Schätze auf drei Stockwerken

Der Stuttgarter Kunstexperte Gert Nagel trennt sich von seiner Privatsammlung. Am 27. und 28. Januar lässt er sie im Auktionshaus, das ihm einst gehörte, versteigern. Noch sind die Objekte zu besichtigen.

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Gert Nagel mitten in seiner Sammlung. In den Händen hält er ein fast 250 Jahre altes Kastaniengefäß aus Porzellan.  Foto: 

Gert Nagel schmunzelt, fragt man ihn nach seinem Lieblingsobjekt. Und dann erst kommt die Antwort. "Das ist, wie wenn man von einer Mutter wissen will, welches ihr Lieblingskind ist. Wenn sie eines hätte, würde sie es nicht sagen. Und außerdem: Jedes Kind hat seine besonderen Vorzüge."

Die Frage nach dem Lieblingsobjekt geht also ins Leere. Aber ansonsten ist der Kunstexperte sehr auskunftsfreudig, wenn man mit ihm einen Rundgang durch seine 2000 Objekte umfassende Privatsammlung unternimmt. Sie ist auf drei Stockwerken im Auktionshaus Nagel an der Neckarstraße verteilt. Beredt gibt Nagel eine faszinierende Fülle an kunsthistorischen Details preis.

Nagel kennt jedes einzelne seiner Ausstellungsstücke und die Geschichte dahinter. Sie sind in der Tat wie seine Kinder. Und doch will er sich von ihnen trennen. Der Platz fehle ihm einfach, sagt er. Vergangenes Jahr hat er sein Haus im Allgäu verkauft, in dem ein Teil der Sammlung aufbewahrt war. Anlässlich seines 80. Geburtstags versteigert Nagel in einer Sonderauktion daher nun am 27. und 28. Januar seine Fayencen, Porzellane, Möbel, Gemälde, Sammlerteppiche sowie Zinn aus Württemberg. Bis zum 25. Januar sind sie zu besichtigen.

Auktionsteilnehmer, die die zu einem Großteil aus der Region stammenden Kunstobjekte erwerben möchten, könnten ein gutes Geschäft machen. Einige ältere Sammler seien mittlerweile verstorben, und die Jungen würden nicht im selben Umfang nachrücken, bedauert Nagel. Der ehemalige Inhaber des renommierten Stuttgarter Auktionshauses Nagel hat sich mit seinen Fachpublikationen und Fernsehauftritten als Sachverständiger der Sendung "Kunst und Krempel" des Bayrischen Rundfunks einen Namen gemacht hat. Sprichwörter und Redewendungen, die sich hinter den Exponaten verbergen, haben es dem Kunstexperten besonders angetan. Er plant ein Buch darüber. "Der ist keinen Schuss Pulver wert, sagt man doch", erzählt Nagel amüsiert. Bei der Steinschlosspistole um 1700 erklärt sich dieser Spruch von selbst. Und wer bei der alten Kaminsäge einst einen Zahn zulegte, der bewegte den Topf näher zur Feuerstelle. Ergo: Das Essen wurde schneller fertig.

Nagels Privatsammlung, die zuvor auch im Kleihues-Bau in Kornwestheim untergebracht war, umfasst vor allem bürgerliche sowie bäuerliche Antiquitäten und Kunst. Wer sich näher auf sie einlässt, erfährt viel über die Alltagskultur vergangener Zeiten. Dazu gehört auch der sorgsame Umgang mit Lebensmitteln. Der Ludwigsburger Kastanienbehälter aus Porzellan um 1770 etwa sorgt mit seinen Gitterdurchbrüchen für gute Belüftung, die blau-weiße Würzbierschale aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts enthält Siebbehälter für Gewürze. "Damit das Bier länger schmeckte", erklärt Gert Nagel. Und zu Zeiten, als Tulpen besonders wertvoll waren, verwendete man Tulpenvasen mit je einer Öffnung pro Pflanze.

Nagel-Auktionen gehört neben Lempertz in Köln sowie Ruef und Weinmüller in München zu den ältesten Auktionshäusern Deutschlands. Mit jährlich mindestens zwölf abgehaltenen Auktionen, zwischen 15.000 und 20.000 versteigerten Objekten und einem Jahresumsatz von bis zu 50 Millionen Euro nimmt das Unternehmen eine zentrale Position auf dem deutschen Kunstmarkt ein. Im Bereich der asiatischen Kunst wurde Nagel-Auktionen auch international zu einer gefragten Adresse.

Wer Erfolg als Auktionator haben möchte, der müsse ein guter Kaufmann sein, Kunstverständnis besitzen und nebenbei auch noch Dekorateur, Möbeltransporter und Werbeleiter sein, sagt Nagel. Derlei Fähigkeiten könnten nur wenige auf sich vereinigen.

Nagels Vater Fritz gründete 1922 in Mannheim eine Kunsthandlung und organisierte dort bereits zwei Jahre später die erste Kunstauktion. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte der Umzug nach Stuttgart. Die heutige Adresse in der Neckarstraße ist bereits der dritte Standort in der Landeshauptstadt. Nagel, ein gelernter Restaurator, übernahm 1965 die Leitung des familieneigenen Auktionsgeschäfts. 1990 zog er sich aus dem Unternehmen zurück, blieb jedoch als wichtiger Ratgeber erhalten.

Drei Versteigerungen in diesem Jahr

Sonderauktionen An den beiden Sonderauktionstagen bei Nagel-Auktionen, Neckarstraße 189 - 191, am 27. und 28. Januar, wird jeweils um 9.30 Uhr gestartet. Einzelne Sammelbereiche werden nacheinander versteigert. Näheres unter www.auction.de

Termine In Spezialauktionen verschiedener Sammelgebiete werden jeweils zweimal im Jahr asiatische Kunst, Sammlerteppiche, Ethnologica sowie moderne und zeitgenössische Kunst versteigert. Hinzu kommen Sonderversteigerungen wie Schlossauktionen oder Sammlungsauflösungen. Die Termine 2016: Am 13. April versteigert Nagel Kunst und Antiquitäten (Besichtigung 8 bis 11. April, 11 bis 18 Uhr), am 11. Mai moderne und zeitgenössische Kunst (Besichtigung 6. bis 9. Mai, ebenfalls 11 bis 18 Uhr).

 

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