasserdicht verschlossen.

Hernach wird es komplizierter: Der Berg drückt auf die Röhre "wie bei einer Senftube." Der Querschnitt wird deshalb einen halben Meter größer ausgebrochen, das Gestein setzt sich dann, bis der Tunnel erst mit Spritzbeton und später mit den dichtenden Betonschichten ausgekleidet ist. Die zweite Röhre des Tauerntunnels kennt ähnliche Bedingungen, "aber in Europa gibt es maximal zehn Tunnel in dieser Art."

Um die Arbeiten zu beschleunigen, wird in Gruibingen südlich der Autobahnraststätte ein 900 Meter langer Zwischentunnel eingerichtet. Dieser wird am Ende der Bauarbeiten wieder zugeschüttet. Insgesamt rechnet Breidenstein mit drei Millionen Kubikmetern Ausbruch. Etwa die Hälfte wird an der Baustelle untergebracht als Lärmschutzwall auch für die Autobahn, ein Teil wird deponiert, der Kalkstein dient ebenfalls direkt an der Baustelle als Zuschlagsstoff für den Tunnelbeton. Um das Material abfahren zu können, richtet die Bahn vier spezielle Autobahnabfahrten ein: in Aichelberg über den Parkplatz im Süden, in der Raststätte Gruibingen Richtung Ulm, und in Hohenstadt in beiden Fahrtrichtungen.

Zwischen Boßlertunnel im Westen und dem Steinbühltunnel im Osten liegt die Filstalbrücke, die jedoch nicht Teil dieses Bauloses ist. Auch sie ist doppelt angelegt, weil die einspurigen Tunnelröhren nicht ganz zusammengeführt werden können. Beide Fahrbahnen sind knapp einen halben Kilometer lang und ragen 85 Meter über Grund. Die geplante Bauzeit liegt bei vier Jahren, die Schnellzüge werden dieses rund 40 Millionen Euro teure Bauwerk später in ganzen acht Sekunden passieren.

Der Steinbühltunnel ist mit 4852 Metern deutlich kürzer, aber nicht minder anspruchsvoll. Breidenbach rechnet mit Hohlräumen von bis zu 400 Kubikmetern und schnell wechselnden Wasserverhältnissen. Bei längerem, starkem Regen steige der Wasserspiegel bis zu 40 Meter über den Tunneln, dann müssen bis zu 150 Liter pro Sekunde abgeführt werden. Die letzten 600 Meter des Steinbühltunnels sollten ursprünglich offen gebaut werden, nun wird auch hier konventionell untertunnelt.

An allen vier Tunnelportalen werden Schallschutzöffnungen eingebaut. Das gibt es bereits am Katzenbergtunnel in Südbaden, die Löcher verhindern den Schallknall. Auf der Brücke und aus den Hauptportalen fahren die Züge dann nicht lauter als mit 47 Dezibel. Breidenberg sagt deshalb: "Bei 45 Dezibel könnte man nebendran ein Krankenhaus bauen."

Mit einer Steigung von 25 Promille führen die beiden Tunnelstrecken die Züge am Ende auf 750 Meter. Das ist nur etwas weniger als die in der Nähe verlaufende kontinentale Wasserscheide mit 785 Metern. Beide Baumaßnahmen laufen gleichzeitig ab, die Baustelleneinrichtung beginnt noch in diesem Jahr. Bis 2018 soll alles fertig sein.

1 Kommentar

16.10.2012 13:35 Uhr

Schon der erste Satz ist falsch

Neubaustrecke und Stuttgart 21 haben nichts miteinander zu tun. Sie wurden von Anfang an und werden immer noch getrennt geplant und durchgeführt, wobei man von Stuttgart 21 nicht wirklich von durchgeführt sprechen kann. Finanziell stehen die beiden Projekte sogar in Konkurrenz zueinander.

Antworten Kommentar melden lädt ... nicht eingeloggt Gefällt mir noch nicht bewertet Gefällt mir nicht mehr schon bewertet ()

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Zum Schluss

Mainz feiert Karneval im Mai

Karneval in Mainz - diesmal nicht im Februar sondern im Mai.

Die Mainzer lassen sich das Feiern nicht nehmen. Mit 77 Zugnummern und 2222 Teilnehmern holen sie am Muttertag die Fastnacht nach. Doch nicht alle sind damit einverstanden. mehr

Polizei rettet Kaninchen vor Marder

Kaninchen. Foto: Jennifer Jahns/Archiv

Polizisten haben bei einem nächtlichen Einsatz in Achern (Ortenaukreis) ein Kaninchen vor einem angriffslustigen Marder gerettet. mehr

YouTube-Star Moritz Garth ...

Justin Bieber war der erste, der noch nicht ganz so bekannte Moritz Garth will ihm folgen. Musiker, die auf der Onlineplattform Youtube Erfolge feiern, wagen sich auch in die richtigen Charts vor. mehr