Stuttgarter Trickfilmfestival: Klasse statt Masse

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Der künstlerische Leiter des Trickfilm-Festivals, Ulrich Wegenast (li.), will sich bei seinem scheidenden Partner Dittmar Lumpp auch künftig Rat holen.  Foto: 

Dittmar Lumpp und Ulrich Wegenast nehmen Platz, ihre Füße versinken im flauschigen Teppich des Büros der Medien- und Festival gGmbH im Stuttgarter Zentrum. Ähnlich anschmiegsam ist die Stimmung zwischen den beiden Männern, die das Stuttgarter Trickfilm-Festival als kaufmännischer und als künstlerischer Leiter groß gemacht haben. Darüber sind sie zu einem harmonischen Team zusammengewachsen, zwischen das kein Blatt passt. Das 24. Trickfilm-Festival, das an diesem Dienstag beginnt, ist das letzte, das die beiden gemeinsam bestreiten, bevor Dittmar Lumpp in den Ruhestand geht. Über den Abschied wollen beide vor dem Festival eigentlich nicht reden. Und tun es dann doch.

Das Trickfilm-Festival wächst und wächst. Woher kommt der Erfolg?

Dittmar Lumpp: Wir haben das Festival in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich geöffnet. Heute steht es in der Blüte seiner Entwicklung, weil wir zwei Dinge unter einen Hut bringen. Zum einen erreichen wir das Publikum immer besser, weil das Festival in der Innenstadt immer präsenter ist. Auf der anderen Seite ist da der wirtschaftliche Aspekt. Den Animation Production Day, bei dem sich die Fachleute treffen, haben wir so weiterentwickelt,  dass das Festival heute europaweit eine der größten und wichtigsten Veranstaltungen für die wirtschaftliche Seite der Branche darstellt.

Hat das rasante Wachstum des Animationskinos dem Festival Aufschwung verliehen?

Ulrich Wegenast: Das hat natürlich geholfen. Auf der anderen Seiten war das Festival, das 1982 gegründet wurde, der Ausgangspunkt dieses Wachstums in der Region Stuttgart. Da gab’s Äffle und Pferdle, was wir sehr schätzen, danach aber eigentlich nichts mehr. Heute ist das Festival weit mehr als eine reine Abspielplattform. Wir sind bei vielen Entwicklungsprozessen part of the deal, ein Ort, an dem die Dinge entstehen, wir setzen Impulse, zeigen Trends, auch bei der Technologie.

Lumpp: Es ist eine Rolle, die das Festival beinahe zwanghaft übernommen hat. Wir sprechen zunehmend für die Gesamtbranche. Das zeigt, welches Vertrauen wir uns erarbeitet haben. Bei uns haben heute weltweit agierende Künstler ihre ersten Filme präsentiert, ich denke an Stephen Hillenburg mit „Spongebob“ oder Nick Park mit „Wallace and Gromit“. Das ist eine Entwicklung, die mich flasht.

Zusammen haben Sie beide das Trickfilm-Festival erst groß gemacht. Jetzt bestreiten Sie die letzte gemeinsame Auflage. Wie fühlt sich das an?

Lumpp: Es fühlt sich nicht besonders an. Zu diesem Zeitpunkt stehen wir im Kampf um die Realisierung des Festivals, so war das immer. Das ist für mich im Moment viel wichtiger, als darüber nachzudenken, was danach kommt.

Kein Hauch von Wehmut?

Lumpp: Nach dem Festival sicher. Schließlich war unsere Zusammenarbeit sehr gut, weil wir beide uns mit unterschiedlichen Temperamenten, Kenntnissen und Zugängen wunderbar ergänzt haben. Im Kern ist das Festival unser Wohnzimmer, in dem wir zeigen, was wir gut finden. Wenn man das gemeinsam machen kann, ohne in Konkurrenz zu treten, ist das toll. Am Ende aber ist das Festival wichtiger als die handelnden Personen. Das ist gerade jetzt eine wichtige Erkenntnis. Ich bin ganz sicher, dass die Strukturen so gewachsen sind, dass das Festival in Zukunft gut bestehen wird.

Wegenast: So eine Doppelspitze ist nicht immer ein Erfolgsgarant, doch wir haben uns gut ergänzt und Reibung immer in etwas Produktives umgemünzt. Das ist wie in einem Ping-Pong-System bei uns abgelaufen. Ich bin mit einer Idee um die Ecke gekommen, und Dittmar hat gefragt, wie man es realisieren kann. Und manchmal ist er mit einer verrückten Idee um die Ecke gekommen. Das Entscheidende ist, dass wir die verrückten Ideen immer in die Tat umgesetzt haben. Ich empfinde daher eine Mischung aus Wehmut, aber auch Vorfreude auf etwas Neues. Gleichzeitig habe ich Respekt vor der Zukunft, weil Dittmar immer sehr vielfältig gewirkt hat. Er war nie der typische kaufmännische Geschäftsführer, da war immer viel Rock’n’Roll dabei.

Lumpp: Das ist mir zu viel Abschied hier.

Wegenast: Stimmt. Eigentlich wollen wir uns ja auf das anstehende Festival konzentrieren…

Vorher verraten Sie aber sicher noch, wie die Nachfolge geregelt wird.

Lumpp: Die Doppelspitze wird auf jeden Fall beibehalten. Eine Findungskommission hat eine Auswahl getroffen, derzeit laufen noch Vertragsgespräche, weshalb wir jetzt noch keinen Namen nennen können. Vielleicht am Ende des Festivals.

Herr Wegenast, welche Zukunftspläne schmieden Sie für das Festival?

Wegenast: Es gibt nicht den großen Plan, aber nachvollziehbare Schritte der Erweiterung. Wie bei der Gamezone: Schon vor Jahren wussten wir, dass das wichtig wird. Das Festival ist ein Zukunftslabor des Films und der Animation. Wir wollen etwas bieten, was international spannend und gleichzeitig so innovativ ist, dass es auch für andere Felder relevant ist. Das Thema „augmented reality“, das bei der Wall of Animation am Marktplatz zum Einsatz kommt, ist ein gutes Beispiel, das ist auch für die Automobilindustrie oder die Architektur interessant.

Und gleichzeitig streben Sie mehr Wachstum an?

Wegenast: Quantität war nie das Ziel, wir wollten schon immer ein großes Publikum erreichen, aber die Qualität stand immer im Mittelpunkt. Wenn die gut kommuniziert wird, kommt auch das Publikum. Natürlich stehen wir unter Druck, Rekorde zu liefern, doch dem verwehren wir uns auch ein Stück weit. Mit 85 000 Besuchern pro Jahr stehen wir schon gut da, damit sind wir neben der Berlinale das größte Filmfestival in Deutschland.

Was waren im Rückblick die schönsten Festivalmomente?

Lumpp: Für mich war immer der besondere Moment, wenn wir ein Problem gelöst haben. Ich erinnere mich, beim ersten Open Air auf dem Schlossplatz haben wir in einer der Alleen eine zweistöckige Pagode aufgebaut und dabei versehentlich eine Kastanie beschädigt, das hat mich danach ein halbes Jahr beschäftigt.

Wegenast: Wie geht’s der Kastanie eigentlich?

Lumpp (lacht): Die hat’s überlebt. Daneben denke ich an viele kleine Begegnungen, Momente, an 8000 Menschen auf dem Schloss­platz in einer lauen Sommernacht, die Live-Übertragung aus der Oper. Das war so ein Moment.

Wegenast: Oder damals die Deutschland-Premiere des Henry-Selick-Films „Coraline“. Wir dachten, das Kino wird ein bisschen voll, und dann stand da plötzlich die dreifache Menge vor der Türe. Dann muss man eine Lösung finden, eine zweite Vorstellung organisieren.

Lumpp: Da wurde ich fast überrannt, das war der Hammer.

Wegenast: Solche Momente hast Du im normalen Kino nicht.

Dittmar Lumpp (64) ist seit 2005 hauptamtlicher Geschäftsführer für Finanzen und Organisation des Trickfilm-Festivals. Damit verbunden ist er jedoch schon weitaus länger: Von 1993 bis 2001, als der Träger noch ein Verein war, war er bereits dessen zweiter Vorsitzender. Weitere Stationen waren unter anderem die Filmakademie Baden-Württemberg, bei der Lumpp von 1992 bis 1997 kaufmännischer Leiter war. Rente bedeutet für ihn nicht Ruhestand: Dem Trickfilm-Festival will der Vater einer Tochter daher auch künftig erhalten bleiben – allerdings nur als Freund, Förderer und Berater. Schließlich gibt es da  noch den Weinberg im heimischen Rottenburg, der auch bestellt werden will.

Ulrich Wegenast (51) verantwortet das Programm des Trickfilm-Festivals seit 1993. Das ist jedoch nur eine Spielwiese des Familienvaters, der an der Uni Stuttgart Geschichte und Kunstgeschichte studiert hat. So war er unter anderem 1987 Gründungsmitglied des Vereins „Wand 5“, der den Stuttgarter Filmwinter verantwortet, und er nimmt Lehraufträge an verschiedenen Hochschulen wahr, darunter an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg. Wegenasts Vertrag als künstlerischer Leiter des Trickfilm-Festivals läuft noch bis 2020. Ob er danach weitermacht, überlegt er derzeit noch. dl

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