Unten fahren - und trotzdem "Oben bleiben"

Die Feinstaub-Metropole Stuttgart will mehr Leute auf die Schiene bringen. Der VCD hat überlegt, wie das geht, die Kostenfrage mal beiseite gelassen.

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Der VCD fordert, das Stuttgarter Schienennetz auszubauen.  Foto: 

Dass an der Neuordnung des Bahnknotens Stuttgart nicht zu rütteln ist, weiß der ökologische Verkehrsclub Deutschland (VCD). Kann er auch an der ungeliebten Realität nichts ändern, will er zumindest das Beste daraus machen: So legte der Verband gestern sechs Jahre nach dem S-21-Baustart ein Konzept für das Stuttgarter Schienennetz vor. Es soll pro Tag bis zu 200.000 Fahrgäste mehr packen.

"Die bestehende und für Stuttgart 21 geplante Eisenbahn-Infrastruktur ist nicht ausreichend bemessen", sagte VCD-Landeschef Matthias Lieb. Das Angebot an Regional- und S-Bahnen derzeit sei am Limit und durch S-21-Bauarbeiten und Probleme im Gleisvorfeld des Hauptbahnhofes beeinträchtigt. Der Tiefbahnhof sei allenfalls dafür geplant, das bisherige Niveau zu halten. So fordert Lieb, später eine Teil der derzeit genutzten Infrastruktur parallel zu S-21 weiter zu betreiben und auszubauen.

In Stuttgart gelte weiterhin: "Oben bleiben!" Zwar brauche es durch den Tief- keinen kompletten Kopfbahnhof mehr. Doch würden oberirdische Gleise etwa hinsichtlich der Gäubahn den Knoten entlasten. Der Tiefbahnhof, so Lieb, sei eh schnell am Limit. Auch drohten wegen der Längsneigung der Gleise Betriebs-Einschränkungen.

Der VCD lenkt mit dem Konzept den Blick auch in den Norden. Von Anfang an seien die Kapazitäten in Zuffenhausen und Feuerbach zu eng bemessen gewesen. "Man hat dieses Problem nicht offen diskutiert", klagte VCD-Landesvize Klaus Arnoldi. Nun aber fordere die Stadt mehr Pendler-Verbindungen nach Heilbronn. Bund und Land befürworteten zudem die Idee regelmäßiger Verbindungen zwischen großen Städten ("Deutschlandtakt"). Dann aber müsste Stuttgart-Mannheim in einer halben Stunde bewältigt werden. Dazu und zu manchem mehr brauche es mehr Gleise. Zudem, so Lieb, sei eine "Verkehrsdrehscheibe Feuerbach" als Regionalhalt wie Bad-Cannstatt und künftig Vaihingen nötig. Ein weiterer Engpass gebe es zudem an der S-Bahn-Halt Mittnachtstraße. Hier bräuchte es einen weiteren Bahnsteig. Das ganze Bündel an Ideen werde man nun an die beteiligten polischen Ebenen weiterleiten.

"All das wird teuer", sagte Lieb. Eine Kostenprognose legte der VCD nicht vor: Zunächst wollet man zeigen, dass etwas passieren muss. "So viele Umplanungen sind dafür gar nicht notwendig", beruhigte Lieb. Oft reiche es, bestehende Gleise weiter zu betreiben - was aber Einfluss etwa auf das neue Rosensteinquartier hätte. Und Arnoldi ergänzte: "Der Stadt muss klar sein, dass sie einen Plan B braucht, bei der die Gleise oben erhalten bleiben."

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Kommentare

08.02.2016 19:51 Uhr

S21 wird immer mehr zur Lachnummer

Wie die StN heute melden, gibt es zu Stuttgart 21 eine weitere gravierende Planänderung. Die Bahnsteige sollen nämlich kürzer werden und mit ihm das ganze Tiefbahnhofbauwerk. Dabei wird der Architekt namens Uwe Eggert, der diese Änderung bei der DB einreichte, wie folgt zitiert: "Ich will dem Büro Ingenhoven keine Konkurrenz machen, der Entwurf bleibt auch mit dem Eingriff erhalten“.

Soso, das Hirngespinst Katakombenbahnhof wird nur weiter optimiert und zukunftsfähig gemacht! Doch was keine Zukunft hat, sollte man am besten bleiben lassen.

Wie schon des Öfteren erwähnt, die S21-Kritiker können sich entspannt zurücklehnen und sich amüsieren über die nun fast monatlich neu bekannt werdenden Planänderungen beim BEST GEPLANTEN UND BEST FINANZIERTEN BAHNPROJEKT ALLER ZEITEN AUF BUNDESREPUBLIKANISCHEM ERDBODEN.

Das alles stellt doch die neulich vom total desinformierten SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel angezettelte Diskussion um das neue Rosensteinviertel und dergleichen Zukunftsduseleien gänzlich in den Schatten. Da hilft auch der Segen Gottes nicht mehr.

Außerdem, immer wieder zur Erinnerung: Das kleinere Zürich hat seinen Hbf von 16 auf 26 Bahnsteiggleise erweitert, und was soll in Stuttgart passieren, wenn man die Kapazität leichtfertig zurückfährt und dem fatalen Trugschluss erliegt, man könne auch mit der Hälfte von bis dato 16 Gleisen im gut funktionierenden Kopfbahnhof auskommen?

Angebliches Zukunftsprojekt zur Stärkung der Schiene? Pfeifendeckel - der Schuss geht ganz gewaltig nach hinten los beim dümmsten Bahnprojekt aller Zeiten.

http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.stuttgart-21-architekt-will-tiefbahnhof-kuerzen.20a91402-28ac-4922-b7ca-af11a83027ae.html

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04.02.2016 01:11 Uhr

"Oben bleiben" - unten einen fahren lassen!

Bitte auch diesen Beitrag mit der Rubrik Schwerpunktthema S21 verlinken. Danke!

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04.02.2016 00:58 Uhr

Verkehrspolitische Blamage

Wenn Stuttgart nicht im Feinstaub ersticken soll, muss der Schienennahverkehr drastisch ausgebaut werden. Das geht aber nicht über ein Stuttgart 21, das den Zugverkehr ausschließlich sternförmig auf einem nur achtgleisigen Bahnhof - beim EBA als Haltestelle definiert - bündelt.

Stattdessen müssen die vorhandenen Querverbindungen (z.B. BB/ES - WN ) zur Entlastung verstärkt genutzt und die innerstädtische Gäubahn mit neuen Haltstellen komplett in das Nahverkehrsnetz eingebunden werden. Nur, welchen Sinn soll es machen, wenn sie weder in den Tiefbahnhof noch den zu erhaltenden Kopfbahnhof einmünden kann oder soll?

Bezeichnend die Erklärung der Deutschen Bahn: „Ein weiteres Gleis an der S-Bahnstation Mittnachtstraße kann im Rahmen von Stuttgart 21 nicht gebaut werden." Das ist das erschütternde Eingeständnis, dass ein betonierter Tunnelbau nie und nimmer Flexibilität zulässt, was insbesondere für S21 zutrifft. Der von der SMA bescheinigte Verspätungsaufbau bei fast allen Zulaufstrecken, welcher dann in unflexiblen Tunnel verbaut sein wird, verhindert eben eine schon jetzt absehbare Kapazitätserweitung.

Eines ist sicher: VCD und Pro Bahn rechnen mit dem schon von Schlichter Geißler geforderten Kombibahnhof und rennen damit bei Verkehrsminister Hermann offene Türen ein. Ob's den sog. Prolern und Immobilienspekulanten passt oder nicht.

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04.02.2016 00:18 Uhr

Missgeburt Tiefbahnhof

Es gibt weltweit kein Beispiel, dass ein Hauptbahnhof erfolgreich verkleinert und schräg unter die Erde gelegt wurde. Doch unsere begnadeten politischen Verkehrsexperten, namentlich aus den Reihen der Tunnelparteien CDU, SPD und FDP schaffen diese grandiose Herausforderung meisterlich.

Der alte Sackbahnhof leistet im heutigen, nicht sanierten Zustand 38 Züge/h, während im coolen S21-Milliardengrab nur 32 Züge abgefertigt werden können, also sechs weniger als heute. Das Zukunft versprechende S21 ist grandios gescheitert.

Seltsam, dass es sich Metropolen wie Rom, Mailand, Paris, München, Frankfurt heutzutage noch leisten können, Sackbahnhöfe zu betreiben. Nach der biederen Logik der S21-Befürworter sind diese Städte deshalb vom Fortschritt wohl abgehängt und vom europaweiten Schienennetz abgeschnitten.

Nur die S21-Verfechter, die ja nicht einmal in der Landeshauptstadt wohnen und sowieso nie Bahn fahren, wissen es natürlich viel besser. Zum Glück hört die Mehrheit der Stuttgarter nicht auf so ein kleines verbohrtes Häuflein von Fortschrittsverweigerern. Die Mehrheit weiß, dass das Miniloch niemals funktionieren und der Kopfbahnhof weiterhin benötigt wird.

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03.02.2016 23:16 Uhr

Sinnentleerter Bahnhofsbau

Was oft wiederholt wird, muss nicht falsch sein: Offensichtlich reicht das überteuerte Stuttgart 21 nicht aus, um den Bahnverkehr ausreichend sicherzustellen und zukunftsfähig zu machen. Grundsätzlich also ein Armutszeugnis für die Schwarz-Rot-Gelbe Tunnelmehrheit, die Grün zwingt, Schrott 21 zu bauen.

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