Abgeschottete Freikirche unter Missbrauchsverdacht

In einer fundamentalistischen Freikirche sollen Kinder jahrelang sexuell missbraucht worden sein. Alle Fälle aus der Spätregen-Mission in Beilstein, die erst jetzt bekannt wurden, sind offenbar verjährt.

HANS GEORG FRANK |

Martin Illig (61) ist als Vorsitzender der Spätregen-Mission in Beilstein bei Heilbronn erst im November 2012 angetreten. Schon bald wurde er mit schlimmen Vorwürfen konfrontiert. Als Chef der zuvor stark abgeschotteten Sekte hatte er Transparenz versprochen. Nun muss er beweisen, wie ernst es ihm mit der Offenheit ist. In der Glaubensgemeinschaft soll es mehrere Fälle des sexuellen Missbrauchs von Kindern, hauptsächlich Buben, gegeben haben. Erst jetzt, rund 40 Jahre nach den angeblichen Verbrechen, melden sich traumatisierte Opfer zu Wort.

Hansjörg Hemminger von der Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche in Württemberg hat mit zwei Betroffenen gesprochen. Demnach sollen zwischen 1970 und 1975 mehrere Jungen in den Schlafräumen der fundamentalistischen Freikirche missbraucht worden sein. Es habe sich um Kinder gehandelt, deren Eltern an Wochenenden in das Glaubenshaus "Libanon" gekommen seien. Die Täter seien "zwei Männer in damals wichtigen Positionen der Spätregen-Mission" gewesen, sagte Hemminger auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE.

Der Vorsitzende Illig bestätigt zwar die Vorwürfe, er betont aber, dass es sich um keine Führungskräfte gehandelt habe, sondern "normale Mitglieder, die angeblich mit ein paar Jugendlichen aktiv waren". Einer der Tatverdächtigen lebe jetzt in einem Mainzer Pflegeheim, "er kann nicht mehr reden". Sein mutmaßlicher Komplize sei gleichfalls nicht mehr in Beilstein.

Die Schilderungen der Männer, die sich an Hemminger gewandt haben, bezeichnete der Sektenexperte als glaubhaft: "Wie in katholischen Einrichtungen, wie in säkularen Privatschulen zur gleichen Zeit, wurden damals die Täter geschützt und die Opfer alleingelassen." Dies sei, sagte Hemminger, "leider das Grundmuster dieser Skandale, in die reiht sich nun eben auch die Spätregen-Mission ein". Hemminger hat erst vor zwei Wochen das Glaubenshaus besucht.

Im Internet existiert seit längerem eine intensive Auseinandersetzung mit kriminell anmutenden Machenschaften im Glaubenshaus. Dabei ging es zunächst hauptsächlich um finanzielle Ungereimtheiten und die Bereicherung der Führungselite in der Zentrale in Südafrika. Erst im Herbst 2012 wurde der Missbrauch angedeutet. In dem Forum meldete sich auch eine Frau, die sexuell missbraucht worden ist. "Missbrauchsopfer, die in der Kindheit unter Pädophilen Unbeschreibliches erleiden mussten, werden als physisch und psychisch gestört deklariert, darum versucht man sie mit perfidestem Mobbing aus dem Weg zu räumen", schrieb "Robby" am 12. Dezember 2012.

Das Ausmaß des Missbrauchsskandals ist für Außenstehende nicht überschaubar. Vorsitzender Illig hat mutmaßliche Opfer an die Staatsanwaltschaft verwiesen und "volle Zusammenarbeit" versprochen. Die Ermittler können allerdings wegen der Verjährung gar nicht tätig werden. Illig lud auch zu persönlichen Gesprächen ein, damit "Heilung und Genesung angestrebt" und "gestörtes Vertrauen wiederhergestellt" werden könne.

Die ordensähnliche Gemeinschaft hat an ihrem Deutschland-Sitz in Beilstein (6000 Einwohner) derzeit noch 120 Mitglieder, in besseren Zeiten waren es 250. Einem Ghetto gleich leben sie am Rand der Kleinstadt. Die Frauen tragen einheitliche blaue Kleidung. Als einer der Männer sich 1979 um die vakante Rektorenstelle im Ort bewarb, protestierten Eltern, weil sie religiöse Agitation befürchteten.

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