Ärzte verschreiben mehr Ritalin-Pillen

Stuttgart.  Sie sind unruhig, aggressiv, unkonzentriert - immer mehr Kinder in Baden-Württemberg bekommen Medikamente gegen das Zappelphilippsyndrom.

Die Daten der Techniker- Krankenkasse zeigen: 2009 bekamen rund 25 von 1000 Kindern und Jugendlichen, die im Südwesten bei der Kasse versichert sind, Medikamente gegen das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) verordnet. Dabei handelt es sich um Methylphenidat, besser bekannt unter dem Handelsnamen des Originalpräparats Ritalin.

Im Jahr 2006 waren es noch 18 von 1000 Versicherten im Alter sechs bis 18 Jahren. Das entspricht einer Steigerung von 39 Prozent in nur drei Jahren. Die Krankenkasse warnte gestern in Stuttgart allerdings vor vorschnellen Diagnosen. Nicht jedes lebhafte oder auffällige Kind leide an ADHS und benötige Tabletten. "Man muss mit der Diagnose und der Behandlung mit Medikamenten wie Ritalin sehr vorsichtig sein", sagte TK-Landeschef Andreas Vogt. "Ein speziell ausgebildeter Arzt sollte mit Eltern, Lehrern und anderen Betreuungspersonen klären, ob die Symptome der kleinen Patienten nicht doch andere Ursachen haben. Nur mit einer ausführlichen Diagnostik kann man eine geeignete Therapie finden und vermeiden, dass Methylphenidat voreilig verschrieben wird."

Bei sehr verhaltensauffälligen Kindern seien die Präparate aber richtig. Nur so können Symptome schnell gelindert werden, damit eine Verhaltens- oder Psychotherapie überhaupt möglich wird. Ritalin kann aber nach Einschätzung der Kasse eine ganzheitliche Therapie nicht ersetzen. Die Kinder müssten lernen, langfristig mit ihren Symptomen umzugehen - auch ohne Medikamente. Denn die Langzeitfolgen von Ritalin und Co. sind noch nicht erforscht und die Nebenwirkungen sehr umstritten. So kann Methylphenidat bei falscher Dosierung Angstzustände oder Appetitlosigkeit auslösen. Auch zeigen Studien, dass das Medikament Auswirkungen auf das Wachstum haben kann.

Darauf hat der gemeinsame Bundesausschuss von Ärzte und Kassen in seinen Arzneimittelrichtlinien reagiert: Ärzte dürfen Medikamente wie Ritalin nur noch nach sehr strengen Maßstäben verschreiben. Die Diagnose ADHS muss umfassender als bisher gestellt werden und darf nur noch von Spezialisten für Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen erfolgen. Außerdem muss der Arzt die Therapie regelmäßig unterbrechen, um zu sehen, ob das Verhalten der jungen Menschen auch ohne Arznei stabil bleibt.


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Autor: SWP | 11.05.2011

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