Standortfaktor Betriebskita

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Die Region Stuttgart konkurriert mit anderen Wirtschaftsstandorten. Wer Kinderbetreuung bietet, kann bei Fachkräften punkten.  Foto: 

Stuttgart ist für Eltern kein gutes Pflaster. Kinderbetreuungsplätze sind Mangelware. Zwar wird vielerorts gebaut und erweitert, doch selbst, wenn in den kommenden Monaten sämtliche bereits finanzierte Projekte umgesetzt sind, werden laut Sozialbürgermeisterin Isabel Fezer in der Landeshauptstadt noch rund 1200 U3-Plätze fehlen. Grund für die Misere: mehr Nachwuchs, wenig Fachpersonal.

 Wohl dem, der auf einen Platz in einem Betriebskindergarten hoffen kann. Das Stuttgarter Klinikum hat jüngst seine auf sieben Gruppen und 100 Kinder vergrößerte Kita in der Hegelstraße eingeweiht. Zusammengenommen bietet das Klinikum dort und am Standort Bad Cannstatt 140 Ganztagsplätze zu den stadtüblichen Konditionen an, erklärt der Fachbereichsleiter Matthias Bäuerlein: 50 Plätze für Kinder unter drei Jahren, 30 für Zwei- bis Sechsjährige und 60 für Ü3-Kinder. Langfristig soll zugunsten jüngerer Kinder verschoben werden, dort sei der Bedarf größer, „der Rechtsanspruch greift da schon. Der Wunsch der Eltern, die Kinder gleich nach der Elternzeit in Arbeitsplatznähe unterzubringen, wächst.“ Oft sei dies bei der Jobsuche entscheidend. „Es ist ein Angebot, mit dem wir werben“, sagt Matthias Bäuerlein.

Wartelisten obligatorisch

Die großen Unternehmen haben Konzepte erarbeitet, wie sie ihr Personal bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf unterstützen. Daimler als größter Arbeitgeber im Raum Stuttgart betreibt eigene Krippen in Untertürkheim, in Mettingen sowie in Möhringen. Der Autobauer stellt deutschlandweit mehr als 880 Betreuungsplätze für Kinder bis sechs Jahren zur Verfügung, im Stuttgarter Raum sind es etwa 260 – alle belegt, Wartelisten inklusive. Zu den Kosten heißt es nur, man richte sich nach vergleichbaren Einrichtungen beziehungsweise den Kommunen. Bezahlt werde gestaffelt nach Familieneinkommen und Buchungsumfang. Zudem werden Babysitter und Tagesmütter vermittelt. „Das gehört zum Gesamtpaket als attraktiver Arbeitgeber“, sagt Sprecher Heiko Pappenberger.

Porsche kauft Belegplätze

Porsche wiederum kauft sich ausschließlich über Belegplätze extern ein, berichtet Sprecher Matthias Rauter. 131 plus vier Notplätze sind es im Großraum Stuttgart. Im Sachsenheimer Kinderhaus Mobile etwa sind fünf Krippen- und fünf Kindergartenplätze reserviert. Die Eltern zahlen die regulären Beiträge, Porsche leistet an die Stadt pro Platz eine Ausgleichszahlung zu den Betriebskosten, heißt es aus dem Rathaus. Wartelisten gebe es bei Porsche nicht, man bevorrate gut, und notfalls würden freie Plätze zugekauft.

Dezentral arbeitet auch die Stadtverwaltung Stuttgart als Arbeitgeber. Von rund 60 verfügbaren Betreuungsplätzen werden 46 wohnortnah zu ortsüblichen Sätzen vergeben, erklärt Rathaussprecher Sven Matis. Die restlichen Plätze sind im Tagblattturm in Stadtmitte.

Besonders vielschichtig geht man bei Bosch vor. Die Firma unterhält eigene Kitas an Großstandorten, erläutert Firmensprecher Michael Kattau, allein in Feuerbach sind 100 Plätze für Kinder im Alter von sechs Monaten bis zu sechs Jahren verfügbar. Die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben fördere Zufriedenheit, Motivation und Kreativität der Mitarbeiter, sagte der Geschäftsführer Christoph Kübel bei der Eröffnungsfeier 2013. Zusätzlich kauft sich  Bosch in öffentliche Einrichtungen ein, bietet Ferien-, Notfall- und Kurzzeitbetreuung sowie mehr als 100 Arbeitszeitmodelle an. Zwei Vermittlungsdienstleister unterstützen die Mitarbeiter bundesweit bei der Suche nach Tagesmüttern, Au-Pairs oder Babysittern, die Vermittlungskosten trägt Bosch.

Auch Dienstleiter spezialisieren sich. So betreibt der freie Träger „Konzept-e“ 42 Kitas im Land, viele sind für Stuttgarter Unternehmen und Institutionen, etwa „Die Willys“ fürs Innenministerium, die „Feuerseepiraten“ für die Wüstenrot & Württembergische oder die „Forscherzwerge“ des Max-Planck-Instituts. Auch die private Kita „Schatzkiste“ in Zuffenhausen spricht offensiv die Belegschaft aus den umliegenden Unternehmen wie Porsche, Bosch, Wolff & Müller und Nokia an und wirbt damit, sehr gut erreichbar zu sein.

Schichtarbeiter bevorzugt

Zudem gibt es Kooperationen. In der evangelischen Betriebskita Heidehüpfer werden bis zu 15 Kinder angenommen, deren Eltern bei der Robert-Bosch-Stiftung, im Holtzbrinck-Verlag oder beim Oberkirchenrat arbeiten. „Der Bedarf ist weitaus größer“, sagt der Koordinator Jörg Schulze-Gronemeyer, die Räume seien aber klein.

Anderswo sind Plätze ähnlich begrenzt. Das Stuttgarter Klinikum hat trotz seiner 140 Plätze Wartelisten. Matthias Bäuerlein schätzt, dass etwa 100 U3-Kinder darauf stehen – teils noch vor der Geburt. Besonders attraktiv: Die Betreuung startet vor der Frühschicht um 5.45 Uhr und geht bis 18 Uhr, am Standort Bad Cannstatt wird an jedem zweiten Wochenende gehütet. Vergeben werden die begehrten Plätze daher nach einem Punktesystem. Wer etwa im Schichtdienst arbeitet, wird bevorzugt.

Im Land werden wieder mehr Kinder geboren, geht aus Zahlen des Statistischen Landesamtes hervor. 100 269 Mädchen und Buben erblickten 2015 das Licht der Welt; rund 5000 mehr als im Jahr zuvor. Im Jahr 2011 waren es noch 88 823 Kinder gewesen. Hinzu kommen Kinder von Einwanderern. Am 31. Dezember 2015 leben laut dem Statistischen Landesamt 40 000 ausländische Kinder bis drei Jahre in Baden-Württemberg.

Ein Trend, der sich auch in der Landeshauptstadt niederschlägt: Im vergangenen Jahr wurden in Stuttgart 6773 Kinder geboren, 467 mehr als 2015 (6306), 2011 waren es sogar nur 5582 Kinder gewesen. car

 

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