Schmelztiegel der Kulturen

Kein Haus für Bücher, sondern eines für Menschen will die Stuttgarter Stadtbibliothek am Mailänder Platz sein. Fünf Jahre nach ihrer Eröffnung hat sie sich zum Treffpunkt der Kulturen gemausert.

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Die Bücherei gilt als architektonisches Highlight.  Foto: 

Zerlesene Schwarten, muffige Luft und flüsternde Bibliothekarinnen - Erinnerungen an die Büchereibesuche der Kindheit sind oft nicht ganz unbeschwert. "Eines hat sich nicht geändert - dass jeder das Gefühl hat, dass er immer die neuesten Bücher nicht bekommt. Aber sonst ist heute alles anders", sagt Christine Brunner, Leiterin der 18 Stadtteilbüchereien in Stuttgart und damit auch Chefin der relativ neuen Stadtbibliothek am Mailänder Platz nahe dem Shoppingcenter Milaneo.

Während auf dem Lande die Büchereien ums Überleben kämpfen und wegen knapper Kassen und veränderten Nutzerverhaltens schließen müssen, entwickeln sich in Großstädten wie Stuttgart Büchereien zu neuen kommunalen Herzstücken und Treffpunkten. Dabei lesen laut einer Forsa-Umfrage von 2015 nur noch 20 Prozent der Deutschen bis zu zehn Bücher pro Jahr. Fast alles findet sich im Internet; Filme, Musik und Hörbücher lassen sich auf jedes Handy oder jeden Computer streamen. Wer Inhalte sucht, braucht heute dafür keine Bibliothek mehr. Was also macht eine Bücherei heute noch besuchenswert?

Die neungeschossige Stuttgarter Stadtbibliothek, die vor fünf Jahren eröffnet wurde, setzt mit ihrer spannenden Architektur innen und außen auf mehr als nur den reinen Lesestoff. Sie zieht bei Tag und Nacht alle Blicke auf sich. Das quadratisch angelegte Gebäude aus Beton und Glasbausteinen steht frei inmitten einer Rasenfläche, überragt die angrenzenden Häuser und demonstriert damit seine besondere Bedeutung. Nachts wird der Kubus mit blauen Lichtern beleuchtet und scheint förmlich über dem Platz zu schweben. Innen wird das quadratische Raster konsequent weitergeführt. Die Räume wirken transparent und aufgeräumt. Regale und Medienschränke sind entlang der Wände aufgestellt, Böden, Wände, Regale und Treppen erstrahlen in sauberem Weiß. Auf allen Ebenen gibt es ruhige Zonen zum Lesen oder Arbeiten sowie Computerarbeitsplätze zum Schreiben, im Internet Surfen oder für E-Learning-Angebote.

Bereits am frühen Vormittag ist schon fast jeder PC belegt. An vielen sitzen ausländische Besucher, die über die Terminals Kontakt mit der Heimat halten. In der zweiten Etage hat es sich eine Kindergartengruppe bequem gemacht und verhandelt mit ihrer Erzieherin, welcher Film geschaut werden soll. Im Café "LesBar" im achten Stock, das die Caritas als Inklusionsprojekt betreibt, läuft die Kaffeemaschine auf Hochtouren.

"Ich komme mindestens zweimal die Woche her", sagt Hanno Endejan, 68, aus Stuttgart-Nord. Er leiht zwar auch mal ein Buch aus. Hauptsächlich aber nutzt er das große Angebot an Tageszeitungen im Erdgeschoss und verabredet sich mit Bekannten. Zwei junge Frauen schauen im sechsten Stock konzentriert auf einen Laptop. Reyhan, 17, aus Bad Cannstatt und Ozyigit, 16, aus Untertürkheim haben sich einen der 100 tragbaren Rechner ausgeliehen, den man dann im ganzen Haus mitführen kann. "Wir haben gerade unsere Bewerbungen für die weiterführende Schule geschrieben und über WLAN abgeschickt", sagt Reyhan. "Hier haben wir genügend Platz und können in Ruhe arbeiten."

Eine öffentliche Bücherei als Arbeitsort oder geselliger Treffpunkt? Immer mehr der Besucher wollen nicht nur schnell ein Buch abholen oder zurückgeben, sondern halten sich stundenlang im Haus auf. "Wir verstehen uns als Haus für Menschen, nicht für Bücher", unterstützt Christine Brunner dieses neue Nutzermodell. Auch Menschen, die nur schwer Zugang zu Medien und besonders digitalen Medien finden, können das Haus ohne Kosten frei nutzen. "Wir machen viele Dinge, die für die Stadt wichtig sind. Eines davon ist, die Integration von Zuwanderern zu unterstützen."

1,4 Millionen Nutzer pro Jahr

Spitzenplatz Zusammen mit Berlin, Hamburg und Köln zählt die Stuttgarter Bibliothek zu den modernsten und größten Büchereien in Deutschland. Sie ist montags bis samstags von 9 bis 21 Uhr geöffnet. Ausleihen und zurückbringen kann man über eine Art Automatenbibliothek aber rund um die Uhr: Aus 34 Schubfächern kann man Medien nehmen oder hineinlegen. Das Ausleihen von Medien kostet pro Jahr 20 Euro, für alle unter 18 nichts. Stuttgart verfügt neben der Zentralbibliothek über weitere 17 Stadtteilbüchereien. In Heslach entsteht derzeit die 18. Filiale. Im Bestand sind insgesamt über 1,3 Millionen Medien. Jedes Jahr werden rund 20 000 Medien neu angeschafft. Bei 2,6 Millionen Benutzern, davon 1,4 Millionen im zentralen Haus am Mailänder Platz, hat jeder Stuttgarter im vergangenen Jahr zehn Bücher oder Medien ausgeliehen.

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