Stuttgarter Straßenbahnwelt begeistert Kinder und Senioren

In der Straßenbahnwelt in Cannstatt kann man 150 Jahre Nahverkehr in Stuttgart nachvollziehen. Zu den Höhepunkten zählt für viele Besucher ein echter Klassiker.

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I muss di Straßaboh no krieaga, bloß dr Fünfer bringt me hoim.“ Wie viele in der Straßenwelt schon den Wolle Kriwanek gegeben haben, man weiß es nicht. Sehr viele waren es dem Vernehmen nach, die die Hymne des Schwabenrockers an den legendären GT4 angestimmt haben. Die Bahn gilt als Inbegriff mobiler Behäbigkeit aus der Ära von Nierentisch, Petticoat und Goggomobil. Zwischen 1959 und 2007 rumpelte der GT4 auf vier Achsen und mit maximal 60 Kilometern pro Stunde durch die Landeshauptstadt. Dass der Fünfer, der in der Cannstatter Ausstellung besungen wird, ein (baugleicher) Sechser ist – geschenkt. Worum es in der Straßenbahnwelt der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) geht, das sind Erinnerungen. Und die überfahren einen geradezu.

Auf 2500 Quadratmetern können sich die Besucher über die Geschichte der Straßenbahn in Stuttgart informieren. Und das stilecht in einem früheren Depot. Erst 2007 wurde das bald 90 Jahre alte im Klinkerstil errichtete Wohn- und Dienstgebäude samt der zwei Wagenhallen mit 20 Gleisen aufgegeben. Drinnen beginnt die Zeitreise beim ersten Pferdewagen von 1868, führt über den „Großen Elefanten“ der Filderbahn (Baujahr 1912) oder die städtische Straßenbahn Feuerbach mit dem Triebwagen SSF 15 (Baujahr 1926)  und endet beim Stuttgart-Klassiker GT4, „jeder fragt danach“, weiß Susan Pfitzenmaier, die für die Vermarktung des Museums zuständig ist.

In viele der 25 Wagen kann man einsteigen, einen kann man auch von unten beäugen. Ebenso sind Busmodelle von 1951 bis heute zu sehen sowie zahlreiche Kleinexponate. Um die 12 000 Menschen wollen das pro Jahr sehen, erklärt Susan Pfitzenmaier. Kinder- und ältere Grupen, aus Vereinen oder Institutionen, halten sich die Waage. Zwischendrin wird’s dünn. „30 bis 40, diese Zielgruppe fehlt uns tatsächlich“, sagt sie. Zu jung, um die alten Modelle noch zu kennen, zu alt, um eine kindliche Begeisterung zu entwickeln. „Für die ist das ein Fortbewegungsmittel.“

Kinder und Senioren, jedoch sind Feuer und Flamme für die großen Mobile. Mädchen und Jungen klettern begeistert hinein. Für die ehrenamtlichen Führer aus den Reihen des Vereins „Stuttgarter Historische Straßenbahnen“ sind sie ein dankbares Publikum. Horst Leitz (80), früher Technischer Zeichner bei der SSB, kennt die Tricks, wie er die Kleinen mit Lichtern und Geräuschen zum Quietschen bringt. Er zieht im Esslinger Triebwagen ESS 7, der ehemals zwischen dem Schlossplatz und Esslingen verkehrte, am Lederriemen, so dass es klingelt, die Lacher hat er dann auf seiner Seite. Und nicht nur bei Kindern ist der weiße Wagen mit der dunklen Ausstattung aus Teak- und Mahagoniholz und den geschwungenen Glaslampen der Hit. Für Hochzeitsshootings ist das Museum ein Geheimtipp, verrät Susan Pfitzenmaier, und das nicht nur für Bilder. Das Museumsdepot kann als Ort fürs Ja-Wort und die Sause danach gebucht werden.

Die älteren Besucher kommen vor allem bei den Bahnen ins Schwärmen, die sie noch von früher kennen. „Jeder ab 70 ist früher mit dem DoT gefahren“, weiß Pfitzenmaier. Die Anekdoten finden sich im Gästebuch. Werbesprüche wie „Vergiss nicht deinen Hugendubel“, die auf den Straßenbahnen durch Stuttgart fuhren, können viele Omas und Opas bis heute auswendig.

Der wohl bekannteste Wagen, der legendäre Partywagen, steht allerdings seit Kurzem in der Werkstatthalle nebenan, die für Besucher verschlossen ist. „Wir wollten Platz schaffen, und dieses Modell kennt wirklich jeder“, erklärt Pfitzenmaier.

Was viele unterdessen vielleicht nicht wissen: 2018 steht ein Jubiläum an. 1968 wurde der Charlottenplatz für den unterirdischen Verkehr freigegeben. Dieses Jubiläum und der Geburtstag 150 Jahre SSB sollen groß gefeiert werden. Ziel sei ein temporäres Außenmuseum. Dann vielleicht mit dem echten GT4-Fünfer. Damit möglichst viele wieder singen: „I muss di Straßaboh no krieaga, bloß dr Fünfer bringt me hoim.“

Wagen können Besucher in der Straßenbahnwelt in Bad Cannstatt begutachten. Angefangen bei einem Pferdewagen von 1868 bis zum Stuttgarter Klassiker GT4.

Wanderschau An diesem Wochenende,  27. und 28. Mai, wird unter dem Motto „Kleine Bahn ganz groß“ die 14. Internationale Modellstraßenbahn-Ausstellung in der Straßenbahnwelt gezeigt, eine Art Wanderschau, die 2003 erstmals in Leipzig zu sehen war, seither stetig gewachsen ist und einmal im Jahr von Privatleuten und Vereinen zusammengetragen wird. Zwischen 10 und 17 Uhr sind bei Ausstellern aus dem Inland, Italien, den Niederlanden, der Schweiz und Tschechien 45 Anlagen zu sehen, außerdem werden Info- und Verkaufsstände angekündigt.

Baustelle Wegen S-21-Bauarbeiten ruht der Linienverkehr mit historischen Straßenbahnen. Die Oltimerlinie 21 wird nicht vor Ende 2019 wieder fahren, die Linie 23 wird bis Ende dieses Jahres mit historischen Omnibussen bedient – auch am kommenden Wochenende. Als weiteres Ersatzangebot finden jeden Sonntag kurze Straßenbahn-Rundfahrten rund um die Straßenbahnwelt in Bad Cannstatt statt. car

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Kommentare

26.05.2017 19:41 Uhr

Keine Schein- sondern halt die "Straßenbahnwelt"

Straßenbahnfreunde und Nostalgiker kommen voll auf ihre Kosten. Was für Schätze im ehemaligen Cannstatter Straßenbahndepot zu bestaunen und wieviele Schienen- und Busfahrzeuge aller Epochen dort noch fahrbereit sind, zeigt der Jubiläumskorso des Vereins "Stuttgarter Historische Straßenbahnen" vom 16.09.2012 in einer sehenswerten Parade durch Stuttgarts Straßen.

https://www.youtube.com/watch?v=lq7kC0hYe2w

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