Travertinpark in Stuttgart: Vom Steinbruch zum Kulturdenkmal

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    Der Travertinpark im Hallschlag erinnert an die frühere Steinförderung. Foto: 
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    Wirbt für den Travertinpark: Architekt Kilian Bezold. Foto: 
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Keine Blumenrabatten, exotische Pflanzen oder romantische Wasserbecken. Stattdessen erwarten den Besucher, wenn er einen der drei etwas versteckt liegenden Eingänge des Travertinparks im Stuttgarter Stadtteil Hallschlag gefunden hat, Indu­striegeräte, Gleisanlagen, Schotter, ein Steinbruch mit dramatisch hohen Wänden und viel Natur.  „Hier ist es selten überlaufen. Man kann stattdessen öfters das Gefühl haben, der Park gehöre einem ganz allein“, sagt Landschaftsarchitekt Kilian Bezold von der Stadt Stuttgart, der die Entstehung des Travertinparks von Anfang begleitet hat.

Auf dem Gelände fuhr früher die erste elektrische Industriebahn Baden-Württembergs. In der Zuckerfabrik waren bis zu 400 Arbeiter beschäftigt. Und in drei Steinbrüchen wurden lautstark Steine abgebaut. Bis vor zehn Jahren wurde unterhalb des Römerkastells noch richtig im Steinbruch gelärmt und Travertin, auch „Cannstatter Gold“, genannt, gefördert. Doch schon ein paar Jahre zuvor hatte die Stadt damit begonnen, einen Park zu planen, der 2014 fertiggestellt wurde. Er soll die Erinnerung an den Stein wachhalten, der Stuttgarter Industrie- und Kulturgeschichte schrieb.

Ökologisch korrekt

Aus dem ehemaligen Industriegelände ist ein ökologisch korrektes Naherholungsgebiet geworden. Vorbilder waren die Umgestaltung des Gleisdreiecks in Berlin oder der Emscher Naturpark in Nordrhein-Westfalen, der auf ehemaligen Industrieflächen angelegt wurde. In Form eines langen Grünstreifen schlängelt sich der Park heute unterhalb der Reiterkaserne und oberhalb der Cannstatter Haldenstraße den Hang entlang und bietet beeindruckende Aussichten.

Der Blick fällt auf die heutige Industrielandschaft des Stuttgarter Nordens und auf die Müllverbrennungsanlage Münster, das hohe Eisenbahnviadukt, die Mercedes-Benz-Arena, den Wasen und darüber den Rotenberg mit der Grabkapelle. Besucher wandern wie durch ein offenes Museum an einem tiefen Steinbruch vorbei, dessen hohe Wände mit den offenliegenden unterschiedlichen Gesteinsschichten ein Schaufenster der Erdgeschichte darstellen.

Auf einer großen Wiese in der Nähe sind sorgfältig restaurierte Maschinen zur Steinbearbeitung zu besichtigen. Lehrlinge der Firma Mahle haben sich hier betätigt und unter anderem eine Kran­bahn und eine Steingattersäge wieder hergerichtet. Mit dieser wurden die Steinblöcke in Platten gesägt. 10 bis 16 Millimeter weit kam die Säge  – in einer Stunde. Die Arbeit in den Steinbrüchen war körperlich extrem anstrengend.  Zahlreiche Hinweistafeln erklären, wie in den drei Firmen Steine gewonnen sowie verarbeitet wurden und auf welch’ historisch bedeutsamen Grund die Parkbesucher unterwegs sind.

Das hohe Stuttgarter Mineralwasseraufkommen – das zweitgrößte in Europa nach Budapest  – ist der Grund für die außergewöhnliche Travertinbildung im Cannstatter Neckartal. Beim Austritt des Mineralwassers an die Oberfläche lagerten sich gelöste Kalke, Gips und Salze in Schichten ab. So entstanden vor 300 000 bis 500 000 Jahren die mächtigen Travertinbänke. Bei ihrem Abbau wurden  zahlreiche Spuren der Urzeit wie Steinwerkzeuge von Urmenschen, Stoßzahn- und Gebissreste und der Schädel eines Waldelefanten gefunden – eine archäologische Schatzkammer. Die Funde sind im Löwentormuseum ausgestellt.

Auch heute fühlen sich zahlreiche Wildtiere im naturnah umgestalteten Ex-Industriegelände wohl.  Die trockenen Steinbereiche sind Lebensraum für Pflanzen­arten und Amphibien, die Wärme lieben. Auf den Schotterflächen und Steinhaufen leben Zaun- und Mauereidechsen. Vier Fledermausarten und sieben Heuschreckenarten, 23 Brutvögel und über 40 Wildbienenarten wurden nachgewiesen. Diese profitieren von den zahlreichen Pflanzenarten, die sich auf den nährstoffarmen Schutt- und Bodenbereichen ansiedeln und in intensiv bewirtschafteten und gedüngten Flächen nicht mehr existieren können. Der Steinbruch ist sogar als besonders schützenswertes Biotop eingestuft.

Mehr Pflegeaufwand

Das heißt für Architekt Bezold, dass der Travertinpark anders als eine normale Parkanlage gepflegt werden muss.  Die Schotterflächen dürfen nicht zuwachsen, Wucherpflanzen wie Brombeeren oder Hartriegel müssen regelmäßig entfernt werden. Dafür werden die Wiesen nur zweimal im Jahr gemäht und bieten so Platz und Nahrung für eine vielfältige Insektenwelt.  „Wir müssen hier mehr rausholen als neu pflanzen“, sagt Bezold, für den der Travertinpark erkennbar ein Lieblingsprojekt geworden ist. „Es war einmalig, so etwas ganz neu aufzubauen. Und es ist uns gut gelungen – jeder  sollte sich das mal ansehen.“

Für Kinder gibt es zwei Spielplätze, auf den Grünflächen darf zwar nicht gegrillt, aber gepicknickt werden, und gleich nebenan wächst Wein. Wer eine Erfrischung nach so viel Industriegeschichte gebrauchen kann, kann sich beim städtischen Weingut oder bei den Cannstatter Winzern wieder stärken.

Deutschlandweit einmalig ist das Stuttgarter Travertinvorkommen. Als Baumaterial war der Naturstein vor allem in der Zeit zwischen den Weltkriegen sehr beliebt. Nachdem man die Technik der Steinbearbeitung weiter entwickelt hatte, konnte man im 20.  Jahrhundert den Stein auch zu geschliffenen und polierten Platten verarbeiten.

Fassaden von Wohnhäusern in Stuttgart wurden zwischen 1920 und 1940 gern mit dem gelbbräunlichen bis ockerfarbenen Stein gestaltet. Auch der Mittnachtbau und das Hotel Zeppelin sowie die Erweiterung der Staatsgalerie sind mit dem Kalkstein verkleidet, der saurem Regen und Frost standhält. bw

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Kommentare

24.05.2017 23:10 Uhr

Stumme Zeugen der Vergangenheit

Nur einen Steinwurf von der Müllverbrennungsanlage Münster entfernt ragen 14 stolze Säulen in den Himmel und und geben Zeugnis von der Blütezeit des Travertinabbaus in diesem ehemaligen Steinbruchgelände. Sie wurden im Jahr 1936 von den Nazis in Berlin bestellt und waren für die von ihnen geplante Welthauptstadt Germania bestimmt. Albert Speer plante ein Denkmal zu Ehren des italienischen Diktators Benito Mussolini, das er am Adolf-Hitler-Platz in Charlottenburg errichten wollte. Dafür orderte das Nazi-Regime die 14 Säulen im Steinbruch Lauster. Dementsprechend pompös sind sie, verziert mit aufwendig gestalteten Gesimsteilen. Doch die Geschichte nahm glücklicherweise einen anderen Verlauf.

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.geschichten-zur-neckartalstrasse-im-schatten.4791c3c8-bdcc-4bb8-a3cb-a701837640cf.html

https://www.stuttgart.de/travertinpark

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