Premiere mit kleinen Schwächen

Gestern wurde erstmals eine Stuttgarter Gemeinderatssitzung in Gebärdensprache übersetzt. Etwa 30 gehörlose Menschen verfolgten die Debatte.

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Im Ratssaal groß im Bild: der Gebärdensprachdolmetscher.  Foto: 

Andreas Döhne ist von Geburt an schwerhörig. Sein Handicap ist so ausgeprägt, dass er ohne ein Cochlea-Implantat kein normales Gespräch führen könnte. Der 50-jährige Sachbearbeiter im städtischen Sozialamt von Stuttgart verfügt aber über eine besondere Fähigkeit: Er beherrscht die Gebärdensprache: "Die habe ich mit 30 Jahren gelernt." Das versetzt ihn in die Lage, besonders gut zu beurteilen, wie eine Übersetzung in die Gebärdensprache gelingt.

Döhne saß am Donnerstagnachmittag mit etwa 30 gehörlosen Menschen auf der Empore des Stuttgarter Ratssaals und verfolgte mit ihnen eine Premiere. Die Debatte wurde in die Gebärden- und in die Schriftsprache übersetzt. Das gab es vorher laut Gehörlosenverband Baden-Württemberg noch nie in einem deutschen Gemeinderat. Zwei Gebärdensprachdolmetscher, die sich ablösten, waren auf einem etwa drei mal zwei Meter großen Bild zu beobachten. Darunter lief ein Schriftband in großen Lettern.

Kleine Fehler machten deutlich, dass die Mitarbeiter des Münchner Unternehmens Verbavoice, das online die Übersetzung besorgte, keine Stuttgarter sind. Das Rosensteinviertel mutierte da zum "großen Stein-Viertel". Und manchmal kam der Sprachübersetzer nicht nach mit dem Schreiben, und so fielen Worte weg. Als Hannes Rockenbauch (SÖS-Linke-PluS) von "finanzpolitischem Schwachsinn" redete, war auf dem Schriftband nur von "Schwachsinn" zu lesen.

Ein anderer Mangel, den Döhne bemerkte: Die Gebärdendolmetscher übersetzten mit ziemlicher Zeitverzögerung. Sie waren als Gebärdenmuttersprachler auf die ebenfalls mit Verzögerung laufende Schriftübersetzung angewiesen, deshalb die Simultanitäts-Schwächen. Daniel Büter, Geschäftsführer des Landesverbands der Gehörlosen: "Da wäre es besser, wenn ein hörender Gebärdensprachdolmetscher eingesetzt werden würde."

Dennoch: Döhne findet es "ganz toll, dass überhaupt der erste Schritt gemacht worden ist". Und Büter ist "sehr stolz" darauf, dass Stuttgart bei der Gebärdensprachübersetzung den Vorreiter macht unter den deutschen Städten. Endlich werde die UN-Konvention von 2009 umgesetzt. Sie verpflichtet die Staaten, Menschen mit Behinderung zur Teilhabe am öffentlichen Leben zu verhelfen.

Schwächen bei der Technik will die Stadt ausbügeln. Sie bittet jetzt die Hörgeschädigten um ihr Urteil.

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