Pendeln kostet 16 Tage pro Jahr

Mitten im vierten Feinstaub-Alarm ist Stuttgart erneut zu Deutschlands Stauhauptstadt gekürt worden. Die Forderungen nach Fahrverboten ebben derweil nicht ab - genauso wie die Kritik daran. Mit einem Kommentar von Dominique Leibbrand: Fehlende Signale.

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Für Pendler in Stuttgart ein bekanntes Bild: Stau.  Foto: 

Verkehrstechnisch betrachtet passiert der GAU am Abend des 18. Juni 2015: Ein Helene-Fischer-Konzert fällt mit dem für die Landeshauptstadt typischen Feierabendverkehr zusammen. Tausende Pendler treffen auf 40.000 Fischer-Fans, die in die Mercedes-Benz-Arena wollen. Die Folge: Nichts geht mehr. Der Verkehrsindex 2015 des Navigationsgeräteherstellers Tomtom, der am Dienstag offiziell vorgestellt wird, kommt zum Schluss: Jener regnerische 18. Juni war mit Blick auf die Verkehrsbelastung im vergangenen Jahr der schlimmste Tag für Stuttgart.

So schlimm wie damals ist es in der Schwabenmetropole nicht jeden Tag - doch schlimm genug, dass Stuttgart im Deutschlandvergleich laut dem Verkehrsindex nach wie vor Stauhaupstadt Nummer eins ist. Hamburg, Köln, München und Berlin liegen dahinter. In der Landeshauptstadt verloren Pendler demnach 133 Stunden (entspricht 16 Arbeitstagen) auf dem Weg. Im Schnitt sind sie täglich fast 20 Minuten länger unterwegs, als sie ohne Stau benötigen würden. In den Stoßzeiten summiert sich die Zahl auf bis zu 37 Minuten Zeitverlust.

Dienstagmorgens zwischen 8 und 9 Uhr und donnerstagabends zwischen 17 und 18 Uhr brauchten die Pendler besonders starke Nerven, sagt Thomas Hüffler von Tomtom. Insgesamt hat sein Unternehmen 25.000.000 Kilometer ausgewertet, die auf 3374 Kilometern Straßennetz in Stuttgart und Umgebung von Autos gefahren wurden. Die Datengrundlage speist sich aus verschiedenen Echtzeit-Quellen - unter anderem aus Navis und Mobiltelefonen.

Der Tomtom-Konkurrent Inrix hat seinen Verkehrsindex bereits vergangene Woche veröffentlicht. Er operiert mit anderen Zahlen, die Botschaft aber ist dieselbe. Den Anstieg der Staus im Vergleich der Jahre 2014 und 2015 taxiert das Unternehmen auf ein Plus von 14 Prozent. Das sei der höchste Anstieg in ganz Europa. "Stuttgart ist Opfer seines eigenen Erfolgs, mit einem soliden Arbeitsmarkt und einer wachsenden Wirtschaft, die mehr Autopendler, mehr Investitionen und somit folglich mehr Verkehr anzieht", sagt Inrix-Chef Bryan Mistele.

Die Effekte sind bekannt: Feinstaub- und Stickstoffdioxid-Konzentrationen, die zu oft über den EU-Grenzwerten liegen. Um gegenzusteuern, appelliert OB Fritz Kuhn (Grüne) seit Jahresanfang an die Autofahrer in der Metropolregion, freiwillig auf Bus und Bahn umzusteigen. Vier Feinstaub-Alarme hat er seit Januar ausgerufen - der vorläufig letzte und längste endet heute um Mitternacht frühzeitig, nachdem sich günstigere Wetterverhältnisse angekündigt haben.

Beim ersten Feinstaub-Alarm im Januar hatten die Behörden rund drei Prozent weniger Autos im Talkessel gezählt - 20 Prozent sind das Ziel. Jetzt liegen auch Werte für den zweiten Alarm vom 26. bis 28. Februar vor. Nach Angaben der Stadt ging der Verkehr seinerzeit im Tagesdurchschnitt um rund zwei Prozent zurück. Stärker sei der Rückgang in den Stoßzeiten am Freitag, 26. Februar, gewesen. Bedeutet: morgens vier Prozent weniger, abends sechs Prozent weniger Autos auf Stuttgarts Straßen. Laut dem Leiter der Integrierten Verkehrsleitzentrale, Ralf Thomas, führte das dazu, "dass der Verkehr am Freitagmorgen nahezu verstetigt wurde". Thomas: "Wir mussten kein einziges Mal lenkend in den Verkehr eingreifen." Flankierend dazu sprechen die Mobilitätspartner Moovel und Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart, die noch bis 15. April Feinstaub-Aktion laufen haben, von steigenden Absatzzahlen.

Bekommt Stuttgart sein Luftproblem nicht in den Griff, drohen von der EU Strafzahlungen in Millionenhöhe, die das Land tragen müsste. Ab 2018 könnten deshalb Fahrverbote eingeführt werden. Umweltorganisationen ist das zu spät - sie fordern sofortige Verbote. Anders als die Stuttgarter Handwerker, die sich gestern gegen Fahrverbote ausgesprochen haben. Der wirtschaftliche Schaden könne für manche Betriebe "ruinös" sein, sagte der Kreishandwerksmeister Alexander Kotz. Das hiesige Handwerk habe eine Flotte von rund 25.000 Fahrzeugen, die man kurzfristig nicht austauschen könne, so Kotz, der auch CDU-Fraktionschef im Gemeinderat ist. Er signalisierte die Bereitschaft des Handwerks, auf Elektroantriebe umzusteigen - die Zeit dazwischen müsse überbrückt werden. Im Falle von Fahrverboten müsse es Ausnahmeregelungen geben.

Kommentar von Dominique Leibbrand: Fehlende Signale

Feinstaub-Alarm - dem Gros der Pendler entlockt das nur noch ein Gähnen. Warum? Weil der Alarm nach vier Wiederholungen in drei Monaten zur Routine geworden ist. Weil jenen, die trotzdem mit dem Auto kommen, keine Konsequenzen drohen. Und weil die schlechte Luft größtenteils von Einpendlern verursacht wird, die nicht damit leben müssen.

So sind die Effekte der bisherigen Alarme überschaubar. Zwischen zwei und sieben Prozent weniger Autos wurden bei den ersten beiden Alarmen im Talkessel gezählt - ganzjährig 20 Prozent weniger hat OB Fritz Kuhn aber als Ziel ausgegeben. Über die mangelnde Resonanz muss man sich jedoch nicht wundern. Nur wer gute Alternativen sieht, ändert sein Verhalten.

Und daran hapert's: Zigtausenden Pendlern, die keine Zuschüsse bekommen, ist der öffentliche Nahverkehr zu teuer. Verbilligte Tickets gab es bislang nur als vorläufige Aktion. Ab Herbst planen Stadt und Land zwar eine Verlängerung des Angebots. Aber eben nur während der Feinstaub-Alarme. Die wiederum werden wegen des Wetters nur im Winter ausgerufen - die restliche Zeit müssten Fahrgäste die regulären Tarife bezahlen. Ein echtes Signal in Richtung Bus und Bahn sieht anders aus.

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Kommentare

31.03.2016 22:34 Uhr

Zeit.

Immer diese seltsamen Zeit-Hochrechnungen, der totale absolute Schwachsinn.
Da stellt sich mir wieder die Frage der schnelle.
Wenn 8 Mann ein Mehrfamilienhaus in 6 Monaten errichten, wie lange brauchen dann 40 Mann, sie müßten doch das eigentlich in drei Wochen schaffen. Oder stimmt die Rechnung nicht.

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31.03.2016 21:30 Uhr

CDU fordert Aus für Feinstaubalarm ...

und sorgt sich um das Image der Landeshauptstadt. Heuchlerischer geht's wohl nicht mehr. Dieses Image ist längst versaut, denn diese Maulhelden haben uns doch die ganze Chose um S21 eingebrockt und beschweren sich jetzt über die Konsequenzen, die mit dem systematischen Rückbau der Bahninfrastruktur, dem permanenten S-Bahn-Chaos aufgrund der Baumaßnahmen, dem immensen Schadstoffausstoß der Baufahrzeuge und der Nachverdichtung im Kessel einhergehen.

Die CDU hat immer noch nicht begriffen, dass sie im Ländle unerwünscht ist!

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.luftreinhaltung-in-stuttgart-cdu-fordert-aus-fuer-feinstaubalarm.2eaf2e62-12fa-4b0e-94dd-b376f3061408.html

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31.03.2016 19:35 Uhr

Die falschen Signale gesetzt

Selber schuld, ohne Schrott 21 würde kein Fahrverbot drohen, denn für weitaus sinnvollere Maßnahmen gegen den Feinstaub wie Untertunnelung der Bundesstraßen, ein attraktiver ÖPNV mit einem dritten S-Bahn-Gleis auf der Stammstrecke, Verlängerung aller U-Bahnsteige auf 80 m für Doppeltraktion der Stadtbahnzüge oder die Taktzeiten verkürzen werden durch Murks 21 verunmöglicht, weil man das Geld lieber in ein Milliardengrab ohne Nutzen schüttet.

Angeleiert von biederen Provinzpolitikern, die dieses Schwachsinnsprojekt gegen jegliche Vernunft durchpeitschen und jetzt den Feinstaubalarm abschaffen wollen. Da hift nur noch schnellstmöglichst abwählen und abwatschen, was mit den Wahlverlierern CDU und SPD jüngst ja auch geschehen ist.

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22.03.2016 15:41 Uhr

"Die paar Sekunden Zeitverlust...

...sind doch ein Klacks", kriegen wir Pendler und Gewerbetreibenden von Tempo-30-Anhängern und auch manchem Jounalisten stets auf's Brot geschmiert, wenn wieder einmal eine wichtige DURCHGANGSSTRASSE von 50 km/h auf 30 km/h Höchstgeschwindigkeit abgesenkt wird.

Dann rechnete die Bürgerinitiative Pro Tempo 50 vor, dass auch "die paar Sekunden", die man auf EINER Pendelstrecke wie Unterkirchberg, Wiblingen und anderswo verliert, in Summe schnell mal 2 bis 3 verlorene Arbeitstage im Jahr ausmachen. Leute, die nicht rechnen können, stellten das als "lächerlich" dar, sich wegen der paar Sekunden Zeitverlust "so aufzuregen" - wohl mangels Grundschulmathematikkenntnissen.

Da tut es gut, zu sehen, dass diese einfache Erkenntnis und traurige Realität nun auch in der Presse angekommen ist, wenn auch im Kontext des Staus: "In der Landeshauptstadt verloren Pendler demnach 133 Stunden (entspricht 16 Arbeitstagen [exakt 16,625 AT a 8 h, also eher 17 als 16 und bei oft üblicher 35h-Woche, also 7h-Tagen dann 19 AT!]) auf dem Weg."

In Anbetracht der ohnehin immer schlechter werdenden Verkehrsinfrastruktur brauchen wir Pendler und Autofahrer keinerlei weitere Beschränkungen unserer Mobilität. Dazu zählen neben unsinnigen Geschwindigkeitsbeschränkungen jedweder Art und auf jedweder Straßenform auch fragwürdige "Feinstaub-Alarme", die ohnehin nur auf Wetterprognosen und nicht gemessenen Fakten basieren. Wo es keine vernünftigen Alternativen gibt, greift man automatisch auf's Auto zurück, Feinstaubalarm hin oder her. Gäbe es vernünftige Alternativen, würden diese auch mehr genutzt. Vernünftig heisst: vergleichbar schnell, ortsnah, sauber, sicher, komfortabel und kostengünstig. Wäre das gegeben, würden viele das Auto auch mal stehen lassen (allein schon in Stuttgart, um die lästige Parkplatzsuche zu sparen).

Stuttgart hat ohnehin das Pech, ein "Kessel" mit wenig Luftaustausch zu sein. Leider wird dies nicht von der EU-Gesetzgebung berücksichtigt, die in solchen "schwierigen Lagen" ggf. höhere Grenzwerte oder längere Übergangsfristen gewähren hätte sollen. Hinzu kommt der Fakt, das nur ein kleiner Teil des Feinstaubs durch Individualverkehr erzeugt wird - folglich kann eine (hier sogar nur geringe) Reduktion des Individualverkehrs auch nur einen marginalen Beitrag zur Feinstaubreduktion leisten.

Traurig auch, dass Umweltorganisationen - die keinerlei Beitrag zur Wirtschaftleistung beisteuern - wieder nur sofortige Verbote fordern. Im Fordern und auf andere zeigen und Alarmismus betreiben sind sie groß, wohl um damit den Menschen ein schlechtes Gewissen zu machen, damit diese - dem Ablasshandel gleich - es durch Spende an die "guten Umweltschützer" beruhigen. Sie leben von diesem Geld, daher werden sie bis in alle Ewigkeit irgendwelche Themen suchen, mit denen sie Panik verbreiten, Geld eintreiben und Verbote fordern können.

Und dann leiden die Stuttgarter Handwerker und Pendler unter den Verboten, obwohl sie diejenigen sind, die wirtschaftlich etwas leisten.

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