Politik-Stars und Neulinge

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Cem Özdemir ist einer von zwei Partei-Bundesvorsitzenden, die in Stuttgart kandidieren.  Foto: 

Die Spannung steigt. Nur noch neun Tage sind es bis zur Bundestagswahl. Über 95 000 Stuttgarter haben sich schon per Briefwahl entschieden. Am 24. September können dann die restlichen Bürger in 349 Wahllokalen an die Urnen treten. Wen sie dort wählen können? Wir geben einen Überblick.

CDU: Die Platzhirsche in Stuttgart sind die Christdemokraten. Der Wiedereinzug von Karin Maag (Wahlkreis II) über die Erststimme gilt als so sicher, dass die Christdemokratin sich gar nicht erst auf die Landesliste setzen ließ. 2013 löste sie mit 43,8 Prozent der Erststimmen nach 2009 abermals das Abgeordneten-Direktticket. Die 55-jährige Juristin leitete als Stadtdirektorin von 2003 bis 2007 das Büro des damaligen OBs Wolfgang Schuster (CDU), bis zum Wechsel nach Berlin war sie als Ministerialdirigentin im Landtag für die Verwaltung zuständig.

Stefan Kaufmann, Nummer sieben der Landesliste, ist ebenfalls nicht gefährdet. 2009, als Bezirksbeirat in Sillenbuch und Vorsitzender der CDU-Ortsgruppe, gewann der 48-jährige Jurist vor Cem Özdemir das Direktmandat im Wahlkreis I, und auch vier Jahre später ließ er den grünen Spitzenpolitiker und Ute Vogt (SPD) hinter sich. Beim Christopher-Street-Day warb die CDU intensiv mit dem Gesicht Kaufmanns. Als Homosexueller lebt er in einer Lebenspartnerschaft und sprach sich im Juni im Bundestag für die Ehe für alle aus.

SPD: Zur Politik-Prominenz in Stuttgart zählt die Sozialdemokratin Ute Vogt (Wahlkreis I). Die ehemalige stellvertretende Bundeschefin und Landesvorsitzende war unter Schröder Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister des Innern – und sitzt seit den 90ern im Bundes- oder Landtag. Trotz dieser Expertise wird die 52-Jährige auch bei dieser Wahl das Direktmandat wohl nicht erringen und muss auf einen Einzug über die Landesliste bauen. Dort belegt sie Platz neun. Für Michael Jantzner  (Wahlkreis II) auf Platz 30 ist dies eher aussichtslos.

Grüne: Dass der grüne Bundesvorsitzende Cem Özdemir wieder in den Bundestag einziehen wird, kann man getrost voraussetzen – ob übers Direktmandat, ist trotz seiner Popularität unwahrscheinlich. Bereits zweimal musste sich der 51-Jährige in seinem Wahlkreis I dem Christdemokraten Kaufmann beugen, und auch in diesem Jahr sprechen die Prognosen eine deutliche Sprache. Immerhin: Als Nummer zwei auf der Landesliste ist der Einzug des „anatolischen Schwaben“ in den Bundestag kaum in Gefahr.

Die promovierte Politikwissenschaftlerin Anna Christmann (Wahlkreis II) hingegen ist ein Neuling. Sie arbeitet im Wissenschaftsministerium und steht auf der Landesliste auf Platz elf. Bei einem guten Abschneiden der Grünen könnte für sie ein Mandat durchaus erreichbar sein.

AfD: Lothar Maier (Wahlkreis II), der die AfD im Stuttgarter Gemeinderat vertritt, ist der Zweite auf der  Landesliste und kann sich damit auf den Einzug ins Parlament einstellen. Erfahrung in der noch jungen Partei hat der 73-Jährige. Bis vor wenigen Monaten war der emeritierte Hochschul-Professor AfD-Landesvorsitzender. Dirk Spaniel, Landeslistenplatz zehn, ist dagegen politisch noch kaum in Erscheinung getreten. Dafür will der 45-jährige promovierte Daimler-Ingenieur im Wahlkreis I mit Islamkritik, einem Abgesang auf „die sogenannten Leitmedien“ oder der Warnung vor der „ideologischen Pseudowissenschaft Genderlehre“ punkten. Auch bei ihm ist ein Einzug in den Bundestag bei einem guten Ergebnis der AfD nicht ausgeschlossen.

FDP: Judith Skudelny (Wahlkreis I) will‘s wieder wissen. Die 41-jährige Anwältin war schon mal im Bundestag, von 2009 bis 2013, und hat dort seinerzeit als erste Abgeordnete, die ihr Baby zur konstituierenden Sitzung mitnahm, Aufsehen erregt. Nun will sie zurück nach Berlin. Die Chancen der Generalsekretärin der Landes-FDP und Vorsitzende der Liberalen Frauen im Land sind sehr gut, immerhin tritt sie auf dem zweiten Listenplatz an. Für Volker Weil im Wahlkreis II sieht es auf Platz 35, dem drittletzten, hingegen düster aus. Der 49-jährige Vertriebsleiter bei einer IT-Firma wird wohl Bezirksbeirat in Vaihingen bleiben.

Linke: Bernd Riexinger, einer der Parteivorsitzenden der Linken, glänzt für den Wahlkreis II auf Platz eins der Landesliste. Der 61-Jährige, geboren in Leonberg, ist bislang kein Mitglied des Bundestags, bringt aber als ehemaliger Spitzenkandidat für die Landtagswahl 2016 Wahlkampferfahrung mit. Als langjähriger Stuttgarter Verdi-Geschäftsführer hat er ohnehin schon häufig einen langen Atem bewiesen.

Johanna Tiarks (Wahlkreis I), auf Platz elf mit schwachen Aussichten, ist hingegen ein unbeschriebenes Blatt. Die 35-jährige Lehrerin für Pflegeberufe lebt mit ihrem Sohn in einer „Einelternfamilie“, wie sie sich online ausdrückt, und engagiert sich in Gewerkschaften und Berufsverbänden.

Wahlberechtigt sind 376 000 Stuttgarter, darunter 19 000 Erstwähler. Der Wahlkreis I deckt elf südliche Bezirke ab, der Wahlkreis II die restlichen zwölf im Norden. Die Stuttgarter sind fleißige Urnengänger. Mit 76,7 Prozent lag die Wahlbeteiligung 2013 über dem Bundesschnitt (71,5).

Stadtweit gibt es aber große Schwankungen. Wählerhochburgen sind Gebiete, in denen Wohlhabende wohnen, etwa die Halbhöhenlagen im Norden und Westen sowie auf den Fildern. Geringer ist die Beteiligung in den Gebieten entlang der Neckartalachse, im Osten Feuerbachs, im Nordbahnhofsviertel, in der Innenstadt und in Großwohnsiedlungen wie im Hallschlag.  car

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