Geheimprojekt „Brasilien“  nutzte Stuttgart kaum etwas

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  • Im Zweiten Weltkrieg erlitt das Stuttgarter Rathaus durch Bombentreffer schwere Schäden. Der Turm blieb zwar stehen, wurde aber später abgerissen und durch einen neuen ersetzt. Auch der Hauptbahnhof wurde mehrmals beschädigt – trotz Attrappe in Lauffen. 1/2
    Im Zweiten Weltkrieg erlitt das Stuttgarter Rathaus durch Bombentreffer schwere Schäden. Der Turm blieb zwar stehen, wurde aber später abgerissen und durch einen neuen ersetzt. Auch der Hauptbahnhof wurde mehrmals beschädigt – trotz Attrappe in Lauffen. Foto: 
  • Günter Keller: Attrappe war nutzlos.  2/2
    Günter Keller: Attrappe war nutzlos.
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Mit Essen für den Gemeinderat, Ölgemälde und Brief bedankte sich Oberbürgermeister Arnulf Klett am 3. April 1958 für „die Leiden der Stadt Lauffen im letzten Kriege“. Er reagierte auf eine damals weit verbreitete Behauptung. „Wir mussten den Kopf hinhalten für Stuttgart“, hieß es in Lauffen am Neckar. Und noch heute gilt als sicher, dass dank eines militärischen Tricks feindliche Bombenangriffe von Stuttgart ferngehalten wurden. Bei Lauffen hatte die Wehrmacht einen Scheinbahnhof errichten lassen. Nun aber stellt der Hobbyhistoriker Günter Keller (65) fest, dass diese Attrappe mit dem Codenamen „Brasilien“ zwar viel größer war als bekannt, aber auch ihre Wirkung ungleich geringer als bisher behauptet.

„Es gibt keinen einzigen Beleg, dass die britische Luftwaffe die S-Anlage als Bahnhofsgegend von Stuttgart identifiziert hat“, behauptet Keller in seinem Buch (Verlag Regionalkultur, 19.80 Euro). Die Bahnhofsattrappe sei nie von Bomben getroffen worden. Keller hat mit rund 100 Zeitzeugen gesprochen, er hat in Archiven des deutschen und britischen Militärs recherchiert. Was er zu Tage förderte und auf 160 Seiten festhielt, korrigiert ein Großteil dessen, was von der wohl größten Scheinanlage der Wehrmacht überliefert wurde.

Das „Große Feld“ zwischen Lauffen und Heilbronn hatten Militärs für den Nachbau des Stuttgarter Bahnhofs ausgesucht. Als Kriterium wurde stets angenommen, der Verlauf des Neckars dort ähnle dem Flussabschnitt bei Bad Cannstatt. Doch auch daran mag Keller nicht glauben. Wichtiger sei wohl gewesen, dass die Anlage „in dem gewellten Hochplateau weitab von Straßen und Bahntrassen kaum einsehbar ist“. Auch gefährdete Ortschaften grenzten „nicht ganz unmittelbar“ an.

Ab Frühjahr 1940 entstanden in dem Sperrgebiet Fassaden aus Brettern, etwa zehn, vielleicht sogar zwanzig Meter hoch und bis zu 40 Meter lang. „Industrieanlagen“ bestanden aus Latten, Pfosten, Schilfmatten. Zylinder aus Backstein sollten Gaskessel vortäuschen. Mit Feuern aus Stroh, Rebenbüscheln, Teer und Kohlen sollten den Angreifern Treffer vorgegaukelt werden. Die erhoffte optische Wirkung verstärkten starke Scheinwerfer. Bei Angriffen sollten  Flakstellungen die Verteidigung inszenieren.

Höchstens drei Tote

Für das Ablenkungsmanöver habe Lauffen leiden müssen, hieß es bislang. Bei Bombenangriffen, die Stuttgart gelten sollten, seien 99 Menschen getötet und  mehrere Häuser zerstört worden, galt bisher als gesicherte Folge. Autor Keller dagegen geht von allenfalls drei Toten aus. Es habe auch keine 44 Angriffe gegeben, „sondern höchsten vier“, beruft er sich auf Dokumente aus den Archiven. Seiner Ansicht nach war „Brasilien“ kein Erfolg, Keller schreibt gar von „Nutzlosigkeit“. Bis Ende Oktober 1943 sei deshalb der Scheinbahnhof abgebaut worden.

Keller ist überzeugt, dass sich die Briten nicht ins Bockshorn jagen ließen. Angriffsziele ihrer Bomben seien zunächst Karlsruhe, Mannheim, Nürnberg und Frankfurt gewesen, nicht Stuttgart. Die Treffergenauigkeit sei miserabel gewesen: „Die anvisierten Ziele wurden oft um bis zu 100 Kilometer verfehlt.“ Das deutsche Luftgaukommando rechtfertigte den riesigen Aufwand mit Erfolgsmeldungen, die offenbar dem Rechtfertigungsdruck geschuldet waren. „So meldet man alles, was irgendwie zu melden möglich ist, als Bomben auf Brasilien“, fasst Keller zusammen. Bis auf eine Ausnahme sei „kein Angriff auf Stuttgart verhindert worden“.

In seiner Bestandsaufnahme kommt der Autor zu dem Ergebnis, dass das gesamte Umfeld des Scheinbahnhofs mehr für Karlsruhe, Mannheim und Nürnberg Bomben hatte hinnehmen müssen, „als für Stuttgart“.

Imitationen Hunderte von Scheinanlagen hatte es im Deutschen Reich gegeben. Sie waren allerdings nur so lange nützlich, wie feindliche Bomberpiloten sich eher unzureichend orientieren konnten. Mit fortschreitender Technik jedoch fanden sie ihr vorgegebenes Ziel immer exakter.

Verwirrung Auch die Briten verstanden sich auf die Ablenkung von wirklich kriegswichtigen Anlagen. In England waren nach dem Bombardement von Coventry im November 1940 weit mehr als 200 Attrappen entstanden, die angreifende Piloten glauben machen sollten, sie flögen direkt über eine brennende Stadt. „Starfish“ nannten die Briten dieses System. hgf

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