Stuttgarter gründet erste offene Werkstatt der Stadt

Schrauben, bohren und fräsen mit Nachhaltigkeitscharakter: Martin Langlinderer hat Stuttgarts erste offene Werkstatt ins Leben gerufen.

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Im März hat der Wirtschaftsingenieur Martin Langlinderer (35) seine offene Werkstatt gegründet – und schon einen Preis damit gewonnen.  Foto: 

Es riecht nach Holz, Leim und Farbe. In der großen alten Fabrikhalle stehen Drechselbänke, Schweiß-,  Fräs- und Schleifgeräte, ein Lasercutter, gleich mehrere 3D-Drucker, Bohrmaschinen, Bandsägen und viele kleine Handwerkzeuge. In einer Nische wartet die Pausenecke mit Bierkasten, Kühlschrank und Mikrowelle.

Am frühen Nachmittag sieht es noch aufgeräumt aus, die Werkbänke sind unbelegt. Nur Leon und Nele, achtjährige Zwillinge aus der Nachbarschaft, sind schon am Werkeln und führen ihre großen selbstgebastelten Holzwürfel vor. Auch mit der ganzen Klasse waren sie schon mal hier und haben eine Schatzkiste aus Holz gebaut. „Da viele Schulen keinen Werkraum mehr haben, ist das hier eine tolle Gelegenheit für die Kinder, mit Werkzeug erste Erfahrungen zu sammeln, sagt Mama Jana, selbst regelmäßige Besucherin der Werkstatt.

Seit März bietet der Hobbyhimmel als erste offene Werkstatt Stuttgarts  im Stadtteil Feuerbach allen, die etwas Neues anfertigen oder Altes reparieren wollen, hochwertige Maschinen und Werkzeuge und den nötigen Platz. „Ich wollte vier Bretter schräg zuschneiden, im Baumarkt gibt es aber nur gerade Schnitte. Und die Sägen, die zum Ausleihen zur Verfügung standen, waren entweder defekt, ungeeignet oder ausgeliehen“, erinnert sich der Gründer Martin Langlinderer. So kam ihm der Gedanke, eine Werkstatt zu eröffnen, in der man teures Werkzeug nicht gegen Tagessätze ausleihen und schwere Maschinen nicht nach Hause und wieder zurück transportieren müsste.

„Ich hielt das für eine clevere Geschäftsidee. Dass in München schon vor 30 Jahren mit dem „Haus für Eigenarbeit“ ein ähnliches Konzept entstanden war und insgesamt in Deutschland schon rund 100 offene Werkstätten existierten, „erfuhr ich erst später“, sagt der 35-jährige Diplom-Wirtschaftsingenieur aus Esslingen.

An erster Stelle steht für ihn, einen Beitrag zu einer ökologisch sinnvolleren Wirtschaft zu leisten. In einer Gesellschaft, in der die Lebens-Laufzeit einer Bohrmaschine gerade mal bei 13 Minuten liegt, und die jährlich europaweit 10 Millionen Tonnen Elektroschrott produziert, soll seine Werkstatt einen Beitrag gegen den Wegwerfwahnsinn und für einen besseren Umgang mit Ressourcen leisten. So legt er Wert darauf, dass nur hochwertiges Werkzeug im Hobbyhimmel landet, das lange hält und von vielen Anwendern benutzt werden kann.

„Bei uns sind schon viele tolle Projekte entstanden. Einer kam neulich mit zwei Eschenbrettern unterm Arm vorbei, und nach ein paar Stunden war eine schöne Holzwiege fertig.“ Die Mehrheit der Hobbyhandwerker sei männlich. 20 bis 30 Prozent sind Frauen, Tendenz steigend, beobachtet Langlinderer. Der Einzugsbereich reiche bis Göppingen und Calw, viele Nutzer kämen aber auch aus der Nachbarschaft von Bosch, Daimler oder Porsche, um ihren Feierabend im Hobbyhimmel zu verbringen. Ab 17 Uhr füllt sich die Werkstatt. Im Minutentakt kommen Hobbyhandwerker in die Werkshalle – spürbar voller Vorfreude auf die nächsten Stunden.

„Einfach fantastisch ist diese Werkstatt“, sagt Johannes, von Beruf Kaufmann. Mindestens einmal die Woche verbringt er hier den Abend. Er hat schon fast alle Werkzeuge im Einsatz gehabt. Heute will er einen Metallflansch für sein Segelboot bauen. Auch Matu ist Feuer und Flamme für die Werkstatt in der Siemensstraße. „Ich finde es genial hier. Genau so was braucht man.“ Er wird an diesem Abend verschiedene Schmuckstücke aus Holz anfertigen.

Auch die Jury des Wirtschaftsministeriums, das vor Kurzem die besten Start-ups in Stuttgart auszeichnete, zeigte sich beeindruckt: Der Hobbyhimmel gewann den ersten Preis, 500 Euro. Jetzt hofft Langlinderer auf einen guten Platz auch im Landesfinale am 17. Juni. Da geht es dann um ein Preisgeld von 3000 Euro.

Die Werkstatt ist gut frequentiert und Langlinderer optimistisch, dass sich sein Projekt finanziell bald selbst tragen kann. Momentan muss der Kleinunternehmer die laufenden Kosten aber noch aus seinem Ersparten mitfinanzieren. Falls einmal Überschüsse erwirtschaftet werden, will er diese Gewinne in die Gründung von neuen offenen Werkstätten stecken. Und dann – so hofft Langlinderer – kann er sich einen Job suchen, bei dem er selbst auch wieder etwas verdient und weniger als die jetzigen 100 Stunden pro Woche arbeiten muss.

Kurse und Kosten

Kommen ohne Anmeldung Der Hobbyhimmel in der Siemensstraße 140 in Stuttgart-Feuerbach ist werktags von 13 bis 23 Uhr,  samstags von 10 bis 22 Uhr geöffnet. Jeder kann kommen und erhält Unterstützung, sofern nötig. Alle paar Wochen findet in der Werkstatt ein Repaircafé statt, in dem vor allem Elektrogeräte repariert werden.

Preise fürs Mieten Für Kurse zu Techniken wie Schweißen, Umgang mit Kreis- und Bandsäge oder Holzbearbeitung muss man sich anmelden und extra bezahlen. Ansonsten kostet eine Stunde ab zwei Euro, ein Tag ab zehn Euro. Für  Dauernutzer gibt es eine Flatrate. Eine Kreissäge kostet 50 Cent pro fünf Minuten, eine Lackierkabine einen Euro für fünf Minuten, der Lasercutter vier Euro für 15 Minuten. bw

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