Perspektiven für die freie Tanzszene

Im Produktionszentrum Tanz und Performance in Stuttgart finden freie Tänzer und Choreografen Probenräume und Hilfe bei der Professionalisierung.

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Zuversichtlich: Isabelle Ohst, Geschäftsfüherin des Produktionszentrums Tanz und Performance  Foto: 

Wie ein riesiger Stacheldraht vor dunklen, leeren Behältern wirkt das Lattengeflecht einer Rauminstallation im „Produktionszentrum Tanz und Performance“ in Feuerbach. Isabell Ohst, seit eineinhalb Jahren Geschäftsführerin, führt durch die Ausstellung „Vorwärts“ mit Arbeiten der Performancekünstlerin und Bildhauerin Helga Kellerer. „Diese Arbeit ist ein symbolisches Werk für die Situation der freien Szene“, sagt Ohst. Große Hindernisse müssten überwunden werden, damit freie Tänzer und Choreografen in der Landeshauptstadt an Probenräume und Aufführungsorte kommen.

Vor 20 Jahren entstand das Produktionszentrum aus einer Initiative freier Künstler, vornehmlich aus der Tanzszene. Dazu gehörten unter anderem Marco Santi, der im Rotebühlzentrum das Tanzfestival „Solo Tanz Theater“ veranstaltet, und die Choreografin Catarina Mora, die das Stuttgarter Flamenco-Festival ins Leben gerufen hat. Eine private Spende an die Stadt gab die Initialzündung für die seit 2000 bestehende Förderung. „Aktuell erhält das Produktionszentrum eine jährliche Förderung von 73 000 Euro“, sagt Werner Stiefele vom Kulturamt.

Seit 2010 befindet sich das Produktionszentrum, das mehrere Umzüge hinter sich hat, in einem älteren Gebäude, einer früheren Brauerei an der stark befahrenen Tunnelstraße, die von Feuerbach hoch zum Pragsattel führt. Der große Saal wird für Proben und Profitrainings genutzt. Das Produktionszentrum, das 50 Mitglieder zählt, ist vor allem eins: ein Probenort. Für größere Aufführungen fehlen Tribüne und entsprechende Technik.

Ohst, die zuvor für die Kunststiftung Baden-Württemberg im Kulturmanagement tätig war, betreibt nun im Produktionszentrum Lobbyarbeit für die freie Tanzszene, gibt Hilfestellung bei der Professionalisierung. So hilft sie bei Bewerbungen für Projekte oder Fördergelder, bietet Workshops an.

Im großen Tanzsaal probt gerade die Stuttgarter Tänzerin und Choreografin Juliette Villemin an einem Solostück zum Thema „Schweben, fliegen, fallen“. Für eine Wiederaufnahme fehlt ihr derzeit ein Spielort. „Es ist ein ständiges Jonglieren“, beschreibt sie ihre verzweifelte Suche nach Aufführungsorten. Im Zentrum für Figurentheater habe man ihr eine Möglichkeit gegeben. Andere ergattern im Theater Rampe ein Plätzchen. Die besondere Krux: Häufig gibt es erst eine Projektförderung, wenn ein Spielort vorhanden ist.

Doch es hat sich eine neue Perspektive entwickelt. Die Stadt plant im Ergänzungsbau des Theaterhauses für Proben- und Aufführungsräume für Gauthier Dance auch einen eigenständigen Bereich für die freie Szene. OB Fritz Kuhn und Finanzbürgermeister Michael Föll räumten dem Ergänzungsbau in einem Entwurf des Doppelhaushalts 2018/2019 rund 40 Millionen Euro ein.

Zusammen mit Laura Oppenhäuser und Bernhard Eusterschulte – sie vertreten die Interessen der freien Theaterszene – hat Ohst im Dialog mit der Stadt räumliche und personelle Anforderungen für eine eigene Spielstätte der freien Szene dort erarbeitet. „Da gehören ein Bühnenraum, ein Probenraum, Büros, ein eigenes Foyer und ein separater Eingang dazu“, erklärt Eusterschulte. Die Spielstätte soll in jedem Fall als eigenständiger Bereich wahrgenommen werden.

Ohst, Oppenhäuser und Eusterschulte wollen jedoch nicht nur warten, bis die eigene  Spielstätte kommt, sie wollen bereits jetzt Verbesserungen für die freie Szene erzielen, deren Struktur bündeln. „Wir haben einen Plan für die Interimsphase ausgearbeitet“, sagt Ohst. Am heutigen Dienstag wird dieser der Stadt präsentiert.

„Jede größere Stadt hat ein Haus für die freie Szene“, sagt Ohst und zählt Berlin, Hamburg, Frankfurt und auch Mannheim auf, das erst kürzlich sein „Eintanzhaus“ eröffnete. Der ambitionierten Chefin im Produktionszentrum ist viel daran gelegen – neben der Strahlkraft der großen Häuser – ein Bewusstsein für die freie Szene in Stuttgart zu schaffen.

Tanztheater Das „Ost“, ein altes Straßenbahndepot im Stuttgarter Osten, war für fast ein Jahr eine feste Spielstätte für Stuttgarts freie Tanz- und Theaterszene. Doch im Sommer 2015 mussten die Künstler das Gebäude verlassen. Danach lag die Hoffnung der freien Szene für eine feste Spielstätte auf dem Kreativ-Zentrum IW8 in Feuerbach. Doch die Pläne zerschlugen sich, der Gemeinderat willigte nicht ein, das IW8 entsprechend kostenintensiv auszubauen. Nun scheint der Wille der Stadt da zu sein, im geplanten Ergänzungsbau des Theaterhauses auch eine eigene Spielstätte für die freie Szene unterzubringen – zusätzlich zu den Räumen von Gauthier Dance.

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