Im Schatten des großen Bruders

Der Funkturm auf dem Frauenkopf ist Stuttgarts eigentlicher Fernsehturm - von dort werden Programme wie SWR, ARD oder RTL gesendet. Doch das wissen viele nicht. Zeit für eine Würdigung.

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Der eigentliche Fernsehturm ist der Funkturm auf dem Frauenkopf: Seine Metallantenne ist 50 Meter hoch.  Foto: 

Er steht immer im Schatten seines populären Bruders. Dabei schultert er schon seit einigen Jahren die Aufgaben, für die der Stuttgarter Fernsehturm ursprünglich errichtet worden ist. Die Rede ist vom Fernmeldeturm auf dem Frauenkopf. Dieser ist Teil eines Ensembles von drei Türmen auf den bewaldeten Höhen rund um den Talkessel. Das Dreigestirn prägt die Stuttgarter Skyline. Der dritte im Bunde ist der Funkturm auf dem Raichberg im Stuttgarter Osten. Er liegt mit den anderen beiden Türmen fast auf einer Linie.

Obwohl seine Leistungen recht spektakulär sind, wurde der Fernmeldeturm nie so richtig populär. Er kann weder mit einer Aussichtsplattform noch mit einem Restaurant in luftiger Höhe punkten. Er dient vielmehr rein technischen Zwecken. Die Betreibergesellschaft heißt Deutsche Funkturm, kurz DFMG, und gehört zur Deutschen Telekom. In ihrer Verantwortung liegt der Ausbau der Infrastruktur für Mobilfunk und Rundfunk.

Auf der Homepage der Gesellschaft heißt es ganz nüchtern: "Funktürme sind als technische Objekte konzipiert und daher in der Regel für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Bei einer technischen Nutzung darf den Turm nur speziell ausgebildetes und geschultes Personal betreten."

Bei öffentlicher Nutzung müssten nämlich äußerst hohe Anforderungen an den Brandschutz und die damit verbundene Auflage, im Falle einer Evakuierung genug Fluchtmöglichkeiten zu schaffen, erfüllt werden. Wie schwierig das ist, hat sich beim Fernsehturm gezeigt. Oberbürgermeister Fritz Kuhn ließ diesen am 27. März 2013 aus Brandschutzgründen, wegen fehlender Fluchtwege, kurzerhand für den Publikumsverkehr schließen. Seit vergangener Woche ist der Turm nun wieder offen - und feiert am Freitag seinen 60. Geburtstag. Doch zurück zum Fernmeldeturm: Dieser ragt exakt 192,4 Meter in die Höhe. Der 9,5 Millionen Mark teure Bau wurde zwischen 1969 und 1971 nach Plänen des Stuttgarter Ingenieurbüros Leonhardt, Andrä und Partner ebenso wie der Fernsehturm aus Stahlbeton errichtet. Beteiligt an der Planung war mit dem Bauingenieur Fritz Leonhardt auch der legendäre Vater des Fernsehturms.

Obwohl der Fernmeldeturm nur etwa 24 Meter kleiner als der Fernsehturm ist, wirkt er gegenüber der eleganten Betonnadel auf Degerlohs Höhen wesentlich gedrungener. Dazu trägt der Betriebsraum in 33 Metern Höhe bei, der mit einem Durchmesser von stattlichen 43 Metern nur knapp über den Baumwipfeln liegt. So konnte beim Bau des Turmkorbs eine kostengünstige Einrüstung vom Gelände aus gewählt werden.

Gefragt nach seiner Funktion, können die Anwohner auf dem Frauenkopf meist nur vage Angaben machen. Die meisten vermuten, dass er etwas mit Telefon und Mobilfunk zu tun habe. Aber die wenigsten wissen, dass sie in der Nachbarschaft des wahren Fernsehturms wohnen. Von hier aus werden nämlich nicht nur Radiosender wie AFN, Antenne 1, BigFM und Die Neue 107,7 ausgestrahlt, sondern auch eine Reihe von öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehprogrammen. Dazu zählen ARD, ZDF und SWR genauso wie ARTE, Phoenix, Sat1 und RTL.

Der Fernmeldeturm ist nämlich seit der Umstellung vom Antennen- oder terrestrischen Fernsehen auf den digitalen Betrieb im Jahr 2006 in Stuttgart der einzige Standort für die Verbreitung von Fernsehen. "Das ist mir völlig neu", sagt eine Spaziergängerin, für die der Fernmeldeturm zum vertrauten Orientierungspunkt in Stuttgart geworden ist.

Mancher erinnert sich noch an die spektakuläre Aktion vor einem Jahrzehnt. Damals wurde mit Hilfe eines Spezialhubschraubers eine neue Antennenspitze installiert. Dabei mussten fünf Arbeiter in schwindelerregender Höhe die einzelnen Teile der neuen Spitze verschrauben.

Der heutige Fernmeldeturm hatte übrigens einen Vorgänger. Dieser wurde bereits 1954 errichtet und war gerade mal 58 Meter hoch. Er war für den Richtfunkverkehr der Deutschen Bundespost gedacht. Knapp zehn Jahre später begann auf dem Frauenkopf das Fernsehzeitalter. Ab 1963 wurde von hier aus das ZDF verbreitet. Nachdem der alte Turm durch den Bau seines Nachfolgers keine Funktion mehr hatte, wurde er 1975 abgetragen.

Der Funkturm auf dem Raichberg gehört auch zu dem markanten Trio auf Stuttgarts Höhen. Er ist ebenso wenig öffentlich zugänglich wie der Fernmeldeturm. 1966 in Stahlbetonweise errichtet, dient das 93 Meter hohe Bauwerk Polizei und Feuerwehr für deren Funkverkehr. Dieser Funkverkehr ist nicht öffentlich und wird als BOS-Funk bezeichnet.

Nächtliche Führungen und prominente Gäste

Fernsehturm Seit dem 25. Juli 2006 werden vom Stuttgarter Fernsehturm nur noch UKW- und DAB-Hörfunkprogramme abgestrahlt. Zuvor wurde das Fernsehprogramm "Das Erste" verbreitet. Da zur Ausstrahlung von Programmen im DVB-T-Standard ein aufwändiger Austausch der Fernsehantenne notwendig gewesen wäre, verzichtete der SWR auf die Ausstrahlung seiner Bouquets vom Fernsehturm und verlagerte diese zum Standort Stuttgart-Frauenkopf der Deutschen Telekom.

Programm Zum Jubiläum an diesem Freitag werden alle SWR-Hörfunk-Programme live vom Fernsehturm und ab 18.45 Uhr auch das SWR-Fernsehen gesendet. Gäste sind unter anderem die Band "The BossHoss" und Comedian Christoph Sonntag.

Premiere Der Turm bleibt das erste Mal in seiner Geschichte 24 Stunden am Stück geöffnet. Der Startschuss fällt am Freitag um 9 Uhr. Ab 1 Uhr gibt es zu jeder vollen Stunde Nachtführungen bis 5 Uhr morgens und ab 6 Uhr ein Sonnenaufgangsfrühstück im Panoramacafé.

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