Grüne holen alle Direktmandate

Die Grünen haben der CDU in Stuttgart bei der Landtagswahl auch das letzte Direktmandat abgejagt und stellen nun vier direkt gewählte Abgeordnete. Die Stuttgarter FDP gewinnt einen Sitz.

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  • Ausgelassene Stimmung bei der Wahlparty der Grünen in der Staatsgalerie: Mark Breitenbücher (von links ), Franz Untersteller, Oberbürgermeister Fritz Kuhn und Muhterem Aras freuen sich über das Wahlergebnis. 1/3
    Ausgelassene Stimmung bei der Wahlparty der Grünen in der Staatsgalerie: Mark Breitenbücher (von links ), Franz Untersteller, Oberbürgermeister Fritz Kuhn und Muhterem Aras freuen sich über das Wahlergebnis. Foto: 
  •  Wahlbeteiligung in Stuttgart. 2/3
     Wahlbeteiligung in Stuttgart. Foto: 
  • Verliert sein Direktmandat: Reinhard Löffler (CDU). 3/3
    Verliert sein Direktmandat: Reinhard Löffler (CDU). Foto: 
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Wer die Sieger dieser Landtagswahl sind, das ist am Sonntagabend, 18 Uhr, als die ersten Hochrechnungen auf die Leinwand geworfen werden, nicht zu überhören. In zwei Ecken des Großen Sitzungssaals im Stuttgarter Rathaus wird gejubelt: in jener der Grünen und in jener der AfD-Mitglieder. Letztere liegen zwar unter dem Landesschnitt, haben aber dennoch 11,1 Prozent erreicht und sind damit in Stuttgart viertstärkste Kraft. Erstere haben ihre Vormachtstellung in der Schwabenmetropole weiter ausgebaut: Die Öko-Partei ist mit 36,4 Prozent der Stimmen die stärkste Partei und stellt nun mit Muhterem Aras, Brigitte Lösch, Winfried Hermann und Franz Untersteller alle vier direkt gewählten Kandidaten.

Ebenfalls freuen kann sich die Stuttgarter FDP: Sie liegt mit 9,4 Prozent über dem Landesschnitt - und entsendet mit Gabriele Reich-Gutjahr über die Zweitauszählung ebenfalls eine Abgeordnete, so dass Stuttgart fünf Abgeordnete im Landtag haben wird. CDU und SPD mussten indes herbe Verluste einstecken: Nach dem vorläufigen Wahlergebnis ist die Union mit 22,2 Prozent zweitstärkste Kraft, hat im Vergleich zu 2011 aber 9,3 Prozent verloren. Die Genossen landeten mit 11,9 Prozent (2011: 20,4 Prozent) gerade noch so vor der AfD. Die Stuttgarter Linke kam mit 5,3 Prozent über den Landesschnitt. Der Bundesvorsitzende der Linken, Bernd Riexinger, holte in seinem Wahlkreis 5,9 Prozent der Stimmen. Kein Vergleich freilich zu den Werten der grünen Kandidaten: Muhterem Aras, die wieder Stimmenkönigin im Land wurde, schaffte mit 42,4 Prozent fast das gleiche Ergebnis wie damals (42,5), Vizelandtagspräsidentin Brigitte Lösch konnte ihres mit 34,4 Prozent sogar noch ein bisschen ausbauen. "Das zeigt, dass die Wähler die gute Arbeit honoriert haben", sagt sie am Wahlabend. Verkehrsminister Winfried Hermann kam derweil auf 37,2, Kollege Franz Untersteller auf 30,7 Prozent.

"Das Ergebnis ist richtig super! Ich habe schon im Wahlkampf gespürt, wie positiv die Reaktionen sind", stellt Winfried Hermann fest. Er war zuletzt ohne Landtagsmandat gewesen, während Untersteller vor fünf Jahren über das Zweitmandat in den Landtag eingezogen war. Seinerzeit hatte er Reinhard Löffler von der CDU noch den Vortritt lassen müssen.

Jetzt sind die Rollen vertauscht: Löffler verliert sein Mandat. Er war nach der Schicksalswahl 2011, bis zu der die CDU alle Direktmandate in Stuttgart innehatte, der letzte CDU-Abgeordnete aus Stuttgart gewesen. Gegen 19.30 Uhr bahnt sich Löffler seinen Weg durch den Ratskeller am Marktplatz gen Mikrofon. Die Füße versinken im schweren Teppich. Die Stimmung ist passend zur Location: im Keller. Er fühle sich wie beim WM-Spiel Deutschland gegen Brasilien, sagt Löffler. "Nur sind wir heute Brasilien." Aus Löfflers Miene spricht Frust, aber auch Schicksalsergebenheit: "Das ist eine bittere Stunde, aber man muss Niederlagen auch mit Anstand hinnehmen", sagt er im Ratskeller. Er sei sich sicher, dass die CDU das Vertrauen der Wähler wiedergewinne. Als er fertig ist, ruft einer im Saal: "Wir werden weiterkämpfen." Der Ruf verhallt, niemand applaudiert.

Zurück im Rathaus: Die Stimmung bei der SPD ist nicht besser. Dem SPD-Kreisvorsitzenden Dejan Perc fehlen die "Adjektive", um das Ergebnis zu beschreiben. Es sei "absolut inakzeptabel", sagt er dann doch. Und mit Blick auf die sinkende Zustimmung über Jahre hinweg auch kein Ausrutscher. Der SPD-Fraktionschef im Gemeinderat, Martin Körner, bezeichnet das Abschneiden seiner Partei als "Debakel". Über viel zu viele Jahre habe man es nicht geschafft, auch "Herz und Bauch" der Menschen zu erreichen. Körner: "Man kann ein Land nicht nur bürokratisch regieren." Eine Anspielung auf den Spitzenkandidaten Nils Schmid, der es nie geschafft hatte, aus dem Schatten von Ministerpräsident Winfried Kretschmann zu treten.

Des Landesvaters Parteikollege Fritz Kuhn jubelt freilich mit, als die ersten Ergebnisse an die Wand geworfen werden. Dass die Grünen im Land vor der CDU seien, sei sensationell, sagt der Stuttgarter OB, der zu den Gründungsmitgliedern der Grünen gehört. Schatten dieser Wahl hingegen sei das Abschneiden der AfD. Er sei sich jedoch sicher, dass deren Kandidaten "im Landtag schnell entzaubert sind, wenn sie liefern müssen".

Wahlsplitter

Wahlbeteiligung

Die Wahlbeteiligung in Stuttgart lag mit 72,8 Prozent leicht unter dem Niveau der Wahl 2011 (73,1 Prozent). Insgesamt waren 374.000 Stuttgarter zur Wahl aufgerufen gewesen - rund 6000 mehr als beim letzten Mal. Rund 81.000 Menschen hatten im Vorfeld Briefwahl beantragt - ein Rekord. 52 Kandidaten aus 13 Parteien hatten sich zur Wahl gestellt. Abgestimmt wurde in 350 Wahllokale, in denen rund 2600 Wahlhelfer im Einsatz waren. Zwischenfälle mit AfD-Wahlbeobachtern gab es laut der Stadtverwaltung nicht.

Wahlboykott

Wirklich viele Leute konnte die Initiative "Mitmachen ohne mitzuspielen" am Sonntag wohl nicht davon abzuhalten, wählen zu gehen. In der gläsernen Urne, die sie auf dem Stuttgarter Schlossplatz öffentlichkeitswirksam aufgestellt hatte, lagen nur ein paar nicht gebrauchte Wahlberechtigungsscheine - Politik-Enttäuschte hatten diese dort einwerfen können. Mit mehr Resonanz hatten Konrad Nestle und seine Mitstreiter aber auch nicht gerechnet. Die Symbolik stand für sie im Vordergrund. Den etablierten Parteien, denen es nur um ihren Machterhalt gehe, wollten sie einen Denkzettel verpassen. Der gesamte politische Diskurs sei im Vorfeld der Wahl nach Rechts gerückt. Nestle: "Den Parteien ging es nur darum, der AfD Stimmen abzujagen." Und jetzt wollten alle das Gleiche: Auffanglager für Flüchtlinge und die Grenzen dichtmachen. Mit der Aktion zeigte sich der Stuttgarter, der früher bei den Grünen engagiert war und zuletzt die Linke gewählt hat, trotz der eher leeren Urne zufrieden: "Sie sehen keine enttäuschten Gesichter." Man habe schwierige und bedenkliche, aber auch muntere Gespräche geführt.

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