Animation ohne Grenzen beim Stuttgarter Trickfilm-Festival

|
Gute Miene zum schmerzhaften Spiel: In der „Gamezone“ müssen Verlierer fühlen. Über die Platte, auf die die Teilnehmer ihre Hand legen, werden Elektroschocks und Hitze abgesondert. Eine kleine Peitsche geißelt die Hand.  Foto: 

Wer verliert, kriegt eine gewischt. So ist das Prinzip an der „Painstation“, der „Schmerzstation“. Ein simples Tennis-Computerspiel, bei dem man einen virtuellen Ball hin- und herspielt. Wer einen Fehler begeht, bekommt Peitschenhiebe, Elektroschocks oder die Hitze einer kleinen Herdplatte zu spüren, auf die man seine Hand legen muss. Eigentlich eine Sauerei, aber in der „Gamezone“ auf dem 24. Internationalen Tickfilmfestival in Stuttgart (ITFS) ist die „Painstation“ der Hit. Und dies nicht nur, weil der fiese Automat eigentlich eine Kunstinstallation ist, die bereits im New Yorker Museum of Modern Art die Massen begeisterte. „Beim ersten Mal erschrecken die Leute, aber dann wollen sie noch einmal, und es entstehen richtige Wettbewerbe und Mutproben“, sagt Samuel Hack, Student an der Hochschule der Medien (HDM). Der High Score liegt bei 609 Bestrafungen.

Zocken, bis es wehtut, heißt es in der 2000 Quadratmeter großen „Gamezone“ im Kunstgebäude am Schlossplatz. Videospiele, Installationen, virtuelle Realitäten locken nach Schulschluss vor allem Jugendliche an. 65 Studenten sorgen dafür, dass die Teenys an den Geräten keine Wurzeln schlagen, erklärt Sabiha Ghellal, Professorin an der HDM und Kuratorin der interaktiven Ausstellung, viele Fans muss man trotzdem abends mit dem Besen rauskehren, bestätigt ihr Kollege Stephan Schwingeler. In unterschiedlichen Räumen kann man mit dem HDM-Team, aber auch Experten der Filmakademie Ludwigsburg oder der Zürcher Hochschule der Künste in Traumwelten eintauchen, virtuell mit dem Gleitschirm abheben, sein Spiegelbild verfälschen oder sich bei politischen Spielen über Ausbeutung und Kinderarbeit informieren. Es geht um Medienkompetenz, um Ästhetik, um Branchenneuheiten und Workshops. Ein Angebot für alle, betont Sabiha Ghellal. „Kids stürmen einfach drauf und sind sehr unbefangen, Rentner sind ebenfalls ein dankbares Publikum. Ich möchte aber auch den Hardcore-Gamer zufriedenstellen.“

Gemäß dem diesjährigen Festival-Motto „Animation without borders“ verschwimmen die Grenzen beim ITFS.  Die Veranstaltung wagt sich zunehmend aus den Kinos heraus. Dass viele der mehr als 1000 Animationsfilme unter freiem Himmel gezeigt werden, ist nicht neu. Doch die Figuren springen vielerorts von der Leinwand – und nehmen Bereiche wie das Shoppingcenter Gerber, die Wilhelma und das Mercedes-Benz-Museum ein. „Animation ist überall. Wir öffnen uns für andere Bereiche“, erklärt die Festivalsprecherin Katrin Dietrich.

Eine Klammer ist die Interaktion. Während die Besucher in der „Gamezone“ meist sehr versiert sind, brauchen viele Passanten am Piratenschiff an der Breuninger-Fassade noch Hilfe. Wer sein Handy oder Tablet über den abgebildeten QR-Code mit einer App bespielt, kann Elemente auf dem Schiff zum Leben erwecken und etwas gewinnen. „Augmented reality“ nennt man das Prinzip, nach dem die Wirklichkeit computergestützt um virtuelle Inhalte erweitert wird. Zuletzt gab es mit Pokémon Go einen riesigen Hype, doch nicht jeder scheint sofort die Möglichkeiten auf dem Marktplatz zu erkennen. Wer nicht weiterkommt, erhält von Verena Daniel und Philomena Lambert im ITFS-Zelt Unterstützung. Sie haben auch Leih-Tablets dabei und animieren zum Spiel mit den Animationen. „Das Publikum ist total gemischt. 70-Jährige sind dabei und Kinder. Nachmittags kommen vor allem Familien“, erklärt Verena Daniel.

Bunt ist auch das Publikum im Zentrum des Geschehens, auf dem Schlossplatz, wo täglich Trickfilme gezeigt werden. Viele trotzen dem durchwachsenen Wetter. Janine Göbel etwa ist extra aus Konstanz angereist. Sie studiert Kommunikationsdesign, „und das ist eine Richtung, in die ich später mal gehen möchte“, sagt sie und zeigt zur Leinwand. Viele Filme kostenlos zu zeigen, hält sie für eine „ziemlich coole“ Idee. So fänden auch jene den Zugang zum Festival, die sonst nicht kommen würden.

Budija Beci und Melanie Reinhardt gehören womöglich dazu. Die Erzieherinnen sind mit Kindern aus der Kita Rosenstein gekommen. Die Mädchen und Jungen liegen auf Decken und starren mit offenen Mündern zur Leinwand, auf der eine überdimensionale Qualle vorbeischwebt. Einmal die Woche steht Kultur auf dem Programm, „und die Themen Fernsehen und Medien gehören auch dazu“, sagt Budija Beci. Auch sie ist von so viel „Hightech“ auf der Leinwand fasziniert. Sie lacht. „Bei uns gab es früher nur Tom und Jerry und Inspector Gadget.“

Programm Das Festival läuft noch bis Sonntagabend. Bis dahin stehen noch einige Programmhöhepunkte an: Am Samstag ab 19.45 Uhr spielt die „Ziryab-Akademie für Weltmusik“ auf dem Schlossplatz. Besonders beliebt ist die Sonntagsmatinee in Zusammenarbeit mit der Oper. Ab 11 Uhr ist open air die Aufzeichnung der Produktion „Die Nachtwandlerin“ zu sehen. Die 20.15-Uhr-Abendfilme vor dem Schloss sind „Ice Age 5“ (Freitag), der Oscar-Gewinner„Zoomania“ (Samstag) und „Störche“ (Sonntag).

Preise Auch etliche Preise werden noch vergeben: unter anderem am Freitagabend in der L-Bank der Deutsche Animationsdrehbuchpreis, am Samstagabend der „Animated Com Award“ in der Alten Reithalle und am Sonntag im Gloria 1 und 2 die Preise für die Siegerfilme der Wettbewerbe. Die „Gamezone“ ist täglich ab 11 Uhr bei freiem Eintritt geöffnet. Weitere Infos online über: www.itfs.de car

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Der neue Ulmer Theater-Intendant stellt sein Leitungsteam vor

Kay Metzger, der künftige Intendant, hat sein Leitungsteam vorgestellt. Den Schauspielchef kennt das Publikum: Jasper Brandis hat im Großen Haus schon „Kasimir und Karoline“ inszeniert. weiter lesen