Pfarrer dichten um die Wette

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Clubatmosphäre in der Kirche: Moderator Timo Brunke mit Teilnehmerin Sabine Löw. Sie fragte: Was will das Evangelium uns sagen?  Foto: 

Die Kirchenbänke sind besetzt – alle. Ja, ist denn heut‘ schon Weihnachten? Nein, es ist „Preacher Slam“ in der evangelischen Steigkirche in Cannstatt. Eine Premiere, die es in sich hat. Vieles ist anders als sonst. Kein Pfarrer auf der Kanzel, stattdessen tauchen Scheinwerfer die Empore vorm Altar in buntes Licht, kündigen Rock-Klassiker („Knocking on Heaven‘s Door“, „Thunder“) in voller Lautstärke die Akteure an. Akteure? Ja, am Freitagabend sind Pfarrer nicht einfach nur Prediger, sondern auch Poeten, ach was, Performance-Künstler. Sie stellen sich dem Dichterwettstreit nach dem Vorbild des „Poetry Slam“, wagen ein Experiment, wie Moderator Timo Brunke es nennt. Der kündigt die Teilnehmer später wie Rockstars an.

Es ist ein Wortgefecht auf hohem Niveau, das sich die vier Frauen und sechs Männer liefern. Sie tragen selbstverfasste Texte vor, die sich mal mehr, mal weniger mit dem Glauben befassen. Die manchmal biografisch und oft humorvoll daherkommen. Die abwechslungsreich und klug sind,  frech, provozierend, nachdenklich, vor allem aber originell.

Jeder Teilnehmer hat nur sechs Minuten Zeit, um das Publikum zu überzeugen. Die Intensität des Applauses entscheidet am Ende, wer die Nase vorn hat. Sabine Löws Beitrag kommt an. Die Pfarrerin aus Stuttgart-Weilimdorf schwäbelt mit rot geschminkten Lippen und im Leoparden-Outfit munter drauflos und knipst dabei Selfies. Ihr Thema: Was will das Evangelium uns sagen?

Christian Leidig, Pfarrer aus dem Stadtteil Birkach, fragt sich: „Was wäre, wenn die Kirche nur noch ein Jahr zu leben hätte?“, und Pfarrer Philipp Dietrich aus Neuenstadt am Kocher (Kreis Heilbronn) beklagt sich: „Alles verluthert in diesem Jahr.“ Sein Statement: „Ich bin gegen Reformation“. Jubel aus dem Publikum.

Laienprediger Manfred Stauss führt im Wartezimmer eines Venenspezialisten ein gedankliches Gespräch mit Gott und springt thematisch von der Gewebs- zur Gebetsschwäche. Stephan Mühlich, Studierendenpfarrer in Stuttgart-Vaihingen, zeigt mit seinem Vergleich von Karpfen und Koi nicht nur pantomimisches, sondern auch komödiantisches Talent. Seine Botschaft? Dass „nicht mal mehr die Christen verstehen, was Gott ihnen sagen will“. Damit schafft er es ins Finale.

Mühlichs Konkurrent: Christof Messerschmidt aus Lorch im Ostalbkreis. Der Pfarrer denkt laut darüber nach, was wäre, wenn auf der Welt plötzlich Frieden herrschte, „wenn Alice Schwarzer Donald Trump küsste – mit Zunge?“ Beim Stechen (beide müssen abschließend einen Bibeltext adaptieren) überzeugt Messerschmidt mit seiner Version des Vaterunser. „Geheiligt werde deine Namensänderung. Dein Williamschrist geschehe wie in der Himmelstür, so im Erdgeschoss.“

Die Trophäe ist seine, eine goldene Bibel auf einem Sockel, inklusive Kreuz und Fernsehturm. Doch der Sieger wird sie vermutlich nicht behalten können, denn wenn sich Til Bauers Wunsch erfüllt, soll sich der „Preacher Slam“ in Stuttgart etablieren und die Trophäe zum Wanderpokal werden. Einen Namen hat der schon: „Stuttgarter SlamSteiger“. Der Pfarrer der Cannstatter Steigkirche hat den Abend organisiert und selbst mit einem Text zum Dichter-Wettstreit beigetragen. Sein Wunsch: Kirche soll Spaß machen.

Dass der „Preacher Slam“ nicht nur den Geistlichen selbst Vergnügen bereitet, ist von Anfang bis Ende spürbar. Ursula, 63, sitzt mit einem Glas Sekt in der Hand in einer der hinteren Reihen. Es ist ihr erster Slam. „Den Glauben auf diese Art und Weise zum Thema zu machen, finde ich gut“, sagt sie. Die lockere Atmosphäre und der außergewöhnliche Blickwinkel begeistern sie.

Entwicklungspotenzial sieht dagegen die jüngere Generation. Cosima, 20, ist mit dem Jugendkreis der Landeskirchlichen Gemeinschaft Rommelshausen im Remstal nach Bad Cannstatt gekommen. Ihr Fazit: eine gute Veranstaltung, die noch ein kleines bisschen moderner sein könnte. „Wie auf Youtube, mehr aus dem Leben.“ Kann ja noch werden, beim nächsten Mal.

Premiere Ein „Poetry Slam“ mit christlicher Botschaft – für Stuttgart war die Veranstaltung am Freitag eine Premiere. In Deutschland gibt es dieses Format bereits seit 2010. Damals ging der erste „Preacher Slam“ mit Theologie-Studenten an der Uni Marburg über die Bühne. Seitdem ist er fester Bestandteil des evangelischen Kirchentags.

Rosenau Alles andere als neu ist der moderne Dichterwettstreit unter Poeten. Timo Brunke war es, der 1999 den „Poetry Slam“ in der Stuttgarter Rosenau erstmals auf die Beine stellte. Auch heute noch findet die Veranstaltung in der Lokalität an der Rotebühlstraße regelmäßig statt – das nächste Mal am 3. Dezember, 20 Uhr. Zwei weitere feste Slam-Orte sind der Keller-Klub (nächster Termin: 19. November, 20 Uhr) und das Jugendhaus Mitte (16. November ab 20 Uhr). nad

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