Männer-Haus: Eine zweite Chance nach dem Absturz

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Im Café „TaS“ werden dienstags Nachbarn und Bewohner bewirtet. Von links: die ehemaligen Hausbewohner Zoran Vavra, Thomas Prokop und Michael Wamsler mit Markus Vordermeier, der das Gartenprojekt leitet.  Foto: 

Es riecht nach Frühling. Eine Gruppe Männer steht im Garten und genießt die Sonne. Einer streichelt den Hund, der andere raucht, wieder einer weiter hinten fegt das Winterlaub zusammen. Eine alltägliche Szene, doch für die Männer, die heute hier zur Arbeit angetreten sind, bedeutet sie mehr. Diese Arbeit ist womöglich ihre letzte Chance auf ein normales Leben. Jeder hier trägt ein Problem mit sich herum oder gleich mehrere. Schulden, Drogen, körperliche oder psychische Leiden, man riecht die eine oder andere Fahne. Alle dieser Männer leben im Immanuel-Grözinger-Haus.

 Das Wohnheim in Stuttgart-Rot bietet 144 alleinstehenden Männern am Rande der Gesellschaft ein Zuhause. Bauen ließ den Block vor etwas mehr als 50 Jahren der Pfarrer Immanuel Grözinger. Dessen Ziel seinerzeit: Obdachlose aus den Kriegsbunkern herauszuholen, wo man sie seinerzeit untergebracht hatte. Nur übergangsweise sollte es das Hochhaus mit den elf Quadratmeter großen Einzelzimmern inklusive Kochnische geben. Es steht immer noch, ist stets voll belegt und wird von der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (EVA) geführt. Die Angebote wurden nach und nach ausgebaut.  Drinnen betreuen Suchtberater, Ärzte und Sozialarbeiter die Männer zwischen 25 und 82 teilstationär und stationär. Und draußen, auf dem 1,2 Hektar großen Gartenareal, helfen sie sich selbst.

Wer fit genug ist, arbeitet hier unter freiem Himmel. Die Männer schneiden Bäume und Hecken, pflanzen Obst, Gemüse und Getreide an, bringen Pferdemist auf den Beeten aus, erzählt Markus Vordermeier. Der gelernte Landschaftsgärtner leitet das Gartenprojekt, das es seit 2004 gibt. Die Erzeugnisse gehen an die Bewohner selbst oder an Nachbarn, die sich gegen Spenden oder auch umsonst Salat, Tomaten oder Brokkoli holen dürfen.

Rot ist ein sozial schwacher Stadtteil. Das Gartenprojekt soll allen zugutekommen, aber in erster Linie den Männern aus dem Wohnheim Struktur geben. Morgens aufstehen, etwas schaffen, abends die Früchte seiner Arbeit ernten. Jeder soll zeigen können, dass er ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft sein kann. „Wir versuchen, eine kleine Welt entstehen zu lassen, in der wir aus jedem etwas rauskitzeln können und den Bewohnern zeigen können, Arbeit kann Spaß machen“, erklärt Markus Vordermeier, ein kerniger Kerl mit Bart und langen Haaren. Die Männer erhalten Hilfe und sollen im Gegenzug spüren: Ich kann auch etwas zurückgeben. Dieses Konzept hat die Jury des Stuttgarter Bürgerpreises 2017 überzeugt. Sie belohnte das Gartenprojekt in der Kategorie „Nachhaltigkeit“ mit einem ersten Preis.

 Neben dem Garten gibt es andere Betätigungsfelder. Die Schreinerei, die Computerwerkstatt, das Café „TaS“, eine Mosaikwerkstatt, das Backhaus. „Das sind lauter alte Gebäude, es geht immer was kaputt, da sind wir froh drum“, sagt Markus Vordermeier und lacht. So geht die Arbeit niemals aus.

Zoran Vavra leitet die Fahrradwerkstatt – ehrenamtlich. Seine Zeit im Immanuel-Grözinger-Haus hat der frühere Industriemonteur hinter sich gelassen. Zwei Jahre hat er hier gelebt und sich zurück in ein geregeltes Leben gekämpft. Die Diagnose Lungenkrebs hatte den heute 67-Jährigen an den Abgrund gedrängt. „Ich konnte meine Wohnung nicht mehr halten.“ Dann kamen die Drogen. Und der Absturz. Thomas Prokop, der Zoran Vavra an diesem Dienstag Kaffee ausschenkt, kennt das Gefühl, den Kopf nur noch in den Sand stecken zu wollen. Zehn Jahre lang hing er an der Nadel. Koks und Heroin bestimmten sein Leben. In der Gartenarbeit hat er einen neuen Inhalt gefunden. „Das hat mir gutgetan, draußen zu arbeiten“, sagt der 57-Jährige rückblickend. Auch Thomas Prokop lebt heute in seiner eigenen Wohnung, bewirtet nur noch ehrenamtlich im Café „TaS“.

 Zwischen den Männern und ihren Nachbarn gibt es rege Kontakte, man hilft sich aus, kooperiert mit dem örtlichen Handel. Zudem kommen regelmäßig Kinder aus Kitas und der Ernst-Abbe-Schule für Sehbehinderte zur Garten-AG. Die Bewohner haben den Kindern einen Barfußpfad gebaut, da aktuell noch wenig wächst, wird gewerkelt oder Feuer gemacht. Highlights für Kinder und Erwachsene sind auch die Hühner und Gänse, die Bienenstöcke und zwei Aquarien. Um sie dürfen sich nur besonders zuverlässige Bewohner kümmern, „denen die Tiere wichtiger sind als der Schnaps“. Nicht jeder ist der Aufgabe gewachsen.

 Markus Vordermeier verheimlicht nicht: Ganz so idyllisch wie an diesem Sonnentag ist es nicht immer. Mindestens einmal die Woche sei die Polizei im Immanuel-Grözinger-Haus, noch häufiger der Notarzt. „Wir sind ein sehr nasses Haus“, sagt er und meint damit den Alkoholismus. Die ganz harten Fälle schaffen es nicht mal, ohne Hilfe zu duschen. Nebenan im öffentlichen Park sitzen nicht selten Bewohner mit ihren Tetrapaks. Gern gesehen wird das nicht. Weder von den Nachbarn noch vom EVA-Team. „Immerhin haben wir die Leute so weit, dass sie sich melden, wenn sie einen Bewohner irgendwo liegen sehen. Man geht nicht mehr aneinander vorbei“, sagt Markus Vordermeier.

Seit 1830 ist es die Aufgabe der Evangelischen Gesellschaft (EVA), Menschen in Notlagen zu helfen. In etwa 150 Diensten, Beratungsstellen, Wohngruppen und Heimen in Stuttgart sowie der Region kümmern sich heute etwa 1100 Hauptamtliche um Bedürftige. Dabei werden sie von weit mehr als 900 Ehrenamtlichen sowie Freiwilligendienstleistenden unterstützt.

Ins Haus der Diakonie, gegenüber des Hospitalhofs in der Büchsenstraße, kommen unter anderem arme Menschen ohne und mit Wohnung, Schwangere oder Suchtkranke. Andere Menschen sucht das Team auf: zu Hause, auf der Straße oder im Gefängnis. car

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