Zahlreiche Hotspots

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Fixer-Utensilien auf der Straße.  Foto: 

Verkommt Stuttgart zur Drogenhochburg? Die CDU-Fraktion im Gemeinderat scheint das zu befürchten. Bereits im November wies sie in einem Antrag auf eine sich verfestigende Drogenszene hin. Diese etabliere sich auch „an Orten, wo es sie so in der Vergangenheit nicht gab“, heißt es dort. Besonders der Bahnhof in Bad Cannstatt entwickle sich zum Drogenumschlagsplatz, so die CDU, die einen Bericht der Verwaltung anforderte. Diesen legte Hendrik Weiß vom Stuttgarter Polizeipräsidium am Montag bei der Sitzung des Sozial- und Gesundheitsausschusses im Rathaus vor.

Zahlen hatte er allerdings nicht im Gepäck – sie lägen noch nicht vor. So blieb viel Raum für Spekulation auf Grundlage subjektiver Eindrücke. Der Polizei sei durchaus bekannt, dass es in Bad Cannstatt eine Szene harter Drogenkonsumenten gebe, erklärte Weiß. Im Verlauf des vergangenen Jahres habe es etliche Ermittlungsverfahren gegeben. „Die Polizei hat frühzeitig versucht, die Situation durch intensive Kontrollen zu verändern“, so Weiß. Auch an der Bevölkerung gingen die Ansammlungen im Bereich des Bahnhofs nicht vorbei, räumte er ein. Der Cannstatter Bahnhof ist ohnehin ein städtebauliches Sorgenkind: Unwirtlich, teils schäbig sieht es dort aus. „Die Gastronomie dort zieht ein bestimmtes Klientel an“, sagte Weiß.

Toilette geschlossen

Der Drogenhandel beschränkt sich aber nicht auf Cannstatt. Als weitere Hotspots nannte Weiß den Rupert-Mayer-Platz an der Grenze zwischen den Innenstadtbezirken Mitte und Süd, die Leonhardskirche und den Arnulf-Klett-Platz. Zwar sei die klassische offene Drogenszene seit Anfang der Neunziger Jahre zurückgedrängt worden. Doch „Kontaktszenen“ gebe es eben immer noch.

Damit sind Orte gemeint, die in erster Linie als Ort des sozialen Austauschs der Konsumenten dienen. Durch den guten öffentlichen Nahverkehr seien Dealer und Konsumenten so beweglich wie selten zuvor, Mobiltelefone erleichterten ihnen den Austausch zusätzlich, so Weiß. Kurzum: Es ist leichter als je zuvor, in der Stadt an Drogen zu kommen. Und diese Flexibilität macht es der Polizei schwer.

Stadträtin Beate Bulle-Schmid (CDU) konnte den nüchternen Schilderungen des Polizisten wenig abgewinnen. „Ich habe ein anderes Empfinden“, sagte sie. Der Spritzenverkauf in Cannstatt sei in die Höhe geschossen, habe man ihr zugetragen. Auf der Toilette des Bezirksrathauses seien Drogen konsumiert worden. Nachdem man sie abgeschlossen habe, sei sie aufgebrochen worden. „Der Konsum muss eingedämmt werden, es sind stärkere Kontrollen gefragt“, forderte Bulle-Schmid. Was sei das überhaupt für eine Gastronomie am Bahnhof? Um „gut-schwäbische Küche“ könne es sich dabei ja nicht handeln, so die Rätin in offenkundiger Unkenntnis des Ortes.

„Im Bahnhof gibt es ein allgemeines städtebauliches Problem. Dort könnte ein gut-schwäbisches Restaurant gar nicht unterkommen“, konterte Sozialbürgermeister Werner Wölfle. Clarissa Seitz (Grüne) forderte mehr Prävention durch Aufklärung und psychosoziale Betreuung. Marita Gröger (SPD) wies darauf hin, dass sich der Drogenhandel mehr und mehr an die S-Bahn-Stationen selbst verlagere.

Auch das Kaufhaus Milaneo sei ein potenzieller Umschlagplatz: Täglich träfen sich dort Jugendliche auch aus dem Umland, der recht anonyme Ort sei prädestiniert für Drogendelikte. Die SPD-Rätin wies zudem auf einen Zeitungsartikel vom vergangenen Jahr hin: darin sei von einer Verdreifachung der Drogendelikte an Schulen die Rede gewesen. „Was ist los mit der Prävention? Irgendetwas läuft da falsch“, so Gröger.

Zweifel an diesen Zahlen äußerte AfD-Rat Heinrich Fiechtner. „Wenn öfter kontrolliert wird, steigt die Anzahl der Delikte.“ Das heiße aber nicht, dass mehr Straftaten begangen würden, sagte Fiechtner, der außerdem die Effizienz der Präventionsmaßnahmen anzweifelte.

Luigi Pantisano (SÖS-Linke) bewertet den Drogenkonsum als Folge der sozialdemografischen Situation. Man dürfe sich nicht auf den sichtbaren Drogenkonsum versteifen. „Viele Menschen konsumieren, ohne dass man ihnen etwas ansieht.“ Erfolgreiche Präventionsprojekte gelte es finanziell zu unterstützen, so Pantisano. In der Vergangenheit habe die Stadt oft wirkungsvolle Programme eingestellt.

„Diamorphingestützte Substitution“: So nennt sich eine Behandlung, die Suchtkranke seit zwei Jahren in der Stuttgarter „Schwerpunktpraxis für Suchtmedizin“ erhalten. Das Angebot richtet sich an Menschen, die bereits mehrere Therapien abgebrochen haben. Dreimal am Tag kommen sie in die Praxis und spritzen sich das synthetische Heroin unter Aufsicht, wie Praxisleiter Andreas Zsolnai berichtete. Durch Diamorphin seien Patienten leistungsfähiger und weniger gedämpft als bei einer Methadonbehandlung, sagte Zsolnai. tjb

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