65 Jahre Baden-Württemberg: Vernunftehe mit Doppelnamen

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  • Die Wappenfiguren des Landes Baden-Württemberg, Hirsch und Greif, halten auf der Kuppel des Neuen Schlosses in Stuttgart die Landesfahne mit dem Landeswappen in der Hand. 1/2
    Die Wappenfiguren des Landes Baden-Württemberg, Hirsch und Greif, halten auf der Kuppel des Neuen Schlosses in Stuttgart die Landesfahne mit dem Landeswappen in der Hand. Foto: 
  • Die Uhr zur Geburtsstunde von Reinhold Maier.  2/2
    Die Uhr zur Geburtsstunde von Reinhold Maier. Foto: 
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Geburtsstunde – im Fall von Baden-Württemberg ist das nicht blumig gemeint, sondern wörtlich. „Wir sind das einzige Bundesland mit einer exakten Geburtsstunde“, sagt Thomas Schnabel und klingt ein wenig stolz. Wobei: Stimmt das denn? Die goldene Taschenuhr vom „Geburtshelfer“, dem ersten Landesvater Reinhold Maier, gehe nämlich notorisch vor, sagt Schnabel. Vielleicht waren doch ein paar Minuten...

Egal. Schnabel, der  das Haus der Geschichte in Stuttgart leitet, ist das Geburtsjahr eh wichtiger: 1952, also sein eigenes. Anders als der Südweststaat kam er nicht am 25. April, sondern erst Anfang Juni zur Welt. Er ist einer der ersten gebürtigen Baden-Württemberger.

Die Uhr hängt im Zentrum jener Abteilung der Dauerausstellung, die den Zusammenschluss von Württemberg-Baden, Baden und Württemberg-Hohenzollern erklärt. In der Vitrine unter dem Zeitgeber liegt die Landesverfassung aus – gleich einer Geburtsurkunde. Dass die Stimmung im „Kreißsaal“, im Stuttgarter Landtag, mitnichten feierlich war, offenbart der Knopf unter der Vitrine. Drückt man ihn, hört man den frisch gewählten Maier, der schon sein Kabinett ernannt hat – ohne Einbindung der CDU als stärkste Fraktion. Nun greift Maier nach seiner Uhr: „Es ist 12 Uhr 30 Minuten. Mit dieser Erklärung sind die Länder Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern zu einem Bundesland vereinigt.“ Klatschen. Dann Protest. So war das nicht abgesprochen, die CDU war erneut ausgetrickst worden.

Nein, harmonisch ging es bei dem einzigen Zusammenschluss von Bundesländern in der bundesrepublikanischen Geschichte nicht zu. Alle Verwicklungen der Länderfusion füllen dicke Geschichts-Bände – am Ende jedenfalls schaffte man es, durch die Zustimmung der Nord- und Südwürttemberger sowie der Nordbadener in der Volksabstimmung vom 9. Dezember 1951, die störrischen Südbadener zu überrumpeln. Und dann? Dann heilte die Zeit manche Wunde. Als die Badener  1970  erneut abstimmen durften, stimmten vier Fünftel für den Fortbestand des Südweststaats.

Seither alles eitel Sonnenschein? Vor zwei Jahren hat „Spiegel“-Kolumnist Jan Fleischhauer CDU-Finanzminister Wolfgang Schäuble als „Schwaben“ bezeichnet. Dabei ist dieser gebürtig ein Freiburger. „Das hätte ich nicht tun dürfen, wie ich heute weiß“, sagt Fleischhauer. Noch nie habe es zu einer seiner Kolumnen derartigen Leserzorn gegeben. Baden-Württemberg – uneinig bis heute?

Anruf bei Gerhard Fetscher aus Ostrach: Der 68-Jährige leitet das Museum jener Gemeinde im Oberschwäbischen, dessen Teilorte früher teils zu Baden, teils zu Hohenzollern und teils zu Württemberg gehörten. „Das ist sehr kompliziert, sag ich Ihnen“, erklärt er. Das Kloster Salem spielte eine Rolle. Napoleon. Die Kreisreform. Fakt ist: „Wir haben drei Stellen auf unserer Gemarkung, die früher ein Dreiländereck waren.“ Zu sehen ist das bis heute – im aufwendig hergerichteten Heimatmuseum. Und in der Freilichtanlage des Grenzsteinmuseums. „Wenn Besucher kommen, wissen die meisten davon nichts“, sagt er. Klar, so ein bisschen Badener-Württemberger-Frotzelei rund um die Fasnet. Aber von Gegensätzen, ja, Animositäten weiß Fetscher nichts.

Zumal: Das vereinigte Ostrach verfügt über kleine, hoch spezialisierte Firmen. Sie haben sich auf dem Weltmarkt durchgesetzt. „Das wäre mit einem Konstrukt wie Hohenzollern nicht realisierbar gewesen“, sagt Fetscher. Das deckt sich mit Schnabels Sicht: „Entscheidend im Südwesten war, dass keiner die Grenzen so lassen wollte, wie sie waren.“ Und um ehrlich zu sein: „Historisch gesehen hatten die Freiburger immer ein Problem mit der Hauptstadt Karlsruhe gehabt.“ Ein uniformes Altbaden ist eine Legende.

„Wir im Süden“ oder international „The sunny side of Germany“ lautet der Slogan der landeseigenen Tourismus-Marketing-Gesellschaft. „Der Zusammenschluss damals bedeutet für uns heute eine Vielfalt an Angeboten“, sagt Martin Knauer, ihr Sprecher. Etwa beim Wein: Nicht nur badischen, württembergischen und fränkischen Wein kann das Bindestrichland kredenzen. Sogar bayrischer Wein vom Bodensee darf als Landesspezialität gelten.

„Ich sehe die Vielfalt des Landes als etwas Großartiges für das Land an“, sagt Schnabel. Dezentrale Strukturen, ein Drittel aller früheren Reichsstädte, eine Vielzahl von Residenzen. Und ja: „Baden-Württemberg war immer eine Vernunftsehe, nie eine Liebeshochzeit“, sagt Schnabel. Aber die halten ja bekanntlich am längsten.

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