Kampf gegen dicke Luft

Autos sind in Stuttgart mindestens bis Mittwoch nicht gern gesehen: Die Stadt Stuttgart hat zum ersten Mal Feinstaub-Alarm ausgelöst. Der Verzicht auf den eigenen Wagen ist zunächst noch freiwillig.

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Anzeigetafeln an zentralen Straßen, Brückenbanner und der Verkehrsfunk informieren über den Feinstaub-Alarm.  Foto: 

Jetzt ist es so weit: Bis mindestens Mittwoch gilt in Stuttgart Feinstaub-Alarm. Die Bürger sind aufgerufen, freiwillig aufs Auto zu verzichten. "Lassen Sie Ihr Auto stehen, zum Schutz der Stuttgarter Luft und der eigenen Gesundheit", empfiehlt Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne). Stattdessen soll man Bus, Bahn oder Fahrrad fahren, Fahrgemeinschaften bilden oder von zu Hause aus arbeiten. Auch die 225 000 Pendler aus der Region sollen nicht mit dem Auto nach Stuttgart kommen. Der öffentliche Nahverkehr wird ausgeweitet: Die Sonderlinie U11 fährt tagsüber zwischen Wasen und Innenstadt. Die S-Bahn-Linien 1, 2, 3 und 5 verkehren über die Hauptverkehrszeiten hinaus als Langzüge.

Nicht nur Autos, sondern auch Kaminöfen pusten Schadstoffe in die Luft. Deshalb sollen auch sogenannte Komfort-Kamine in Stuttgart ausgeschaltet bleiben. Das sind Kaminöfen, die der Behaglichkeit dienen und einzelne Räume zusätzlich beheizen. Über den Alarm informiert die Stadt seit Samstag über Anzeigetafeln, Brückenbanner und den Verkehrsfunk.

In keiner anderen deutschen Großstadt ist so viel Feinstaub in der Luft wie in Stuttgart. Das Neckartor gilt als der am meisten belastete Ort des Landes: Nirgendwo sonst wird der Grenzwert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter häufiger überschritten. Laut EU-Recht darf das an 35 Tagen im Jahr passieren - Stuttgart liegt seit Jahren weit darüber. Bis 21. Dezember 2015 hatte es schon 70 Tage mit Überschreitung gegeben. Nach Angaben des Verkehrsministeriums fahren am Neckartor täglich 71 300 Autos vorbei.

Neben dem hohen Verkehrsaufkommen trägt auch die Kessellage Stuttgarts zur Feinstaubbelastung bei: Wenn hier Wetterlagen wie fehlender Regen, ungünstige Windrichtung oder geringe Windgeschwindigkeit aufeinandertreffen, kann die Luft nicht zirkulieren, und die Schadstoffkonzentration steigt an. Dass Schneefall die Gefahr bannen könnte, ist ein Trugschluss: "Vor allem im Winter kann es zu erhöhten Schadstoffwerten kommen, da in dieser Jahreszeit häufiger Wetterbedingungen herrschen, die eine Anreicherung von Feinstaub und Stickstoffdioxid begünstigen und eine Verdünnung und Verteilung in der Atmosphäre behindern", heißt es bei der Stadt Stuttgart.

Sie ruft den Feinstaub-Alarm aus, wenn die Prognosen des Deutschen Wetterdienstes einen geringen Luftaustausch an zwei Tagen nacheinander erwarten lassen. Das soll laut Verkehrsministerium acht bis zehn Mal im Jahr der Fall sein. Der Alarm endet erst, wenn sich der Luftaustausch an zwei aufeinanderfolgenden Tagen verbessern soll. Während der erste Feinstaub-Alarm gestern viele Kritiker auf der Facebook-Präsenz der Stadtverwaltung fand, geht er Anwohnern und Umweltschützern noch nicht weit genug: Aus Sicht der "Initiative Neckartor" ist die Maßnahme "ein absurdes Schauspiel", solange Autofahrer keine Konsequenzen befürchten müssen, wenn sie trotz Feinstaub-Alarms unterwegs sind. Auch die Deutsche Umwelthilfe fordert verbindliche Fahrverbote.

Dazu könnte es ab 2018 kommen: "Aktuell ist der Feinstaub-Alarm mit dem Verzicht auf das Auto eine freiwillige Aktion. Wenn wir aber bis Ende 2017 keinen Erfolg haben und die Schadstoffwerte nicht nachhaltig sinken, wird es zu verbindlichen Maßnahmen wie Fahrverboten kommen müssen", sagt OB Fritz Kuhn. Vorbild könnten Paris oder Palermo sein: Dort gelten an bestimmten Tagen Fahrverbote für Autos mit geradem oder ungeradem Kennzeichen. www.feinstaubalarm.stuttgart.de

Sonderangebote für Nahverkehr und Elektroautos

Freimonat im vvs Wer jetzt ein Jahresticket beim Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (vvs) abschließt, fährt drei Monate umsonst statt wie üblich zwei. Das "Abo sofort"muss bis 15. März unter dem Stichwort "Feinstaub-Alarm" bestellt werden. Es ist in allen SSB-Kundenzentren und DB-Reisezentren erhältlich.

50 Prozent Rabatt Wer die Smartphone-App moovel nutzt, kann Einzeltickets für den öffentlichen Nahverkehr zum halben Preis kaufen. Die moovel-Aktion gilt während der ersten beiden Feinstaub-Alarme im gesamten vvs-Gebiet.

Elektroautos Der Carsharing-Anbieter car2go bietet seine vollelektrischen Fahrzeuge in Stuttgart und Region während der ersten beiden Feinstaub-Alarme für 14 Cent pro Minute an. Das ist ein Rabatt von über 50 Prozent. Außerdem können sich Neukunden an Tagen mit Feinstaub-Alarmmit dem Promotion-Code "Feinstaub" kostenlos bei car2go anmelden.

CLS

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Kommentare

18.01.2016 22:40 Uhr

Scheinheilige restriktive Maßnahmen

Unsere Volksverteter haben bis dato keine dauerhafte Lösung für das Feinstaubproblem in Stuttgart, weil sie in hohem Maße selbst die Verursacher dieser Malaise sind. Die Technokraten im Stuttgarter Rathaus und federführend die vormalige CDU-geführten Landesregierung scheinen in einer irrealen Scheinwelt zu leben.

Wie soll man den Autofahren vermitteln, ihren Pkw stehen zu lassen, während gleichzeitig massenhaft Baufahrzeuge mit wesentlich höheren Emissionswerten ihr von der Politik beschlossenes Zerstörungswerk Stuttgart 21 im Herzen der Stadt seelenruhig fortführen dürfen. Für solch bürgerfeindliche Fehlentscheidungen kann ein mitdenkender Bürger wohl kein Verständnis mehr aufbringen.

Unsere Laienpolitikerschar weigert sich strikt für den Ausbau des längst überfälligen und verkehrsentlastenden Nordost-Autobahnringes um Stuttgart zu kämpfen und bringt diese Umfahrung, die für erheblich weniger Durchgangsverkehr sorgen würde, seit Jahren nicht hin.

Hat München ein Feinstaubproblem? Nein, dafür haben die eine komplette Autobahnumfahrung um die Stadt, einen intakten Englischen Garten und keinerlei irrwitzigen Pläne, ihren bestens funktionierenden Kopfbahnhof unter die Erde zu schaufeln.

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