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Annette Schavan fordert einen allgemein gültigen Kodex zum Umgang mit Plagiatsvorwürfen

Ganz sachlich geht Ministerin Schavan mit den Vorwürfen um ihre Doktorarbeit um. Sie setzt auf den wissenschaftlichen Disput. Politisch fühlt sie sich in der Affäre bisher fair behandelt – auch von der Opposition.

ULRICH BECKER, ... | 2 Meinungen

Wie geht es Ihnen nach der Entscheidung des zuständigen Fakultätsrates der Universität Düsseldorf, ein Verfahren zur Aberkennung Ihres Doktortitels einzuleiten?

ANNETTE SCHAVAN: Diese Plagiatsvorwürfe beschäftigen mich seit acht Monaten. Eine Zeit, die mir länger vorkommt, als sie in Wirklichkeit gewesen ist. Ich bin froh, dass es mich in meiner Arbeit nicht beeinträchtigt.

Hat Sie die Entscheidung überrascht?

SCHAVAN: Sie hat mich überrascht, was die Wertung meiner Dissertation angeht. Allerdings deutete sich diese Entscheidung an. Damit ist die Chance verbunden, dass nun externe Fachgutachten einbezogen werden.

Wie wird Ihr weiteres Vorgehen in diesem Verfahren sein?

SCHAVAN: Die Fakultät hat entschieden, ein ergebnisoffenes Verfahren einzuleiten. Ich werde mich öffentlich auch während dieser Zeit zurückhalten.

Fühlen Sie sich als Opfer einer Kampagne?

SCHAVAN: Die Universität ist in einer schwierigen Situation, und ich bin in einer schwierigen Situation. Für mich hat in all dieser Zeit gegolten: bloß kein Selbstmitleid. Wenn man über einen so langen Zeitraum hinweg im Ungewissen ist, hat es keinen Sinn der Frage nachzuspüren, ob das jetzt alles gerecht ist oder nicht. Dann gewöhnt man sich eine Nüchternheit und Sachlichkeit an.

Sind Sie in den vergangenen acht Monaten beschädigt worden?

SCHAVAN: Der Vorwurf der Täuschung hat mich bis ins Mark getroffen. Hier geht es ja nicht um meinen Doktortitel, sondern um meine Integrität. Inzwischen dreht sich die Debatte um eine sehr grundsätzliche Frage: Ab wann spricht man in der Wissenschaft von einem Plagiat? Und das halte ich für eine ganz wichtige Frage, gerade weil ich Wissenschaftsministerin bin. So schmerzhaft diese Geschichte jetzt für mich ist: Wenn daraus ein gemeinsames Verständnis und ein Kodex zum wissensgerechten Umgang mit Plagiatsvorwürfen entstünde, dann wäre das ein gutes Ergebnis. Darauf hat ja auch die Hochschulrektorenkonferenz schon hingewiesen.

Das klingt alles sehr rational.

SCHAVAN: Natürlich gibt es Momente, in denen ich sage: In welchem Film bin ich hier überhaupt? Niemand kann sich in einer solchen Situation allein auf sein eigenes Urteil verlassen. Also habe ich in den acht Monaten mit zahlreichen Fachwissenschaftlern gesprochen und damit die Frage verbunden: Liege ich richtig, wenn ich sage, meine Arbeit ist kein Plagiat?

Und was hat man geantwortet?

SCHAVAN: Diese vielen Gespräche und Diskussionen haben mich in dieser Überzeugung bestärkt. Das hat mich innerlich fester werden lassen.

Die Meinungen in der Wissenschaft dazu sind sehr unterschiedlich.

SCHAVAN: Richtig, es gibt einen veritablen Disput darüber. Und dieser Disput muss in der Wissenschaft ausgetragen werden. Das ist keine politische Frage, keine Frage der Sympathie und der Antipathie. In dem eröffneten Verfahren steckt die Chance, den wissenschaftlichen Disput zu führen und dazu externe Fachgutachter einzuladen.

Käme die Universität zu dem Urteil, dass der Plagiatsvorwurf berechtigt ist: Würden Sie das akzeptieren oder notfalls gerichtlich dagegen vorgehen?

SCHAVAN: Gerade weil ich Wissenschaftsministerin bin, setze ich auf die Souveränität der Wissenschaft und den wissenschaftlichen Disput. Und ich bin davon überzeugt, dass die Vorwürfe unberechtigt sind.

Rücktrittsgedanken hegen Sie nicht?

SCHAVAN: Nein. Ich erhalte seit Wochen derart viel Zuspruch aus der Wissenschaft, dass ich auch die Verantwortung spüre, nicht aufzugeben.

Gerät die Unabhängigkeit der Wissenschaft nicht in Gefahr, wenn sie Partei für Sie ergreift?

SCHAVAN: Gerade wenn die Wissenschaft unabhängig ist, muss ihr auch erlaubt sein, die Verfahrensregeln wissenschaftlicher Plagiatsüberprüfung zu benennen und Stellung zu beziehen. Genau das hat sie getan.

Wie groß ist Ihr Rückhalt in Ihrer Partei?

SCHAVAN: Ich erfahre eine große Unterstützung, Solidarität und Anteilnahme – und das über Parteien hinweg Das ist in der Politik alles andere als selbstverständlich. Das ist auch eine Erfahrung, die mich in die Pflicht nimmt.

Wie eng ist Ihre Abstimmung mit der Kanzlerin?

SCHAVAN: Von ihr geht eine Unterstützung aus, die sehr tragfähig ist. Aber solch eine Zeit muss man auch selbst durchstehen, ohne permanent Beistand zu erwarten.

Was erwarten Sie im Bundestagswahlkampf von Seiten der Opposition?

SCHAVAN: Ich kann mich auch hier überhaupt nicht beschweren. Bisher ist man mit mir sehr fair umgegangen.

Über den Plagiator zu Guttenberg haben Sie gesagt: „Ich schäme mich nicht nur heimlich.“ Stehen Sie zu diesem Satz heute noch?

SCHAVAN: Dieser Satz wird in der Diskussion aus dem Kontext gerissen. Er war Teil eines längeren Interviews. Dieses Interview würde ich heute genauso wieder führen.

Am Freitag steht ein weiterer wichtiger Termin an: Sie möchten in Ihrem Wahlkreis Alb-Donau/Ulm erneut als Bundestagsabgeordnete nominiert werden. Wie wichtig ist ein gutes Ergebnis für Sie?

SCHAVAN: Sehr wichtig, denn das ist mein Fundament. Die große Unterstützung und Ermutigung, die ich hier erfahre, ist nicht selbstverständlich. Das berührt mich menschlich sehr und gibt mir ganz viel Kraft. Ich gehe keine fünf Schritte über den Ulmer Wochenmarkt, ohne dass ich angesprochen werde. Das bestärkt mich darin, weiter zu kämpfen.

2 Kommentare

24.01.2013 09:31 Uhr

Schavan als Objekt antidemokratischer Umtriebe

Nicht die Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität führt den Nachweis, ob nicht zuletzt Frau Schavan sich lediglich darin verlor, allen einschlägig vorliegenden und wegen nicht erhobener Einsprüche demokratisch legitimierten Erkenntnissen zuwider der geisteswissenschaftlichen Dimension vor der grundlegend sozialwissenschaftlichen den Vorzug zu geben. Insofern die Referenz in dieser Frage ausschließlich die auf besagtem Feld längst erarbeitete Literatur bildet, könnte die gegenwärtige Überhöhung dessen, was nunmehr das vom Rat der dortigen Philosophischen Fakultät eingeleitete Verfahren auf Aberkennung oder Bekräftigung des ihr verliehenen Doktorgrads zu leisten imstande ist, nicht augenfälliger sein und zeugt daher in aller Öffentlichkeit davon, wessen Fehlverhalten auch künftig wissenschaftlich inkriminiert bleibt.

Antworten Kommentar melden guter Kommentar Guter Kommentar (0)

24.01.2013 00:52 Uhr

Die Beschuldigte Schavan ist ständig am fordern,selber sagt sie aber nichts!

Die nächsten Tage werden es ans Licht bringen.
Schavan brüskiert derzeit die ganze Republik,und
keiner getraut sie bisher zu stoppen.
Dennoch bin ich überzeugt,dass am Ende sich ihre
Disertation als Plagiat bestätigen wird und Frau Schavan
schon bald sich zu Otto-Normalo gesellen muss.

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