Schwäbisches Weltwunder

Erstmals war der Stuttgarter Fernsehturm über Nacht geöffnet - das war seinem Geburtstag geschuldet. Prominente erwiesen dem 60 Jahre alten Turm ihren Respekt, darunter Kabarettist Christoph Sonntag.

|
   Foto: 

Auf 150 Metern über dem Erdboden sich die Nacht um die Ohren schlagen - das ging von Freitag auf Samstag. An seinem 60. Geburtstag feierte der Fernsehturm durch. Die ganze Nacht hindurch fanden Führungen statt, das Café hatte durchgehend geöffnet. Der SWR sendete live und hatte Besuch von prominenten Gästen.

Darunter Kabarettist Christoph Sonntag. "Als Kind war der Turm neben der Wilhelma und dem Neckarschiff Berta Epple eine unserer drei Sensationen. Wenn wir mit unseren Eltern auf dem Turm gewesen waren, fingen wir sofort wieder an, für den nächsten Besuch zu sparen", erinnert sich Sonntag, der sich sogar schon einmal vom Turm abgeseilt hat. Alec and Sascha von der Berliner Country-Pop-Band "BossHoss" spielten auf dem Turm unplugged und gaben sich cool: "Wir wollten schon immer mal ganz nach oben." Aber der Jubilar zeigte auch bei ihnen Wirkung: "Als Berliner haben wir Erfahrung mit Fernsehtürmen. Von unserem Alex aus sieht man nur in Straßenschluchten. Der Blick hier vom Stuttgarter Turm weit über das ganze Land ist sehr viel schöner."

Riesenschornstein, Bohnenstange, Schwabenstreich - für das Projekt gab es viele Schimpfworte. Manche fürchteten während des Baus ein zweites Pisa und einen schiefen Turm in Stuttgart. Doch spätestens bei der Eröffnung am 5. Februar 1956 waren auch die stärksten Zweifler überzeugt und stolz auf ihr schwäbisches Weltwunder. Der Stuttgarter Fernsehturm, bis zur Antennenspitze 217 Meter hoch, war damals eines der zehn höchsten Bauwerke der Welt. In allen konzeptionellen und technischen Bereichen wurde noch nie Dagewesenes realisiert. Gut zehn Jahre, nachdem im 2. Weltkrieg 70 Prozent der Stadt zerstört worden waren, demonstrierte die Stadt ihr persönliches Wirtschaftswunder an modernster Architektur- und Ingenieurskunst.

Beim Bau war Zufall mit im Spiel: Der Stuttgarter Ingenieur Fritz Leonhardt fürchtet um seine schöne Aussicht, als er von den Plänen des Süddeutschen Rundfunks (SDR) erfährt. Auf dem Hohen Bopser, mit 483 Metern der höchsten Erhebung im erweiterten Stadtgebiet, wollte der SDR einen Stahlgittermast aufstellen, um ganz Stuttgart mit dem neuen Medium Fernsehen zu versorgen. Leonhardt aber will nicht jeden Tag auf einen hässlichen Mast blicken. Er entwirft Pläne für einen Stahlbeton-Turm, der mit Aussichtsplattform und Gaststättenbetrieb auch ein Ausflugsziel sein soll.

Dieser wäre zwar um ein vielfaches teurer als die rund 200 000 Mark, die ein Stahlgittersendemast kosten würde. Aber Leonhardt vertraut auf die architektonische Wirkung des freistehenden Turms. Das sollte die Mehrkosten wert sein.

Mit der Stahlbetonbauweise eröffnete der Stuttgarter Fernsehturm eine neue Ära des Turmbaus. Für hunderte anderer Projekte weltweit war und ist der Stuttgarter Turm Vorbild. Im Dezember 1961 wurde der viermillionste Besucher begrüßt. Die Baukosten von 4,2 Millionen Mark hatten sich damit bereits amortisiert. Beim Bau war vieles Pionierarbeit. Der Schaft besteht aus einem sich verjüngenden Stahlbetonrohr, das innen Platz für zwei Aufzüge, die Nottreppe und die Leitungen bietet.

Das 1500 Tonnen schwere Fundament wurde in acht Metern Tiefe versenkt. Der Turm selbst steht damit scheinbar frei und elegant auf dem Boden. Die zylindrische Form des Korbes erzeugt den geringsten Windwiderstand.

Wie jeder 60er-Jubiliar kennt der Turm bittere Stunden - wie die Schließung wegen Brandschutzmängeln vor drei Jahren -, aber auch Sternstunden. Dazu zählt ganz sicher der königliche Besuch 1964. 500 000 Stuttgarter standen Spalier. Der SDR übertrug über Stunden den Besuch der jungen Queen Elizabeth, der sie natürlich auch hinauf zum Fernsehturm führte.

Jahreskarte findet reißenden Absatz

Tickets Nach den 24 Stunden Geburtstagsfeier-Marathon kehrt die SWR Media Services GmbH als Betreiberin des Fernsehturms wieder in den normalen Öffnungsmodus zurück. Turm und Panoramarestaurant sind Montag bis Donnerstag von 10 bis 23 Uhr, Freitag bis Sonntag von 9 bis 23 Uhr geöffnet. Ein Ticket kostet sieben Euro. Reißenden Absatz findet die Jahreskarte für 25 Euro. Seit Wiedereröffnung wurden 500 Tickets verkauft.

Auszeichnung Der Turm war der erste Fernsehturm weltweit. 2009 wurde er als "historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland" ausgezeichnet. Gesendet werden von hier heute nur noch die Radioprogramme. Die Fernsehprogramme kommen vom benachbarten Frauenkopfturm.

BW

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Linie 2: Römerstraße wird zur Sackgasse

In der Weststadt wird es ab Donnerstag zu Einschränkungen im Verkehr kommen: Die Römerstraße wird für den verkehr gesperrt sein. weiter lesen