Auf der Abschussliste
Baden-Baden. Die Wildschweine im Land vermehren sich rasant und richten massive Schäden an. In Baden-Baden kämpfen Landwirte, Jäger, Förster und Naturschützer trotz unterschiedlichster Interessen gemeinsam dagegen an.
Landwirte, Jäger und Förster spannen in Baden-Baden mit Vertretern von Naturschutzverbänden zusammen, um gegen die stetig wachsende Zahl der Wildschweine vorzugehen. Das Schwarzwild, wie es im Fachjargon heißt, hat sich rund um die Kurstadt - wie vielerorts im Land - derart vermehrt, dass es in Gärten, in Biotopen und auf landwirtschaftlich genutzten Grünflächen massive Schäden anrichtet. Es wühlt auf seiner Suche nach Würmern, Insektenlarven und Mäusen den Boden komplett um, verwüstet auch schon mal Gräber auf Friedhöfen. Das Problem ist nicht nur im Land, sondern bundesweit bekannt.
Nur gemeinsam könne der Wildschwein-Plage begegnet werden, darin sind sich alle einig, die mit den Schweinen zu tun haben. Doch das ist leichter gesagt als getan, angesichts der teilweise weit auseinanderdriftenden Interessen zum Beispiel bei Landwirten und Jägern. Außerdem ist das Thema so emotionsgeladen, dass oft ein sachliches Gespräch gar nicht mehr möglich ist.
Der Konflikt zwischen Landwirten und Jägern sieht so aus: Vor allem die Jäger, die ein Wald-Revier gepachtet haben, sind glücklich, wenn sich darin viel Schwarzwild tummelt. Die Landwirte aber sind sauer, wenn die Wildschweine ihnen die Grünflächen umpflügen und fordern von den Jägern, mehr Schwarzwild zu schießen. Das ist zum Beispiel auf einem Maisacker, in dem die Wildschweine nicht zu sehen sind, so gut wie unmöglich.
Es gibt auch einen Konflikt in der Jägerschaft. Denn immer mehr haben entweder ein reines Wald- oder ein Feldrevier. Im Wald richten die Wildschweine kaum Schäden an, auf dem Feld sehr wohl. Dafür bezahlen muss der Feld-Jäger, obwohl der Wald-Jäger dafür eine Mitverantwortung trägt. Würde er im Wald mehr Schwarzwild schießen, gebe es auf dem Feld weniger Schäden.
Auch in Baden-Baden hat es gedauert, bis eine konstruktive Arbeitsatmosphäre geschaffen war. Als erster Schritt wurde dort eine Koordinierungsgruppe gebildet, in der Vertreter aller Interessensbereiche sitzen. Auf der Suche nach Lösungen gab und gibt es keine Denkverbote. Außerdem zeigte sich, dass bei Landwirten und Jägern teilweise erheblicher Informationsbedarf besteht.
Unbestritten ist, dass mehr Wildschweine geschossen werden müssen, um die in manchen Regionen geradezu explodierenden Bestände zu dezimieren. "Das Schwarzwild profitiert vom Klimawandel", sagt Peter Linderoth, Projektleiter Schwarzwild bei der Wildforschungsstelle Aulendorf. Die Winter seien zu mild, als dass sie für den Nachwuchs gefährlich werden könnten. Zudem gebe es Fressen in Hülle und Fülle. In diesem Herbst gab es Massen von Eicheln und Bucheckern. Die Maisfelder in der Rheinebene oder in Oberschwaben täten ihr übriges, um für die Wildschweine paradiesische Zustände zu schaffen. In solch guten Jahren verdreifache sich der Bestand, sagt Linderoth.
Doch er macht Mut: "Das Problem ist in den Griff zu bekommen, wenn man es will." Das Schwarzwild-Projekt Böblingen von 2001 bis 2006 zeigt das: "Es ist uns gelungen, den Bestand soweit zu senken, dass Wildschweine kein Problem mehr sind", betont er. Bis heute habe man den Bestand im Griff.
Erreicht wurde das durch viele revierübergreifende Drückjagden - und durch das Fallen von Tabus. Auch in Baden-Baden konnten alle davon überzeugt werden, dass das Problem nur gemeinsam gelöst werden kann und nur, wenn ungewöhnliche Wege beschritten werden: zum Beispiel, dass zeitweise radikal alle Wildschweine geschossen werden und nur milchgebende Bachen geschont werden; dass die Schonzeit aufgehoben wird. Und dass Jäger, Landwirte und Umweltschützer sachlich miteinander reden.
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar
Autor: PETRA WALHEIM | 21.02.2012
| Artikel twittern |
|
|
MEISTGELESENE ARTIKEL
Transporter rast mit hohem Tempo auf Wohnmobil
Langenau Noch unklar ist die Ursache für einen schweren Auffahrunfall am Donnerstag auf der Autobahn 7 bei Langenau, bei dem ein Transporter mit extrem hohem Tempo auf ein Wohnmobil auffuhr. Drei Menschen wurden dabei schwer verletzt, eine Katze wird vermisst.... mehr
Schwerer Vorfahrtunfall auf neuer Kreuzung bei Brenz
Weil eine Autofahrerin die Vorfahrt nicht beachtete, kam es am Dienstag zu einem verheerenden Unfall auf der neuen Bundesstraße 492: Die Unfallverursacherin wurde lebensgefährlich verletzt.... mehr
Schulbus durchbricht Leitplanke und kippt um
Burgrieden/Rot Der Fahrer eines mit elf Schülern besetzten Schulbuses ist am Donnerstagmittag von der Straße abgekommen, durch eine Leitplanke gebrochen und anschließend im Graben auf die Seite gekippt. Ein Großaufgebot an örtlichen und überregionalen Kräften von Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei musste zum Einsatz anrücken.... mehr
Ruf nach Heim ohne Waffen - Memminger Schütze knackte gesicherten Tresorraum seines Vaters
Memmingen/Stuttgart Nach dem Memminger Amok-Alarm fordern Grüne und Opferverbände ein schärferes Waffenrecht. Der 14-Jährige hatte Waffen des Vaters entwendet.... mehr
Fremde Feder - Hans Küng: Papst provoziert Ungehorsam
Auf dem alternativen wie auf dem offiziellen Katholikentag in Mannheim herrschten allgemein Unmut und Frustration über die Verschleppung innerkirchlicher Reformen. Im scharfen Kontrast dazu bereitet Papst Benedikt XVI. für Pfingsten offensichtlich die definitive Versöhnung der katholischen Amtskirche mit den traditionalistischen Piusbrüdern, deren Bischöfen und Priestern vor.... mehr

ZURÜCK

Kommentare (10)
Noch ein P.S. Jäger wollen nun einmal jagen und dabei Wild schießen.
Denknotwendig werden diese also vor allem in wildreichen Gegenden anzutreffen sein und nicht dort, wo es aufgrund der kargen natürlichen Bedingungen eben nur wenig Wild gibt.Lust an der Macht über Leben und Tod?
Das scheint mir wohl die eigentliche Motivation hinter all den scheinbar rationalen Argumente für die Jagd zu sein. Wieso sonst wollen die Jäger die "Pille" fürs Wild noch nicht mal ausprobieren?Im übrigen ist es mir eine Rätsel, was daran schön ist (oder erfreulich oder was auch immmer), ein Tier, das einem nichts getan hat, zu erschießen - vor allem angesichts der unten beschriebenen, durch Fehlschüsse verursachten Qualen.
Es steht Ihnen doch frei, selbst ein Revier zu pachten und dort
die "Pille für den Wald" zu einzusetzen.Ein Jagdpächter will nun mal sein Hobby ausüben, das ist aber nun mal die Jagd.