Grünen-Fraktionschefin will in Paris Politik machen

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Sollte es für die Nationalversammlung reichen, will Anna Deparnay-Grunenberg ihre Stuttgarter Ämter niederlegen.  Foto: 

In den vergangenen Wochen wusste Anna Deparnay-Grunenberg morgens nach dem Aufwachen manchmal nicht, wo sie sich befindet. Berlin, Bratislava, Budapest – die Grünen-Stadträtin aus Stuttgart, die seit 2014 neben Andreas Winter Fraktionsvorsitzende ist, hat Kilometer gerissen, Wahlkampf auf Hochtouren betrieben. Mit einem Ziel: Die 40-jährige Deutsch-Französin will in die Pariser Nationalversammlung einziehen, in größeren Dimensionen als bisher grüne Politik machen, die ökologische Transformation der Wirtschaft vorantreiben, wie sie sagt. Möglich macht das eine französische Besonderheit: Seit 2012 sind elf der insgesamt 577 Wahlkreise sogenannte Auslandswahlkreise, aus denen jeweils ein Abgeordneter in die Hauptstadt entsandt wird.

Der Umstand, dass Deparnay-Grunenberg teils weite Strecken zurücklegen musste, um potenzielle Wähler kennenzulernen, liegt daran, dass die Auslandswahlkreise geografisch betrachtet deutlich größer sind als man es von normalen Wahlen kennt. So umfasst der Wahlkreis der studierten Forstwirtin 16 Staaten, darunter Polen, Ungarn und Deutschland. Registriert sind dort mehr als 150 000 Auslandsfranzosen, wobei 85 Prozent in der Bundesrepublik leben. „Die Wahl wird hier entschieden“, sagt Deparnay-Grunenberg, die den amtierenden Abgeordneten Pierre-Yves Le Borgn’ (Sozialistische Partei) mit Wahlkreisbüro in Köln vom Thron stoßen möchte.

Während in Frankreich am 11. und 18. Juni in zwei Wahlgängen votiert wird, geht’s für die Auslandsfranzosen früher los: Sie werden an diesem Sonntag, 4. Juni, sowie am 18. Juni an die Urnen gebeten. Ein Problem könnte die Wahlbeteiligung werden. 2012 habe die nur bei 15 Prozent gelegen. Viele Auslandsfranzosen wüssten gar nicht um ihre Möglichkeiten, sagt Deparnay-Grunenberg. Hauptaufgabe in den vergangenen Monaten sei daher gewesen, so viele Landsleute wie möglich kennenzulernen und auf das Votum aufmerksam zu machen. Organisieren musste Deparnay-Grunenberg den Wahlkampf komplett allein, ein kleines Team aus Ehrenamtlichen stand ihr zur Seite. Schon allein wegen der Größe des Wahlkreises sei vieles online gelaufen.

Gelänge ihr tatsächlich der Einzug in die Nationalversammlung, wäre es für die dreifache Mutter ein steiler politischer Aufstieg. Erst seit 2008 ist sie Parteimitglied, legte dort eine respektable Entwicklung hin. 2009 kandidierte sie auf Listenplatz drei für den Stuttgarter Gemeinderat und schaffte den Sprung ins Gremium, fünf Jahre später avancierte sie gar zur Stimmenkönigin der Grünen und holte die zweitmeisten Stimmen im Rat. Gekrönt wurde das Ganze durch die Kür zur Co-Sprecherin der Fraktion.

Beobachter in Stuttgart bescheinigen Deparnay-Grunenberg, im Bereich Umwelt- und Naturschutz gute Initiativen anzustoßen, aber auch ein gewisse Unerfahrenheit in der öffentlichen Darstellung. Bei OB Fritz Kuhn (Grüne) machte sie sich 2016 dem Vernehmen nach unbeliebt, als sie für die Nachfolge des Flughafenchefs Georg Fundel früh im Prozess einen Parteikollegen ins Spiel brachte und damit den Eindruck erweckte, das Parteibuch mehr als das Wohl des Unternehmens im Auge zu haben, in dessen Aufsichtsrat sie sitzt.

Für Auslandsfranzosen engagiert sich die 40-Jährige schon länger. Seit einigen Jahren ist sie konsularische Delegierte, ein Ehrenamt, in dem man eine Art Kümmerer für Auslandsfranzosen sei, erklärt sie. Als Mitglied der Nationalversammlung erhofft sie sich, noch stärker für französische Belange eintreten zu können. Sie wolle beispielsweise zwischen französischen Schulen und deutschen Behörden vermitteln. Ihr Vorteil sei, dass sie beide Systeme sehr gut kenne. Nach eigener Einschätzung beschert ihr dieses Profil für die Wahl „eine realistische Perspektive“.

1976 in Berlin als Tochter einer Französin und eines Schweizers geboren, wuchs Deparnay-Grunenberg in Frankreich auf. Mit 19 kehrte sie zum Studium der Forst- und Umweltwissenschaften an der Uni Freiburg zurück, traf ihren späteren Mann Markus, mit dem sie heute in Stuttgart einen Sohn (14) und Zwillingstöchter (12) großzieht. Dass sie zurzeit viel unterwegs sei, nehme ihr die Familie nicht übel, sagt die Stadträtin. Im Gegenteil: „Sie unterstützen mich.“

 Ihre Ämter in Stuttgart will Deparnay-Grunenberg, sollte sie gewählt werden, aufgeben. Der Aufwand, beides nebenher zu betreiben, sei zu groß. „Das wäre zu viel, um alles gut zu machen“, glaubt die Kandidatin. Im Fall des Falles wolle sie sich aber weiter in Stuttgart, wo sie Wurzeln geschlagen hat, und im grünen Kreisverband engagieren. Auch ihr Wahlkreisbüro wolle sie hier eröffnen.

Zunächst gegen die Parteilinie unterstützte die Grünen-Stadträtin Anna Deparnay-Grunenberg den  neuen französischen Präsidenten Emmanuel Macron von Anfang an, wie sie sagt. Ökologisch gehe ihr das Programm von „En marche!“ noch nicht weit genug, aber Macrons Ziel, ein neues Frankreich und ein neues Europa zu schaffen, „passt genau zu meinem Politikverständnis“. Insofern sähe sie in einer Zusammenarbeit auch keine Schwierigkeiten: „Ich bin es gewohnt, auf kommunaler Ebene mit allen Menschen und Gruppen zu sprechen.“ Im Gemeinderat gäbe es ohnehin keine festgefügten Koalitionen, sondern wechselnde Mehrheiten.

Nun sei es wichtig, „den Schwung, den Macron in die französische Politik bringt, zu nutzen“, sagt die Grünen-Stadträtin. Wenn er liefere, bringe das nicht nur Frankreich, sondern auch Deutschland und der EU etwas. gha/dl

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