Nur einmal böse angehupt

Rote Lastenräder gehören seit Kurzem zum Straßenbild Stuttgarts: Die Firma „Velocarrier“ setzt auf nachhaltigen, umweltfreundlichen Transport.

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Kurierfahrer Michael Fritz unterwegs auf der Schwabstraße im Stuttgarter Westen.   Foto: 

Angesichts der wuchtigen, rechteckigen Box, die Michael Fritz auf seinem Fahrrad befördert, müsste er eigentlich abgekämpft aussehen. Doch der 36-jährige Angestellte der Firma „Velocarrier“ macht fast einen ausgeruhten Eindruck, als er am Dienstagnachmittag den Anstieg der Schwabstraße Richtung Bismarckplatz hinaufradelt. Das Geheimnis lüftet sich beim genauen Blick auf das Zweirad: Es ist ein Pedelec der Mössinger Firma „Radkutsche“.

 „Der E-Motor übernimmt ziemlich schnell“, sagt Fritz, der statt eines Helms eine rote Baseballkappe trägt. Treten müsse er schon ordentlich. Ein Supersportler brauche man trotzdem nicht zu sein, um als Kurier zu arbeiten. „Das ist konditionell alles im Rahmen“, sagt er. Fritz hat gerade seine Ausbildung zum Sport- und Gymnastiklehrer abgeschlossen, als Radkurier arbeitet er nun übergangsweise. Den Job findet er ideal: Fabrikarbeit oder Kellner, das sei nichts für ihn. „Man hat seine Ruhe, liefert einfach die Päckchen ab, und hat oft eine tolle Aussicht“, erzählt er.

Denn das Geschäftsgebiet von „Velocarrier“ erstreckt sich über alle Stuttgarter Stadtteile, ist nicht nur auf den Talkessel beschränkt. So radelt Fritz mitunter raus bis nach Plieningen oder Weilimdorf. Und die Autofahrer? „Ich kann nicht klagen“, bekundet der Kurier. Ein einziges Mal sei er böse angehupt worden, als er im Tunnel auf der B14 von Cannstatt kommend radelte. „Ansonsten sind die Leute nett, viele sprechen mich auf das Rad an“, so Fritz.

„Musketier“ heißt das Gefährt des Kuriers. Es ist eines von einem Dutzend derzeit in Stuttgart eingesetzten Rädern. Pakete bis zu einem Gewicht von 250 Kilogramm könnte Fritz darin maximal transportieren. Heute ist er weit davon entfernt: „Ich habe jetzt drei, vier Päckchen à ein oder zwei Kilo dabei“, sagt der 36-Jährige. Es geht zum Westbahnhof, wo er Pakete bei einem Kunden abholt und sie anschließend beim DPD-Stand am Feuersee abliefert. 35 Stunden die Woche fährt der fest angestellte Fritz derzeit durch Stuttgart, drei Stunden hat seine längste Tour gedauert. Auf 30 Stundenkilometer bringt es das Pedelec, schätzt Fritz.

Im Quartier von „Velocarrier“ in der Schwabstraße fühlt sich derweil alles noch nach Aufbruch und Provisorium an. Aus den kahlen Wänden ragen Kabel und Leitungen heraus, der Wandschmuck beschränkt sich bislang auf Bohrlöcher. Im Mai hat das Unternehmen die Räumlichkeiten bezogen.

Vertriebsleiter Sebastian Bühler sieht in der Landeshauptstadt ideale Bedingungen für das Geschäft mit den Lastenrädern. „Parken in Stuttgart ist überteuert, die Lieferwagen der Paketzusteller verstopfen die Straßen“, fasst er zusammen. Für die Anbieter sei es unwirtschaftlich, in die Innenstadt zu fahren. Auch die politischen Voraussetzungen stimmten. „Die Landesregierung und der OB haben signalisiert, dass sie unserem Projekt wohlwollend gegenüberstehen“, so Bühler.

Auf eine bestimmte Zielgruppe will man sich bei „Velocarrier“ indes nicht beschränken: von Privatkunden bis zu Großkonzernen hat man alles im Visier. Ideen gibt es reichlich. So ist Bühler bereits auf den Einzelhandel zugegangen, der zunehmend unter dem Wettbewerb der Online-Anbieter ächzt.

„Wir könnten die Einkäufe der Kunden mit dem Lastenrad zu ihnen nach Hause bringen, während sie unbeschwert weitershoppen oder einen Espresso trinken gehen“, erklärt Bühler eine Geschäftsidee. Vorerst setzt „Velocarrier“ aber auf den ganz normalen Pakettransport. Parallel läuft die Lobbyarbeit auf Hochtouren. „Ich bin täglich unterwegs“, sagt der unter Hochdruck arbeitende Vertriebsleiter. Kein Zweifel: Bühler ist Überzeugungstäter. „Ich bin mit Herzblut dabei. Ich glaube einfach, dass das hier eine tolle Sache ist.“

Firma auf Expansionskurs

Verteilerstellen „Same Day Delivery“, also die Auslieferung der Pakete noch am Tag des Versands, ist die Kernkompetenz von „Velocarrier“. In Stuttgart verfolgt die Firma hehre Ziele: „Aus unseren zwölf Bikes sollen in drei bis vier Jahren 50 werden“, sagt Sebastian Bühler, der auf seine langjährige Erfahrung in der Logistikbranche verweist. Aus den drei bisherigen Verteilerstellen sollen elf werden.

Lizenzen In Stuttgart beschäftigt die Firma bislang zwei fest angestellte Fahrer sowie einige Mini-Jobber. Gegründet wurde das Start-up Anfang 2015 in der Fahrradstadt Tübingen. Mittlerweile sind die roten Lastenräder auch in Esslingen, Würzburg, Gießen und ab September in Bochum unterwegs. Dabei vergibt die Firma Lizenzen an Partner  vor Ort. tjb

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