Gehörlose erhalten Zugang

Premiere für den Stuttgarter Gemeinderat: Die Stadt lässt erstmals eine Sitzung in Gebärden- und Schriftsprache übersetzen. Das ermöglicht Menschen mit Hörproblemen, die Debatte zu verfolgen.

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    Die Debatte im Ratssaal wird für Gehörlose erlebbar. Foto: 
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    Dolmetscher in Aktion. Foto: 
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"Ich bin richtig gespannt darauf, wie das wird." Walter Tattermusch schaut erwartungsvoll der Sitzung des Stuttgarter Gemeinderats am Donnerstag entgegen. Das Gremium wird an diesem Tag im Plenum über den Doppelhaushalt 2015/16 debattieren. Das tut der Rat jedes Jahr, das gehört zur kommunalpolitischen Routine. Neu an dieser Sitzung wird sein, dass sie von gehörlosen Menschen oder Personen mit Hörschwäche verfolgt werden kann. Denn die Stadt lässt die Reden in Gebärden- und Schriftsprache übersetzen.

Damit verwirklicht die Kommune eine Idee von Tattermusch, der bis vor wenigen Monaten noch das städtische Sozialamt leitete und inzwischen als Behindertenbeauftragter tätig ist. Er habe schon in seiner früheren Funktion mitbekommen, welche Schwierigkeiten Menschen mit Hörproblemen hätten, am öffentlichen Leben teilzuhaben, sagt Tattermusch. Für sie sei oft frustrierend, dass über ihre Köpfe hinweg entschieden werde. Wenn sie aber eine Diskussion mitverfolgen können, falle es ihnen leichter, ihre Meinung einzubringen.

Für die simultane Übersetzung hat die Stadt das Münchner Unternehmen Verbavoice engagiert. Die von der Hörgeschädigtenpädagogin Michaela Nachtrab 2009 gegründete Firma unterhält einen mobilen Dolmetschdienst, der sich des Internets bedient. Das bedeutet: Der Dolmetscher ist nicht persönlich im Saal anwesend, sondern bekommt die Auftritte der Redner per Saalkamera übertragen. Er selbst sitzt andernorts vor einer Kamera, die seine Gestik und Mimik aufzeichnet und auf die Leinwand im Ratssaal überträgt. Wer der Gebärdensprache mächtig ist, versteht dann, was der Redner im Saal sagt.

Doch nicht alle Menschen mit schlechtem Gehör haben die Gebärdensprache erlernt. Für sie überträgt ein anderer Dolmetscher das gesprochene Wort in Schriftform. Der Text läuft als Schriftband. Tattermusch rechnet damit, dass etliche hörbehinderte Menschen zu der Sitzung kommen.

Laut Tattermusch ist der Gemeinderat Stuttgart in Württemberg Vorreiter bei der Übersetzung von Ratssitzungen in Gebärden- und Schriftsprache. In der Sitzung am Donnerstag will die Stadt erst einmal Erfahrungen sammeln. Danach soll laut Bürgermeister Werner Wölfle (Grüne) entschieden werden, wie es weitergeht. "Man wird die Technik nicht zum Standard machen", sagt Wölfle einschränkend. Nicht wegen der Kosten. Die seien, so Wölfle, mit 2500 Euro für fünf Stunden Sitzung "überschaubar". Vielmehr dürften nicht alle Sitzungen auf Interesse stoßen. Tattermusch pflichtet bei: "Ich hätte Bauchweh, wenn eine Sitzung des Technischen Ausschusses übersetzt werden würde." Denn das stieße wohl auf wenig Resonanz. Anders Haushaltberatungen. Die seien wichtig für Behinderte.

Tattermuschs Wunsch ist, dass die Stadt künftig Sitzungen auch per Livestream übersetzt. Technisch ist das möglich. Der Landtag überträgt seit November 2014 Plenumssitzungen in Ton sowie in Gebärden- und Schriftsprache.

Software für Spracherkennung im Einsatz

Technik Bei der Übertragung von gesprochenem Wort in die Schriftform gibt es zwei Möglichkeiten. Der Schriftdolmetscher schreibt entweder auf der konventionellen Computertastatur mit oder aber er spricht das gesprochene Wort nach, das eine Software für Spracherkennung in Schriftform bringt. Der Dolmetscher kontrolliert die aufgenommene Schrift auf Fehler und korrigiert notfalls.

Frauenberuf Die Firma Verbavoice verfügt über einen Pool von mehr als 200 Schrift- und Gebärdendolmetschern, die weltweit für das Unternehmen tätig sind. Schriftdolmetscher durchlaufen eine spezielle Ausbildung. Sie rekrutieren sich häufig aus der Berufsgruppe der Fremdsprachen-Dolmetscher und Übersetzer.Frauen sind in der Mehrzahl.

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