Verschmähte Liedkunst

Deutschsprachige Liedkunst stoße auf zu wenig Resonanz, beklagt Sebastian Weingarten. Der Intendant des Renitenztheaters versucht diesem Genre mit dem "Chansongfest" mehr Geltung zu verschaffen.

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Der Schweizer Sänger Martin O. wird Stimmentänzer genannt. Er tritt am Sonntag im Renitenztheater auf. Martin O. macht Instrumente nach, kann gut beatboxen und schafft per Loop-Gerät mehrdimensionale Klangerlebnisse.  Foto: 

Die zehn Veranstaltungen des 14. "Chansongfests" spannen einen großen Bogen. Die Liedkunstszene präsentiert sich in ihren unterschiedlichsten Farben und Spielarten. Schon der Name "Chansongfest", man achte auf das kleine "g", weist laut Intendant Sebastian Weingarten auf das breite Spektrum hin. Zu den mitwirkenden Künstlern gehören Singer/Songwriter, Chansonniers, Liedermacher, Barden oder A-Cappella-Virtuosen. Die Eröffnung vor einer Woche übernahm die zur Kultfigur gewordene Romy Haag.

Maria Bill brachte indes das klassische Chanson auf die Kabarettbühne im Hospitalviertel. Der Wiener Schauspielerin gelang ein von den Stuttgartern umjubeltes Kunststück. Sie sang Lieder von Edith Piaf, kraftvoll, energisch und im selben Timbre wie die berühmte französische Chansonnette, und wurde doch zu keinem Moment als Kopie empfunden. Selbst die Gestik des berühmten Vorbildes schien Bill studiert zu haben, interpretierte die Lieder jedoch sehr überzeugend auf ihre persönliche Weise.

"In drei Minuten ein ganzes Leben erzählen, voller Leidenschaft, mit dem ganzen Gefühlsspektrum, von Glück, Trauer, Eifersucht, das ist die große Kunst des Chansons", sagt Weingarten. Er versuche immer wieder, diesem Genre mehr Geltung zu verschaffen.

So etwa durch die Gründung des Stuttgarter Chansongfests. In den 1990er Jahren - Weingarten arbeitete zu dieser Zeit als Schauspieler - entwickelte sich in Berlin eine neue Liedkunstszene. "Immer mehr Künstler entdeckten deutsche Texte und interpretierten diese auf spannende Weise. Das war weg vom Schlager, weg von der Neuen Deutschen Welle, aber auch weg vom klassischen Chanson", erzählt Weingarten. In diesem Umfeld traten Künstler wie Tim Fischer, Tanja Ries oder auch Susanne Betancor auf. Inspiriert vom Berliner Chansonfestival im Cafe Theater Schalotte schlug Weingarten seinem Vorgänger Gerhard Woyda vor, so etwas auch in Stuttgart auf den Weg zu bringen.

Auch wenn es Intendanten wie Weingarten gibt, die versuchen, der deutschsprachigen Liedkunst ein Podium zu schaffen, und auch wenn es populärer geworden ist, deutsche Texte zu singen, tut sich das Genre schwer. Die Fernseh- und Radiosender seien der aktuellen Liedkunst gegenüber sehr zurückhaltend, bedauert Weingarten. Während das politische oder satirische Kabarett und die Comedy - so wird der Stuttgarter Besen im Renitenztheater etwa vom SWR aufgezeichnet und ausgestrahlt - große Formate in den Sendern erhalten, bleibt es um die Liedkunst vergleichsweise still. Dabei habe es in den 1920er Jahren schon eine große Tradition des musikalischen Kabaretts, der Couplets und des Chansons gegeben, so Weingarten.

Heutzutage sei die deutschsprachige Liedkunst jedoch viel zu wenig in der Öffentlichkeit, bemängelt er. Der Intendant kann sich die Scheu vor dem Lied gar nicht so recht erklären. "Man muss das Genre mehr ins Bewusstsein der Leute bringen", fordert er.

Noch an drei Abenden bietet das Renitenztheater auf seiner Bühne unterhaltsame Liedkunst. Gestern stand "Schneewittchen" auf dem Programm. "Die Sängerin Marianne Iser hat sich zunächst in der Gothic Szene einen Namen gemacht", erzählt Weingarten. Sie liebe die Verkleidung, sei theatralisch, exzentrisch, ein wenig schräg und habe eine irrsinnige Röhre.

Heute soll der mit renommierten Kleinkunstpreisen ausgezeichnete Lars Redlich mit seinem Musik-Kabarett das Publikum begeistern. Eine ungewöhnliche Saite bringt am Sonntag Stimmakrobat Martin O. zum Schwingen. Er führt in entlegene oder vertraute Klangwelten und Geräuschkulissen. Am Dienstag beenden im Rahmen der Französischen Wochen die mal poetischen, mal melancholischen, mal ironischen Lieder von "Moi Et Les Autres" das 14. "Chansongfest".

Rühriger Intendant Sebastian Weingarten

Gründer Das Renitenztheater wurde 1961 von Gerhard Woyda gegründet und ist Stuttgarts älteste Kabarettbühne. Seit 2004 leitet Sebastian Weingarten das Haus. Im Oktober 2010 zog das Renitenztheater in die Büchsenstraße um. Seitdem bietet es Platz für 260 Besucher. Integriert ist das Restaurant "La Commedia".

Besen Vor 15 Jahren rief Weingarten das Stuttgarter "Chansongfest" ins Leben. Unter seiner Leitung wird aber auch das Kabarett-Festival "Stuttgarter Besen" veranstaltet, das 2017 sein 25-Jahr-Jubiläum feiert. Außerdem brachte er die deutsch-türkischen Kabarettwochen auf den Weg, die 2015 bereits zum 12. Mal stattfanden. Damit bot das Renitenz als eines der ersten Theater bundesweit dem deutsch-türkischen Kabarett ein Podium.

 

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